Stadtansicht von Salzburg mit Fluss © TSG / Breitegger

Russisches Geld bei Salzburger Festspielen: "Toxisches Engagement"

Stand: 19.07.2022 07:19 Uhr

Der Komponist und Autor Alexander Strauch fordert im Interview mehr Transparenz von den Salzburger Festspielen, was die Finanzierung mit russischem Geld angeht. Die Politik hätte "längst auf die Notbremse treten müssen."

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Bei den Salzburger Festspielen stehen die Zeichen nach zwei Pandemie-Spielzeiten auch in diesem Sommer nicht auf unbeschwerten Kulturgenuss. In Krisenzeiten werden von dem Theater-, Opern- und Konzertfestival nicht nur hochkarätige Produktionen erwartet, sondern auch Haltung in Sachen Krieg oder Umwelt. 

Alexander Strauch ist Komponist und Autor, schreibt unter anderem für die "Neue Musikzeitung" und betreibt auch einen Blog.

NDR Kultur: Herr Strauch, wegen undurchsichtiger Sponsorengelder aus putinnahen Unternehmen stehen die Salzburger Festspiele in der Kritik - Salzburg und sein Sommer-Publikum scheinen geradezu ein Paradies zu sein für Netzwerke des Kreml. Warum kann oder sollte uns das alles nicht egal sein?

Alexander Strauch: Ich denke, dass jemand wie Leonid Michelson, der mit der VAC-Stiftung das Eröffnungsprojekt fördert, wo Teodor Currentzis am Dienstag mit dem musicAeterna Choir dabei sein wird, eine Person ist, die in der bildenden Kunst ziemlich umstritten ist. Aus seiner Stiftung und dem GES-2, einem großen Kunstzentrum in Moskau, das gerade erst im Dezember letzten Jahres eingeweiht und auch persönlich von Putin besucht worden ist, zog sich zum Beispiel die italienische Chefkuratorin zurück. Es zogen sich weitere Kuratoren zurück und auch die bildende Kunst zog Werke zurück. Nur die Musik machte weiter. In Venedig wurde Michelson zum Beispiel auf der Biennale vermisst. Problematisch ist zum Beispiel auch: Currentzis wurde nach seinen Auftritten hier noch im März und April aufgefordert, sich von seinem Sponsoring durch die VTB Bank nicht gleich zu trennen, aber sich ein neues Sponsoring zu suchen. Man muss wissen: Die VTB Bank ist durch die EU sanktioniert und deshalb natürlich auch ein schwieriger Geldgeber.

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Die Salzburger Festspiele sind vom österreichischen Staat nicht sehr hoch subventioniert - 75 Prozent des Gesamtbudgets müssen sie selbst erwirtschaften. Das geht nicht ohne Sponsoren. Von dem umstrittenen Partner Solway, einem Bergbauunternehmen, dem Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen werden, hat man sich auch gerade getrennt. 

Strauch: Das ist sehr gut. Nur sehen wir jetzt auch eine Aufführung, die unter dem sanktionierten Sponsoring der VTB Bank in Sankt Petersburg einstudiert worden ist. 

Die VTB Bank ist neben der Sberbank das zweitgrößte russische Kreditinstitut, befindet sich auf der EU-Sanktionsliste. Wird hier also mit zweierlei Maß gemessen? Wird Europas Russland-Boykott durch die Praxis der Festspiele unterlaufen?

Strauch: Im Prinzip wird es unterlaufen. Wichtig wäre, dass sich die Salzburger Festspiele transparenter verhalten - also uns alles erzählen. Und nicht zu sagen, es würde kein russisches Geld im Hintergrund stehen. Natürlich stehen die Festspiele durch die Probenarbeit für die 14. Sinfonie und die Chorpassagen für Carl Orff unter einer indirekten Finanzierung. Genauso die Geschichte, dass sich Currentzis einen neuen Förderer suchen sollte: Er hat sich einen neuen Förderer für die Engagements gesucht, die ihm im Mai hier im Westen entgangen sind. Das war aber nicht ein neuer Oligarch, den im Westen vielleicht alle ganz toll finden, sondern Gazprom. Musica Aeterna sagt dazu nichts in ihren Veröffentlichungen. Aber wenn man in Russland die Seiten durchforstete, hat man sehr genau gesehen, dass lokale Veranstalter Gazprom als Förderer ankündigten. Es gab auch Bilder im Internet, wo man Currentzis in einem Gazprom-Flieger einsteigen sah. Jetzt sind diese Bilder alle gelöscht worden. 

