Stand: 01.07.2016 16:38 Uhr

Hengelbrock: "Dieses Bartók-Konzert tanzt"

von Daniel Kaiser

Zum Start des Schleswig-Holstein-Musikfestivals steht ein ganz besonderes Werk auf dem Programm. Chefdirigent Thomas Hengelbrock spielt mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester das Konzert für Orchester des Ungarn Béla Bartók. "Es ist eines der Schlüsselwerke des 20. Jahrhunderts", schwärmt Hengelbrock, "eine biografische Gesamtschau von Bartóks Schaffen!"

Die Musik steckt voll packender Rhythmen, als ein Echo aus Ungarn. "Dieses Konzert tanzt. Es gibt kein einziges Thema, das nicht aus einem tänzerischen Impuls abgeleitet ist", sagt Hengelbrock. Jahrzehntelang reist Bartók durch die Provinzen Südosteuropas, archiviert in den entferntesten Winkeln mit einem Aufnahmegerät Volkstänze und schreibt sie dann auf.

VIDEO: Hengelbrock und Bartóks Konzert für Orchester (4 Min)

In den 40er-Jahren, als in Europa der Rassenwahn um sich greift, wird Bartóks Konzert so zu einem klaren Bekenntnis zu Humanismus und Vielfalt. "Bartók schrieb einmal, er plädiere entschieden für die 'rassische Unreinheit'", erklärt Hengelbrock: "Es war ihm gerade deshalb ein Bedürfnis, die Tänze vieler Völker zum Klingen zu bringen."

Musik als Resümee eines Lebens

Als das Stück entsteht, steckt der Komponist in einer schweren Krise. Er hat Ungarn verlassen, weil er das Horthy-Regime, das - wie er es nannte - 'Räuber- und Mörderpack', nicht ertragen konnte.

Der ungarische Pianist und Komponist Béla Bartók am Klavier (undatierte Aufnahme) © picture-alliance / dpa-Bildarchiv
Der ungarische Pianist und Komponist Béla Bartók (1881-1945) sammelte bei seinen Reisen durch Osteuropa über 10.000 Lieder, die er aufzeichnete oder schriftlich fixierte.

Doch im New Yorker Exil ist er todunglücklich. "Er hatte keine Kompositionsaufträge. Seine Musik wurde nicht gespielt. Und er wurde sehr krank" sagt Hengelbrock. "Er wusste noch nicht, dass er Leukämie hatte und musste sich mit einem Universitätsjob über Wasser halten." Der unverhoffte Kompositionsauftrag für die Stiftung des Dirigenten Sergei Kussewizki bringt Bartók neuen Lebensmut. "Doch man spürt in der Musik die Trauer, die Verluste und die Ängste", findet Hengelbrock.

Flirt mit Gershwin

Bartóks Konzert stecke voller Selbstzitate, auf der anderen Seite sei es berührend, den Weg von der Melancholie des ersten und dritten Satzes bis zum strahlenden Schluss im letzten Satz nachzuvollziehen. "Das ist wirklich phänomenal, wenn dann George Gershwin persönlich aufzutreten scheint und es diesen fantastischen fanfarenmäßigen Schluss gibt", erklärt der Chefdirigent. Trompeten feuern jazzartige Synkopen ab und lassen das Konzert in einer lebensbejahenden Apotheose enden.

Das Publikum überstimmt die Kritik

Ursprünglich habe Bartók das Stück als Ballettmusik in der Tradition Igor Strawinskys konzipiert. "Es handelt sich wirklich um ein herausragendes concerto grosso für großes Orchester", erklärt Hengelbrock. Die Kritiker lästerten damals von Anbiederung an Amerika. Beim Publikum wurde Bartóks Konzert ein Erfolg. "Und das ist das Schöne, dass dieses Konzert eine solche Kraft und humanistische Botschaft hat, dass es sich gegen die Kritiken durchgesetzt hat und heute zu den beliebtesten und meist gespielten Stücken des 20. Jahrhunderts gehört."

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