Eine Jazz-Band steht auf der Bühne beim Musikfest Bremen © Musikfest Bremen

Musikfest Bremen: Rauschhafter Festivalauftakt trotz Regen

Stand: 29.08.2021 10:43 Uhr

Mit 18 Konzerten an neun Spielorten ist das 32. Bremer Musikfest gestartet. Es war trotz Corona-Auflagen und Nieselregens ein rauschhafter Festivalauftakt mit internationalem Flair und vielen besonderen Momenten.

von Daniel Kaiser

Plötzlich liegt das Cello auf dem Altar. Nicolas Altstaedt verlässt nach der zweiten Solo-Suite von Bach wortlos die Bühne in der Liebfrauenkirche und legt sein Instrument neben Kreuz, Kerzen und Blumen ab. Rätselraten im Publikum: Ein musikalisches Opfer?

Nein! Altstaedt hat lediglich ein anderes Instrument aus der Sakristei geholt, ein kleineres Piccolo-Cello mit fünf Saiten, weil man damit die D-Dur-Suite besser spielen kann. Das Cello auf dem Altar ist aber dennoch ein starkes Bild zum Start dieser besonderen Festival-Ausgabe unter Corona-Bedingungen.

Musikfest startet mit abenteuerlichem Mozart

Sopranistin Sabine Devieilhe beim Musikfest Bremen © Musikfest Bremen
Sopranistin Sabine Devieilhe

18 Konzerte finden an diesem Abend in Kirchen, Konzertsälen, der Bürgerschaft und in Innenhöfen der Bremer City statt - alle sind zu Fuß innerhalb weniger Minuten erreichbar. Im Konzertsaal "Die Glocke" etwa kombiniert François-Xavier Roth mit seinem französischen Orchester "Les Siècles" Mozarts bekannte Haffner-Sinfonie mit Konzertarien.

Die Musikerinnen und Musiker spielen im Stehen und pusten mit ihren Instrumenten historischer Bauart allen Staub von der alten Musik, die plötzlich ganz und gar abenteuerlich und lebendig klingt. Der Orchesterchef dirigiert so energisch, dass die Rundfunk-Mikrofone auf der Bühne bedenklich zu schwanken beginnen. Die Sopranistin Sabine Devieilhe betört und bezaubert mit allerhöchsten Tönen, so dass das Publikum zwischen seligem Lächeln und ungläubigem Kopfschütteln hin- und hergerissen ist und sich mit Jubel und Bravo-Rufen bedankt.

Madrigale und Jazz sind in Bremen Nachbarn

Gesualdo Six beim Musikfest Bremen © Musikfest Bremen
Die "Gesualdo Six" in der St. Johann Kirche

In der katholischen Kirche St. Johann singen die "Gesualdo Six" aus England Madrigale und Hymnen der englischen Renaissance. Es ist ein klarer, himmlischer Sound, in dem man baden möchte. Wie Mönche schreiten die sechs durch den Altarraum und unterstreichen so den sakralen Charakter des Programms. Erst nach dem Song "All people, clap your hands" traut sich das Publikum, den Text wörtlich zu nehmen und applaudiert begeistert.

Etwas schneller kommen die Hände ein paar Meter weiter im bunt beleuchteten Innenhof des Landgerichts zum Einsatz: Bei der französischen Funk- und Nu Jazz-Band Electro Deluxe mit einer astreinen Bläser-Sektion stehen dieselben Menschen, die gerade noch andächtig Cello-Sonaten oder Madrigalen gelauscht haben, tanzend im Bremer Nieselregen. In Bremen sind Madrigale und Jazz Nachbarn. Es ist genau diese Mischung, die das Musikfest und seinen Eröffnungsabend zu etwas ganz Besonderem in der norddeutschen Musiklandschaft machen.

(Fast) perfekt schnurrenden Festivalmaschine

Bremer Rathausmarkt von oben © Musikfest Bremen
Der Bremer Rathausmarkt feierlich illuminiert

Rathaus, Petri-Dom und Bürgerschaft sind wieder feierlich illuminiert. Hunderte Handys werden gezückt. Bremen leuchtet. Das Musikfest-Publikum schlendert von Konzert zu Konzert und tauscht sich hier über Erlebtes aus. Ein paar Grad mehr und ein paar Tropfen weniger hätten es schon sein dürfen, aber der norddeutsche Musikfestbesucher ist wetterfest und steht tapfer mit seiner Weinschorle unterm Zeltdach.

"Endlich darf der Edelstein wieder glänzen", freut sich Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) nach der coronabedingten Zwangspause des Festivals im vergangenen Jahr. Dafür wurde einiges getan: Die Konzerte sind zeitlich großzügiger geplant, außerdem wurde ein ausgeklügeltes Hygienekonzept entworfen. Ticket, Luca-App und Test oder Impfnachweis sind bei jedem Einlass vorzuzeigen. Manchmal entsteht eine Schlange: dann vor allem aber auch, weil es Leute gibt, die - wie manche beim Bäcker erst am Tresen ihre Bestellung umständlich zu entwickeln beginnen - sehr lange überrascht nach ihrem Handy in der Tasche nesteln. Es ist aber ein vergleichsweise kleines Ruckeln in einer ansonsten perfekt schnurrenden Festivalmaschine.

Leuchtturm des Kulturbetriebs

Electro Deluxe beim Musikfest Bremen © Musikfest Bremen
Im bunt beleuchteten Innenhof des Landgerichts: Electro Deluxe

"Ich habe viele glückliche Ohren gesehen", strahlt Intendant Thomas Albert in der Nacht am Ende des Konzertmarathons. Er hat seit vielen Jahren schon ein Händchen und einen Blick für Musikerinnen und Musiker, die nicht schon durch alle Abteilungen des Klassik-Betriebs gereicht wurden. Bei seinem Musikfest kann man immer wieder neue Gesichter und Klänge erleben, die noch am Anfang ihrer Karriere stehen.

Beim Empfang zum Start versprach Bürgermeister Bovenschulte eine Zukunft dieses Musikfestes "über Legislaturperioden hinaus". Die Aufbruchstimmung, die an diesem Abend in den Konzerten bei den Musikern und dem Publikum zu spüren war, zeigt, was für ein Kultur-Leuchtturm das Bremer Musikfest ist.

 

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassikboulevard | 29.08.2021 | 16:20 Uhr

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