Sommerkonzert mit Alan Gilbert und dem Boléro

Stand: 19.06.2021 07:32 Uhr

Mit Jubel und stehenden Ovationen hat das Publikum in der Elbphilharmonie das Comeback des Chefdirigenten des NDR Elbphilharmonie Orchesters Alan Gilbert aus der Corona-Zwangspause gefeiert. Auf dem Programm standen Werke von Rimski-Korsakow, Copland und Ravel.

von Daniel Kaiser

Das ist die perfekte Musik für einen heißen Sommerabend! Gleich zu Beginn flirrt eine Kastagnetten-Fiesta mit Klarinetten, die trillern, und Geigen, die zupfen, streichen und klopfen.

Screenshot: Alan Gilbert während seines ersten Konzert mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester nach Ende des Lockdowns (18. Juni 2021) © NDR Foto: Screenshot
AUDIO: Sommerkonzert in der Elphi mit Alan Gilbert und dem Boléro (68 Min)

Nikolai Rimski-Korsakow, der Spanien nur von Stippvisiten kannte, hat sich zu Hause im fernen St. Petersburg in den Klang spanischer Tänze vertieft und mit seinem Capriccio espagnol (1887) den Trend mehrerer seiner Komponistenkollegen, folkloristischen Schmiss des Südens zu verarbeiten, aufgenommen. Im Orchester strahlen viele lachende Gesichter mit sichtbarer und ansteckender Freude an dieser effektvollen Musik. "Die Sonne scheint bei Tag und Nacht" möchte man arhythmisch dazu summen.

Der Traum von Amerika

Ein ganz anderer, poetischer Ton steht im Zentrum der Orchestersuite "Appalachian Spring" von Aaron Copland, der als zentrale Figur der US-amerikanischen Kunstmusik gilt. Seine Orchestersuite entstand aus einem Ballett über die Pionierzeit im 'Wilden Westen'. Sacht legen sich Streicher-Töne zu einer melancholischen Harmonie übereinander. Eine Trompete stimmt vorsichtig und feierlich mit ein. Folkloristische Tänze springen immer wieder lachend durch die Partitur. Vor dem geistigen Auge erstehen weite Landschaften der Appalachen Nordamerikas, und man erspürt die optimistische Stimmung der ersten Siedler, die ein neues Leben beginnen. Aaron Copland (1900-1990), hat in dieser Musik, für die er sogar einen Pulitzer Preis erhielt, den amerikanischen Traum in Klänge gegossen. Das leichte, unaufdringliche Pathos ist wie Balsam nach den amerikanischen Dissonanzen der vergangenen Jahre. Immer wieder spürt man mit geschlossenen Augen auch, dass die Appalachen (wenigstens zum Teil) auf demselben Breitengrad liegen wie Hollywood - wenn auch in einiger Entfernung.

Zauberhafter Elbphilharmonie-Moment

Mit Copland befreundete Musiker hatten den schon dementen Komponisten Mitte der 80er-Jahre in seinem Zuhause besucht. Er konnte sich mit Worten schon nicht mehr verständigen. Plötzlich sei er aufgestanden, ans Klavier gegangen und habe eben die Harmonien gespielt, die am Anfang und Ende von "Appalachian Spring" erklingen - wie ein Testament: So klingt das gute, helle, idealistische, friedliche Amerika. So klingt der amerikanische Traum, der zu einem Traum von Amerika geworden ist. Es ist ein echtes Gänsehaut-Stück! Beim letzten, zarten "Plinnnngggg" des Glockenspiels, hebt und senkt der Percussionist Thomas Schwarz seine Hand über dem Instrument und formt so den verklingenden Ton. Ein sanftes Vibrato schwebt leise durch den großen Saal - ein zauberhafter Elphi-Moment. Nach diesem Abend freut man so richtig auf die kommende Konzert-Saison, in der Alan Gilbert noch mehr Musik aus den USA in die Elbphilharmonie tragen will.

Jubel für 169-mal Boléro-Rhythmus

Der Chefdirigent hat gerade eine Corona-Erkrankung überstanden. Er dirigiert an diesem Abend meistens im Sitzen, aber engagiert, fokussiert und mit jener klaren Schlagtechnik, von der die Orchestermusikerinnen und - musiker so schwärmen. Erst zu den infernalischen Schlusstakten des Boléro springt er auf und wiegt im Finale zu den riesenhaften Klängen seine Arme. Beim Boléro legen die Orchester-Solisten ihre ganze Musikerseele in ihre 45 Sekunden im Rampenlicht, wenn sie nämlich dran sind, das Thema zu spielen. Die Saxophonisten Andreas Mader und Christian Segmehl bringen dabei einen besonderen Bluenote-Sound in den Ohrwurm der Klassikgeschichte. Starken Beifall bekommt auch der Schlagzeuger Thomas Schwarz (der mit dem "Pling"), der 169-mal denselben, aber gar nicht so unterkomplexen Rhythmus in unmerklichem Crescendo trommelt. Der verklingende Schlussakkord mischt sich mit dem Jubel des Publikums.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 18.06.2021 | 19:00 Uhr

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