Stand: 14.09.2020 11:51 Uhr  - NDR Kultur

Schwierige Lage für Knabenchöre in Corona-Zeiten

von Marcus Stäbler

Knabenchöre sind in ihrer Existenz bedroht - mit diesem Hilferuf haben sich im Mai fünf bekannte Ensembles aus Deutschland an die Öffentlichkeit gewandt. Mittlerweile hat sich die Lage leicht verbessert, weil wieder Proben möglich sind. Aber die Situation bleibt kritisch, auch in Norddeutschland.

Der Knabenchor Hannover © NDR
Der Knabenchor Hannover vor der Pandemie

"Der Knabenchor Hannover ist in doppelter Hinsicht sehr hart getroffen worden", sagt Chorleiter Jörg Breiding. Und seine Klage ist verständlich. "Zum einen müssen wir, wie wir in diesem Jahr erfahren haben, unser Probendomizil in zwei Jahren verlassen, weil es abgerissen wird", und zum anderen sind die Feiern zum 70-jährigen Bestehen des Knabenchores der Corona-Pandemie zum Opfer gefallen. Sie mussten auf nächstes Jahr verlegt werden.

Immerhin kann Jörg Breiding jetzt wieder mit den Präsenzproben beginnen, nachdem er seine Jungs über Monate nur auf dem Bildschirm gesehen und gehört hat: "Wir haben den Konzertchor in drei Gruppen á 40 Sänger geteilt und eine Schulaula gefunden, in der wir mit diesen Gruppen singen können."

Echte Begegnung ist für alle Chöre wichtig

Diese echte Begegnung ist für alle Chöre existenziell, egal welchen Alters - doch bei Knabenchören hat sie eine besondere Bedeutung: "Dass Knaben in den Stimmbruch gehen, das pausiert ja leider nicht in der Pandemie-Zeit. Und so verlieren wir nach und nach unsere besten Sänger." Und diese erfahrenen Choristen zu ersetzen, an denen sich die jüngeren Knaben orientieren können, ist gar nicht so leicht. Erst recht nicht, wenn, wie in den vergangenen Monaten, das gemeinsame Üben und damit ein wichtiger Teil der Ausbildung wegfällt.

 

VIDEO: Corona: Kieler Knabenchor probt im Holsteinstadion (3 Min)

Corona-Zeit reißt Loch in Ensemble

Durch seine Vorklassen hat der Knabenchor Hannover zwar derzeit noch kein akutes Nachwuchsproblem, da wachsen neue gute Sänger heran. Aber in anderen Ensembles droht die Corona-Zeit ein Loch zu reißen. Das liege an der relativ kurzen Zeit, in der ein Junge mit seiner Knabenstimme singen kann, erklärt Rosemarie Pritzkat, Leiterin des Hamburger Knabenchors St. Nikolai: "Das Fenster ist ja auch klein, in dem wir die Knaben ausbilden können. Wenn die mit acht in den Ausbildungschor kommen und dann mit zwölf schon die Stimme runter geht - dann sind das vielleicht vier Jahre, in denen man sie wirklich als Knabe ausbilden kann. Das ist sehr, sehr kurz. Und wenn wir in der Corona-Zeit nicht neue Knaben aufnehmen können, obwohl oben die immer abbrechen, dann gibt es ein Riesen-Loch im Chor. Das kann ein ganzer Jahrgang sein, der wegfällt."

Teilweise existenziell bedrohliche Situation für die Knabenchöre

Der Kieler Knabenchor probt auf der Tribüne des Holstein-Stadions.
Der Kieler Knabenchor probt auf der Tribüne des Holstein-Stadions.

Normalerweise gehen die Knabenchöre in Schulen, um dort neue Mitglieder zu werben. Aber das war in den vergangenen Monaten nicht möglich. Außerdem sind viele Eltern gerade zurückhaltender bei der Anmeldung ihrer Kinder. Deshalb brechen den meisten Knabenchören derzeit mehr Sänger weg als sie neu heranziehen können.

Eine existenziell bedrohliche Situation, auch für den in Lübeck ansässigen Nordelbischen Knabenchor und dessen Leiter Christoph Liebold: "Wir sind ein sehr kleiner Verein, wir sind zwanzig Sänger. Aber jetzt ist zum Beispiel die Hälfte des Soprans im Stimmbruch, die kann ich als Sänger eigentlich nicht gebrauchen. Und das ist natürlich echt hart, wenn da nichts nachkommt. Und da gehts dann schon ums Ganze."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 14.09.2020 | 06:40 Uhr

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