Stand: 01.07.2018 11:00 Uhr

Blutsauger im Schweriner Schloss

von Karin Erichsen
Bild vergrößern
Blutsauger im Schlosshof: Die "Dracula"-Aufführungen waren schnell ausverkauft.

Das Schweriner Theaterpublikum schwärmt noch heute von den stimmungsvollen Aufführungen im Schlosshof in den 1990er-Jahren. "Marlowe's Faust", "Don Quichotte"oder zuletzt 2003 "Das große Welttheater" von Pedro Calderón de la Barca sind unvergessene Inszenierungen, bei denen auf unterhaltsame Weise die großen Dinge des Menschseins verhandelt wurden. Das alles ist 15 Jahre her. Zwischenzeitlich konnte kein Sommertheater im Innenhof mehr gezeigt werden, unter anderem wegen Bauarbeiten am Schloss. Umso größer war die Begeisterung darüber, dass es in diesem Jahr wieder möglich ist. Alle Vorstellungen von "Dracula" und auch die Zusatzvorstellungen waren in Windeseile ausverkauft.

Ein Hauch von Transsilvanien

Am Samstagabend hat sich die Schweriner Residenz dann erstmals in das transsilvanische Schloss des Fürsten Dracula verwandelt. Und das Theaterstück nach der Romanvorlage von Bram Stoker nahm seinen Verlauf: Der junge Immobilienmakler Jonathan Harker, herrlich naiv gespielt von Vincent Heppner, reist nach Rumänien, um dem reichen Grafen Dracula ein einsames, dunkles Haus in seiner Heimatstadt London zu verkaufen. Er wird freundlich empfangen, merkt jedoch schnell, dass im Schloss Dracula etwas nicht stimmt. Da ist es schon zu spät, er ist in dem mysteriösen Schloss gefangen, während sich der Hausherr auf den Weg nach England macht.

Bei einem unheimlichen Gewitter legt dort ein Totenschiff an. Das erste Opfer des Grafen Dracula ist die junge Lucy. Das liebenswerte Fräulein erwacht im Wahnsinn und weist Bissspuren am Hals auf. Eine kleine Gesellschaft von Herren um den Wissenschaftler Abraham von Helsing geht dem Phänomen nach und glaubt es schließlich zu besiegen…

Kaum Requisiten im Bühnenzentrum

Bild vergrößern
Der Schlosshof bietet ein atmosphärisch dichtes Ambiente.

Der Roman von Bram Stoker ist ganz im Zeitgeist des ausgehenden 19. Jahrhunderts verhaftet und dort belässt der polnische Regisseur Krzysztof Minkowski seine Figuren auch - mental wie kostümbildnerisch. Dabei kommt er mit einem sehr reduzierten Bühnenbild aus. Die Bühne besteht lediglich aus einem großen, durch Vorhänge angedeuteten Raum. Ansonsten nutzt Minkowski die Kulisse des Schlosses und rückt nur einige Requisiten ins Bühnenzentrum: Eine große Tafel steht für das Schloss Dracula, auf einem weißen Metallbett verläuft die grauenvolle Verwandlung der reizenden Lucy in einen Vampir und drei große Särge genügen, um die neue Heimstatt Draculas in London abzubilden. Die Handlung spielt auch auf einer Empore des Schlosses und hinter der Fassade, das Publikum hört dann nur Stimmen und Geräusche aus dem Innenraum.

Beeindruckende Schauspielleistungen

Beeindruckend agieren die Schauspieler: Sebastian Reck als diabolischer Fürst Dracula, der viel auf seine Herkunft und Familienehre gibt. Er lebt noch ganz in der vergangen Zeit der Türkenkriege, hasst und verachtet die Besetzer seiner Heimat auf dem Balkan. Dracula will den modernen Menschen ausrotten und seinem lauten Treiben ein Ende setzen. Einen ersten willfährigen Diener findet Dracula in dem als geisteskrank in einer Irrenanstalt untergebrachten Renfield – gespenstisch gespielt von Katrin Heinrich. Sie bedrängt mitunter sogar die Zuschauer in der ersten Reihe. Renfield ist Proband wissenschaftlicher Analysen des Nervenarztes Seward, den Jochen Fahr gibt. Auf seine typische, beim Publikum beliebte Weise, belehrt er nicht nur die Insassen seiner Anstalt, sondern auch die Zuschauer, was für viel Gelächter sorgte.

