Perfektionismus und Demut: Kent Nagano ist 70 geworden

Stand: 22.11.2021 23:59 Uhr

Seit der Saison 2015/16 ist Kent Nagano der Generalmusikdirektor der Hamburgischen Staatsoper und Chefdirigent des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg. Am 22. November feierte er seinen 70. Geburtstag.

Kent Nagano im Porträt © picture alliance/dpa | Christian Charisius
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von Friederike Westerhaus

Bestens gelaunt sitzt Kent Nagano in seinem Büro in der Staatsoper und lässt den Blick über Hamburgs Dächer schweifen. Hat er einen Wunsch zum 70. Geburtstag? "Ich glaube, ich habe schon das schönste Geburtstagsgeschenk, weil ich am Tag meines Geburtstags zwei "Elektra"-Proben mache. Das würde ich mir wünschen, und jetzt ist es schon angekommen." Zwei Proben an seinem Ehrentag, das passt zu ihm. Denn in der Musik ist er zu Hause.

Der gebürtige Kalifornier mit japanischen Wurzeln ist ein Weltbürger. Als Chef war er unter anderem in Lyon, Manchester, Los Angeles, Berlin und München tätig. Seine Heimat ist die Musik. In dem Buch "10 Lessons Of My Life - Was wirklich zählt" schreibt er, er denke "über jede Note einer Partitur nach, über jede ihrer Facetten, immer aus verschiedenen Perspektiven." Klingt nach einem Perfektionisten.

Team-Gedanke für Kent Nagano besonders wichtig

Der Dirigent Kent Nagano im Porträt. © dpa Foto: Daniel Reinhardt
AUDIO: Opernkonzert: Kent Nagano zum 70. Geburtstag (113 Min)

"Man kann wirklich obsessiv sein", sagt der Dirigent, "und das ist nicht so gut für Kunst. Auf der anderen Seite: Jeder Künstler, den ich kenne und respektiere - wir sind alle Perfektionisten, insofern, dass wir versuchen, eine perfekte Vision zu halten. Ein Ziel, das so perfekt ist, dass wir schon wissen, dass es unmöglich ist. Also, ja, wenigstens so sagt meine Frau, ich bin Perfektionist."

Für seine klare und durchdachte Lesart der Partituren wird Kent Nagano bewundert, und geschätzt für seine ruhige, besonnene Art. In seiner Rolle als Hamburger Generalmusikdirektor ist für ihn der Team-Gedanke besonders wichtig: "Wir versuchen alle, in diesem Haus, eine Ehrlichkeit zu haben, wirklich ehrlich, und wir versuchen, die richtigen Prioritäten zu haben. Diese Priorität für Qualität ist ganz klar."

Demut ist die schwierigste Lektion

Seit sechs Jahren prägt Kent Nagano Hamburgs Musikleben, hat einen weiten Bogen gespannt von Hector Berlioz "Les Troyens" bis zu Auftragskompositionen von Toshio Hosokawa oder Jörg Widmann. Kent Nagano steckt voller Energie und Visionskraft, voller Ideen für neue Projekte. Seine Neugier hat er sich bewahrt und begreift sich nach wie vor auch als Lernenden.

Zu den schwierigsten Lektionen gehöre dabei eines: "Demut. Ohne Demut wird man keinen Progress machen als Künstler. Und wenn nicht, wir sind zynisch, das heißt, wir kennen alles, wir wissen alles. Und wenn dieser Punkt kommt, sind wir nicht mehr Künstler."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 22.11.2021 | 06:40 Uhr

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