Festspiele-Intendant Markus Hinterhäuser fragt: Hätten wir denn vorausschauender und wissender sein können als die Politik? Ähnlich hat sich auch Elbphilharmonie-Intendant Christoph Lieben-Seutter geäußert: Herrn Currentzis vorzuwerfen, dass er schon vor dem Kriegsausbruch hätte wissen müssen, dass diese Bank vielleicht eines Tages in Ungnade fällt, sei absurd.

Strauch: Natürlich hätte das niemand vor dem 24. Februar wissen können. Nur stehen wir jetzt vor ganz neuen Facetten und Problemen. Wir wissen, dass Putin die Kultur als Propagandawaffe einsetzt. Auch solche Sachen wie das Auftreten in Salzburg hätte man einfach anders gestalten müssen - jetzt. Man hätte natürlich Sachen spielen können, die man erst in Salzburg einstudiert und dann auch dort wirklich erst zur Aufführung bringt. Damit würde man einfach diese verschiedenen Ebenen trennen. Aber wenn man diese Ebenen zurzeit nicht trennen kann, hat man ein Problem. 

Und dann ist vielleicht eine progressive Kunst, wie sie Currentzis pflegt, in Russland wirklich sehr gut und läuft dann vielleicht auch dort unterm Radar. Wobei: Er tritt auch auf dem Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg auf, für die VTB Bank, was ebenfalls verschwiegen wird - also ganz unter dem Radar in Russland bewegt er sich auch nicht. Im Prinzip haben wir dann leider ein sehr toxisches Engagement.

Immer wieder hatte es aus Salzburg geheißen: Man wolle nicht in künstlerische Angelegenheiten eingreifen. Nun wollte man sich vonseiten der Politik auch bei der documenta nicht in künstlerische Belange einmischen. Manche sagen, in Kassel habe sich gezeigt, dass es ein Fehler sein kann, wenn die Politik nicht auf die Notbremse tritt. Wie sieht es für Salzburg aus?

Strauch: Im Prinzip hätte die Politik hier schon längst auf die Notbremse treten müssen. Zumindest hätte sie viel transparentere Darstellungen durch das Management der Festspiele verlangen sollen. Es geht ja wie gesagt nicht darum, dass man Currentzis cancelt. Es geht einfach darum, dass man in dieser Situation, wo wir alle Klarheit brauchen und nicht Indifferenz, eine Kunst brauchen, die einfach bestehen kann, wenn man abklopft, wie zum Beispiel ihre Finanzierung ist oder wie die Personen zum Krieg in der Ukraine stehen. Aber wenn es diese Unklarheiten gibt, ist das derzeit einfach schwierig. Die Politik muss da viel früher tätig werden.

Würden Sie denn Ethik-Kriterien fordern für Kultursponsoring? Ist es das, was es braucht?

Strauch: Natürlich braucht es das. Wir diskutieren im Bereich der Musik ja auch immer schon über die Besetzungen von Jurys, über Rotationssysteme, Anonymisierungen von Einreichungen und so weiter. Wenn Geldgeber in Erscheinung treten und die Musik gleichzeitig den Humanismus erfüllen will, braucht es natürlich moralische Maßstäbe, die eingehalten werden. Diese liegen aber gerade nicht wirklich vor. Sie entwickeln sich vielleicht, aber man kann noch sehr viel mehr tun in der Hinsicht. 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 18.07.2022 | 16:30 Uhr

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