Sopranistin Edita Gruberová © picture alliance / Uli Deck/dpa Foto: Uli Deck

Sopranistin Edita Gruberová: Zum Tod der Königin der Koloratur

Stand: 19.10.2021 18:09 Uhr

Die slowakische Sopranistin Edita Gruberová war bekannt als "Königin der Koloratur". Am 18. Oktober ist sie im Alter von 74 Jahren gestorben. Ein Gespräch mit Opernexperte Hans-Jürgen Mende.

Was war das Besondere an Edita Gruberová, was hat Sie besonders ausgezeichnet?

Hans-Jürgen Mende: Ihre Stimme war sehr schön. Sie hat sie perfekt führen können, hatte eine ganz sichere Höhe. Die Koloraturen haben einfach gesessen. Es war so, dass man dachte, sie kann alles machen mit ihrer Stimme - so wie ein Lionel Messi mit dem Fuß. Und dann war natürlich außergewöhnlich, dass sie es geschafft hat, mehr als 50 Jahre auf der Bühne zu stehen. 1968 hat sie in der Slowakei ihr Debüt gegeben, und sie ist ja erst im letzten Jahr von der Bühne getreten.

Also eine lange Karriere, was nicht jeder Sängerin gelingt, so viele Jahre präsent zu sein. Wieso hat es bei ihr funktioniert?

Mende: Sie konnte nein sagen. Sie hat ihr Repertoire sehr klug ausgewählt. Sie hat gesagt: Also Traviata bei Verdi und die Gilda, das geht noch, aber mehr nicht. Die Norma hat sie ganz, ganz spät in der Karriere erst ins Repertoire aufgenommen. Sie war nie zufrieden mit sich. Man muss sich mal vorstellen, mit gut 60 Jahren hat sie ihre Technik noch einmal umgestellt!

Sie ist zu einer viel, viel jüngeren, weitgehend unbekannten Atemlehrerin für drei Jahre zum Unterricht gegangen, um die Stimme wieder in den Griff zu bekommen. Als ich das hörte: Gruberová nimmt Gesangsunterricht - habe ich es kaum glauben können. Das hat natürlich viel dazu beigetragen, dass sie weiter singen konnte.

Hans-Jürgen Mende © NDR Foto: Christian Spielmann
Hans-Jürgen Mende ist Opernexperte und moderiert bei NDR Kultur die Sendung Belcanto

So hat sie sich ein neues Repertoire erschlossen, das normale Repertoire einer Koloraturen-Sopranistin ist oft mit 40 zu Ende. Sie hat sich dann dieses Belcanto-Repertoire, vor allem diese Königin-Dramen von Donizetti, herausgesucht: Anna Bolena und Maria Stuart. Und da die CD-Firmen damals nicht interessiert waren diese Werke aufzunehmen, hat sie ihr eigenes Label gegründet. Das hat sie "Nightingale" genannt, denn ihr Spitzname war die slowakische Nachtigall.

Manche Kritiker haben ihr immer wieder vorgeworfen, zu perfekt zu sein, haben Sie auch 'die Koloraturmaschine' genannt. Ist so ein Vorwurf berechtigt?

Mende: Ich habe das nie nachvollziehen können. Sie selbst hat das tatsächlich angenommen. Ich habe sie damals darauf angesprochen. Sie hat sich überlegt, was Koloraturen in der Oper bedeuten könnten, außer der Tatsache, dass eine Sängerin zeigen kann, was sie alles kann. Sie hat dann versucht, den Koloraturen einen Sinn zu geben - sie als einen Moment zu sehen, in den Protagonistinnen die Worte fehlen. Sie ist zu einer ganz großen Darstellerin geworden - spätestens in der Inszenierung von Christoph Loy in Roberto Devereux. Da war sie Elisabeth I.. Am Ende hatte sie alles verloren und riss sich in diesem Moment, alleine auf der Bühne, eine große Perücke vom Kopf. Da stand sie dann da, als alte, einsame, zerbrochene Frau. Das war ein so erschütternder Moment, den hätten viele ihr nicht zugetraut. Und das war auch ein Schlusspunkt einer großen Karriere, in der sie sich, wie sie sich immer selbst geschildert hat, von einer schüchterner Sängerin aus der Provinz zu einer großen, selbstbestimmten Frau entwickelt hat.

Das Gespräch führte NDR Kultur Moderator Philipp Schmid.

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Sopranistin Edita Gruberová © picture alliance / Uli Deck/dpa Foto: Uli Deck

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Szene mit Marina Rebeka als Violetta Valery aus "La Traviata" von Giuseppe Verdi im Theater Erfurt © Picture Alliance Foto: Martin Schutt

Programmtipp: Belcanto

Am Sonnabend zwischen 12 und 13 Uhr mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 19.10.2021 | 08:15 Uhr

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