Reichlich Klamauk

Bild vergrößern
Premierengäste im Vampir-Fieber mit passender Kleidung: die Familien Hagen und Wenzel aus Schwerin und Malchow.

Ganz in seiner Rolle war auch Andreas Anke als überlegen agierender, vielseitig gelehrter Wissenschaftler Abraham von Helsing, der auf alle Fragen eine Antwort weiß und meint, das Böse mit seiner Expertise besiegen zu können. Überzeugend spielt Stella Hinrichs die Figur der jungen Lehrerin Minna, die schwankt zwischen ihrer Liebe zu dem Immobilienmakler Jonathan und dem Wunsch nach einem Ausbruch aus ihrer engen, gesellschaftlichen Stellung, den Dracula ihr verspricht. Gespickt ist die ganze Aufführung mit reichlich Klamauk, zum Beispiel wenn die durch den Vampirbiss wahnsinnig gewordene Lucy gleich von mehreren Experten behandelt wird und dabei, mit vollem Einsatz gespielt von Jennifer Sabel, schreit und vom Wahn geschüttelt wird. Auch gibt es immer wieder Anspielungen auf tagespolitische Themen, wenn man Dracula beispielsweise "abschieben - äh, abschießen" will. Na gut.

Kurzweilig, aber kein großes Ereignis

Kurzweilig und leicht verging der Sommerabend, ohne dass sich jemand allzu sehr gefürchtet oder geekelt hätte, mit skurrilen Bildern erschreckt oder mit Problemen belastet worden wäre. Schwalben trugen zur Geräuschkulisse bei genau wie Tanzmusik von einer Feier in der Orangerie. Wer keine Karten mehr für "Dracula" bekommen hat, verpasst bei gutem Wetter einen netten Theaterabend, aber kein großes Ereignis.

Das Schweriner Schloss

Schwerins Märchenschloss am See

Einst war es Sitz der Fürsten, heute ist dort der Landtag zu Hause: Das Schweriner Schloss gehört zu den schönsten in Deutschland. Besucher können die prunkvollen Räume besichtigen. mehr

Schlossfestspiele Schwerin 2018: Tosca

22.06.2018 20:30 Uhr
Mecklenburgisches Staatstheater

Am 22. Juni starten die Schlossfestspiele in Schwerin. Bis zum 28. Juli wird mehrmals wöchentlich auf dem Alten Garten der Puccini-Klassiker "Tosca" aufgeführt. mehr

Blutsauger im Schweriner Schloss

Im Schweriner Schlosshof hat am Samstagabend "Dracula" Premiere gefeiert. Das Schauspiel-Ensemble präsentierte kurzweiliges Sommertheater in stimmungsvoller Kulisse.

Datum:
Ende:
Ort:
Schweriner Schloss/Schlossinnenhof
Lennéstraße 1
19053  Schwerin
Telefon:
(0385) 53 00-0
E-Mail:
service@mecklenburgisches-staatstheater.de
Kartenverkauf:
Die Veranstaltungen sind bereits ausverkauft.
Hinweis:
Dracula
Schauspiel nach Bram Stoker 
Schweriner Fassung für Sommertheater 
auf Grundlage einer Bearbeitung von Bernd Klaus Jerofke 

Inszenierung: Krzysztof Minkowski
mit Sebastian Reck/Dracula
Vincent Heppner/Jonathan Harker
und weiteren
In meinen Kalender eintragen

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Kulturjournal | 02.07.2018 | 19:00 Uhr

Mehr Kultur

05:52
Kulturjournal
05:30
NDR 90,3

Interview mit einem Teufel

17.07.2018 19:10 Uhr
NDR 90,3
01:43
NDR//Aktuell

The King's Singers begeistern a cappella

17.07.2018 14:00 Uhr
NDR//Aktuell