Probeneindrücke der NDR KostProbe im Rolf-Liebermann-Studio © NDR Foto: Marcus Krüger

Orchester im historischen Wandel: Was bleibt und was vergeht?

Stand: 07.11.2021 06:00 Uhr

Von der Barockzeit oder noch früher bis heute, dem Zeitgenössischen: Das Orchester war immer da. Welche unterschiedlichen Gestalten hat es im Laufe der Jahrhunderte angenommen?

von Chantal Nastasi

Zu Beginn, Anfang des 16., 17. Jahrhunderts sei ein Orchester nicht mehr gewesen als ein Prinz mit ein paar Musikern, erklärt Sylvain Cambreling, Chefdirigent der Symphoniker Hamburg. "Das waren manchmal nur 15 Leute und es ist dann immer größer geworden." Am Ende des 18. Jahrhunderts habe man angefangen, professionelle Orchester zu haben. "Die Musiker konnten von diesem Beruf leben und die Komponisten waren frei."

Einer der ersten dieser freien Komponisten war Ludwig van Beethoven. Beethoven suchte nach einer neuen Form, nach einem neuen Klang fürs Orchester. An seinen Sinfonien haben sich später viele gemessen: Schubert ebenso wie Mahler, Bruckner und andere. Bis heute ist das Komponieren für Orchester präsent und erstrebenswert.

Aus dem barocken Hofensemble ist ein üppiger Klangkörper geworden. Konzerthäuser wurden gebaut, und damit größere Säle. Es wurde für ein breites Publikum komponiert, das diese Säle besuchte. Wer auf dieser Bühne überzeugte, hatte es damals als Komponist geschafft.

Orchester: Ein facettenreicher Klangkörper

Dirigent Sylvain Cambreling © Marco Borggreve Foto: Marco Borggreve
Der Dirigent Sylvain Cambreling ist seit 2018 Dirigent der Symphoniker Hamburg.

Ein Klangkörper, der so viele Möglichkeiten bietet, lädt ein zum Experiment. "Wenn man es zum Beispiel mit der Malerei vergleicht: Sie haben alle Farben vom Spektrum. Aber was ist blau? Es gibt so viele verschiedene Blautöne. Oder rot. Oder grün. Und so ist es auch mit einer Streichergruppe: Es ist nicht nur Violine oder Bratsche. Für jeden man kann eine neue Farbe finden, eine neue Nuance", sagt Cambreling. Mit dieser Farbpalette zu arbeiten, ist ungebrochen populär, wahrscheinlich aufgrund der Vielzahl an Möglichkeiten.

Instrumente im Orchester wandeln sich im 19. Jahrhundert

Für den intimeren Klang der Barockensembles waren die Blockflöten geeignet. Bach verwendet sie noch in seinen Brandenburgischen Konzerten. Für das heutige Sinfonieorchester sind sie nicht laut genug. Die Entwicklung der Instrumente hing stark davon ab, was der Musikmarkt forderte.

Sehr lange haben Orchester hauptsächlich auf alten Instrumenten gespielt wie etwa klassische Posaunen. Moderne Instrumente seien erst am Ende des 19. Jahrhunderts dazu gekommen. "Man hat für den Bau ein anderes Material benutzt, eine Mischung von verschiedenem Metall, das man vorher nicht kannte", sagt Sylvain Cambreling. "Alles ist anders geworden immer mit zwei Wünschen: mehr Möglichkeiten in der Virtuosität und größerer Klang."

Elektronik öffnet modernen Komponisten neue Türen

Das Hinzukommen von Blasinstrumenten und deren klanglichen Möglichkeiten eröffnete ein neues Feld für Komponisten wie Mahler, Bruckner oder Wagner. In den letzten 50 bis 60 Jahren hat die Elektronik den Komponisten neue Türen geöffnet. Dazu die große Freiheit, mit Form, Besetzung und Harmonik beliebig umzugehen.

Die traditionelle viersätzige Form einer Sinfonie wird vielleicht nicht mehr unbedingt bedient, die des Solokonzerts aber schon. "Das hat ein bisschen zu tun mit einer Zirkusparade für Stars, weil es immer eine große Liebe für Virtuosität gibt", sagt Cambreling

Dass der österreichische Komponist Georg Friedrich Haas sechs Klaviere und ein Orchester auf die Bühne stellt, ist vielleicht ein extremes Beispiel. Doch Sylvain Cambreling hofft, dass es weiterhin sowohl traditionell als auch originell zugeht.

Der Beitrag ist Teil einer Reihe, die sich mit dem Wandel in unterschiedlichen kulturellen Bereichen auseinandersetzt und die Frage stellt "Was bleibt, was vergeht?".

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 22.10.2021 | 11:20 Uhr

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