Stand: 25.07.2018 19:37 Uhr

Musikprojekt: Hörgeschädigte Kinder lernen Geige

In der Hartwig-Claußen-Schule in Hannover hat kurz vor Beginn der Sommerferien ein ganz besonderes Projekt angefangen. Die beteiligten Kinder haben eine spezielle Hausaufgabe bekommen: Geige üben. Das hört sich im ersten Moment nicht allzu besonders an, doch die Kinder der Schule sind stark hörgeschädigt. Bevor die Konzertgeigerin und Musikpädagogin Elena Kondraschowa in ihr Leben trat, war der Gedanke daran, ein Musikinstrument zu lernen, für sie völlig unvorstellbar.

von Martina Kothe

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Die Musikpädagogin Elena Kondraschowa - hier mit ihrer Schülerin Zoe - bringt hörgeschödigten Kindern Geige bei.

Zoe spielt Geige. Es ist ihre vierte Unterrichtsstunde mit dem Instrument. Sie ist ein neunjähriges Mädchen mit wachen Augen und einem großen Hörgerät hinter jedem Ohr. Ihre Mutter sitzt daneben. Sie hat ihrer Tochter heute die Geige mitgebracht und ist zum ersten Mal beim Unterricht dabei. Mit Tränen in den Augen erzählt sie: "Es ist halt so. Kinder wie Zoe sind geschädigt und haben einen schweren Start im Leben. Und der Geigenunterricht ist etwas, was ihnen Selbstbewusstsein gibt."

Den Tönen nachspüren

Zoe ist begeistert von dem Projekt. Der Unterricht ist spielerisch und soll die Kinder einladen, die Welt der Töne in ihrem Tempo zu erkunden. Die Musikpädagogin Elena Kondraschowa sitzt neben dem aufgeklappten Klavier und lässt die Kinder die Schwingungen der Saiten spüren, wenn sie die Tasten anschlägt. Danach wird der Ton gesungen - um jenen Ort zu finden und erinnerbar zu machen, an dem unser Körper selbst Töne erzeugt.

Drei Jahre hat es gedauert, bis die Konzertgeigerin Elena Kondraschowa ihren Traum wahrmachen konnte. Alle Geigen für die Kinder wurden extra angepasst, die Kinnhalter und Schulterstützen von einem Hildesheimer Geigenbauer genau austariert, damit die Schwingungen der Klänge über Kieferknochen und Schlüsselbein erfahrbar werden.

Eine Tür zur Gemeinschaft

In Lehrerin Susanne Trinks, die selbst Musik studiert hat, fand in Kondraschowa eine Mitstreiterin. Trinks erklärt: "Alles, was wir mit Musik machen, mit Hören, fördert die differenzierte Hörwahrnehmung. Die muss ja gelernt werden. Ein hörgeschädigtes Kind ist oft von der Umwelt abgekapselt aufgrund seiner Hörschädigung. Und hier wird ihm eine Tür geöffnet zur Gemeinschaft."

Nicht jeder, der normal hören kann, ist musikalisch. "Und Leute, die nicht richtig hören können, können supermusikalisch sein, denken Sie an Beethoven", erzählt Kondraschowa. "Ich bin mir hundertprozentig sicher, dass diese Kinder mehr können als andere, weil sie einen ganz anderen Bezug zur Musik haben."

Geburtstagskonzert für Beethoven

In ihrer eigenen Familie hat Elena Kondraschowa erlebt, was es bedeutet, nicht hören zu können. Ihre zwölf Jahre jüngere Schwester ist fast taub. Dennoch brachte Kondraschowa ihr die Musik nah. Viele Überlegungen und Erfahrungen dieser Jahre fließen jetzt in den Unterricht ein. Aber beim Unterricht soll es nicht bleiben: "Mein Ziel ist es, dass hörgeschädigte Kinder mit Kindern, die normal hören, zusammen in einem Ensemble zu Beethovens Geburtstag Stücke von Beethoven, Smetana und Fauré spielen."

Ein großes Ziel hat sich die Geigerin da vorgenommen. Knapp anderthalb Jahre bleiben bis zum 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven. Doch schon zu Weihnachten wollen die Kinder in der Hartwig-Claußen-Schule Hannover auf der Bühne stehen.

Link zum Projekt
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Aus der Stille in den Klang

Auf der Webseite stellt sich das Projekt vor, nennt Ansprechpartner und bietet die Möglichkeit, zu spenden. extern

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 25.07.2018 | 06:20 Uhr

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