Spektakuläres Hochhaus-Konzert: "So etwas haben wir noch nie erlebt"

Stand: 18.07.2021 08:00 Uhr

Mitten in einer Hochhaussiedlung erklingt Musik mit Pauken, Trompeten und Alphörnern. "Himmel über Hamburg" heißt der Abend der Dresdner Sinfoniker, der im Rahmen des Hamburger Kultursommers am Sonnabend über den Dächern der Stadt erklang.

von Daniel Kaiser

Ein solches Konzert hat es in Hamburg noch nie gegeben. Musik erklingt mitten in der Lebenswelt der Stadtbewohner im Bezirk Eimsbüttel. Einige Musiker spielen unten auf einer Bühne, die auf einem Sportplatz aufgestellt ist, gleichzeitig blinken aber auch oben auf den Hochhausdächern Posaunen, Tuben und Trompeten in der Abendsonne. Der Klang kommt von allen Seiten und ist fast im ganzen Stadtteil zu hören.

Die Dresdner Sinfoniker spielen ein Konzert auf den Dächern der Lenzsiedlung © Maximilian Probst
Ungewohnte Klänge: Mitten in der Hamburger Lenzsiedlung erklingen Alphörner, Pauken und Trompeten.

Die Bewohnerinnen und Bewohner der Lenzsiedlung stehen auf ihren Balkonen, öffnen ihre Fenster und genießen die kostenlosen Logenplätze. Unten auf dem Sportplatz sitzt das zahlende Publikum im Corona-Abstand auf Stühlen und schüttelt den Kopf: "So etwas haben wir noch nie erlebt."

Konzert als Antwort auf Corona-Regeln

Auch über eine große Entfernung hinweg gemeinsam zu musizieren, ist die Antwort der Dresdner Sinfoniker auf Corona und die Abstandsregeln. Im vergangenen Jahr hat das Orchester dieses Projekt schon einmal in Dresden mit Erfolg umgesetzt. Die Musiker auf den Dächern, die von unten wie Scharfschützen in einem Kino-Thriller wirken, sind sicherheitshalber festgegurtet, alle sind an Lautsprecher angeschlossen, und alle haben einen Knopf im Ohr, denn über so große Distanzen ist Timing alles.

Olympia-Fanfare und dramatische Sirenen

Nach dem feierlichen Auftakt mit der Olympischen Fanfare, die John Williams für die Spiele von Los Angeles 1984 komponiert hat, erklingt 400 Jahre alte Musik aus Venedig, die Giovanni Gabriele für ein Orchester schuf, das im riesigen Markusdom verteilt steht. Nicht nur in Venedig, auch in Hamburg-Eimsbüttel funktioniert der Echo-Effekt dieser alten Musik. Als das vierköpfige chinesische Ensemble, auf seine historischen Dà-Gu-Trommeln schlägt, hört man, wie das "Bumm!" und "Klack!" an den Hochhausfassaden entlang ins Viertel schießt.

Höhepunkt ist das halbstündige zeitgenössische Stück des Komponisten Markus Lehmann-Horn für 16 Alphörner, neun Trompeten, vier Tuens und Dà-Gu-Trommeln. Die Entfernungssinfonie "Himmel über Hamburg" gießt die deutsche Geschichte in Töne. Es erklingen bedrohliche Sirenen, Klangfetzen des Horst-Wessel-Wessel der Nazis, aber auch die US-Hymne "Star Spangled Banner" und ein paar Töne aus Beethovens versöhnlicher "Ode an die Freude". Das Publikum auf dem Sportplatz und im Hochhausviertel bedankt sich mit langem Applaus.

Musik überwindet Distanzen

Möglich gemacht haben das Konzert die Elbphilharmonie und die Kulturfabrik Kampnagel. Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard durfte auch selbst mitmachen und an einer ganz besonders dramatischen Stelle mit anderen in eine Vuvuzela tröten. Nur 500 Menschen konnten wegen der Abstandsregeln auf das Fußballfeld. Sie hätten ein Vielfaches an Karten verkaufen können, bedauert Amelie Deuflhard, freut sich aber dennoch über einen geglückten Konzertabend, der aus einem riesigen Hochhausviertel einen Klangraum gemacht hat.

Die Musiker haben über große Entfernung harmoniert. Das Orchester brachte seine Musik aus dem Konzertsaal zu den Menschen im Stadtteil. Und unter freiem Himmel sind die Abstandsregeln auch nicht so streng. So hat dieses Konzert hat auf wunderbare Weise mehrfach Distanzen überwunden.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassikboulevard | 18.07.2021 | 14:20 Uhr

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