Stand: 24.09.2020 17:58 Uhr

Junge Talente für die Alte Musik

Zum zweiten Mal hat das Auswahlverfahren für das Europäische Hanse-Ensemble stattgefunden. Das Förderprojekt wurde initiiert und geleitet von Manfred Cordes, dem ehemaligen Rektor der Hochschule der Künste Bremen. Renommierte Vertreter der Alte-Musik-Szene haben die Talente in Meisterkursen geprüft. Die besten dürfen im kommenden Jahr unter professionellen Bedingungen ein Programm erarbeiten und auf Konzertreise gehen.

Junge Musiker proben mit alten Instrumenten © NDR.de Foto: Ulrike Henningsen
Hille Perl gibt Tipps und Tricks an die jungen Musiker weiter.

Auf dem Pult findet sich ein iPad mit den Noten des Stücks. Zwischen den Knien und in den Händen von Jemma Thrussel liegt die Gambe, ein Instrument, dessen Blütezeit einige Jahrhunderte zurück liegt. Neben der jungen Musikerin sitzt Hille Perl. Seit Jahrzehnten setzt sie als Gambistin weltweit Maßstäbe.

Im Meisterkurs in Lübeck hilft sie Jemma, Haltung und Fingersätze so zu verändern, dass das komplizierte Spiel auf der sechssaitigen Viola da Gamba organischer wird: "Wir gucken immer, wie ich von einem Akkord zum nächsten komme", erklärt Perl. "Der Kopf muss immer genau wissen, an welchem Finger ich mich orientiere."

Schnelle Auffassungsgabe gefragt

Junge Musiker proben mit alten Instrumenten © NDR.de Foto: Ulrike Henningsen
Gar nicht so einfach, eine gemeinsame musikalische Stimme zu finden.

Aber das Projekt bietet mehr als Einzelunterricht - und dafür steht Manfred Cordes. Der Name zieht in der Szene, betont Jemma Thrussel: "Ich dachte, es ist immer eine gute Idee, mit ihm zu arbeiten. Er ist ein Alte-Musik-Meister. Auch die Möglichkeit, weiterzumachen in den Ensembles, ist wirklich toll für Studierende."

Bevor am frühen Abend unter Cordes Leitung in großer Runde musiziert wird, geht es nach dem Mittagessen zunächst in kleinen Gruppen weiter. Zwei Barockviolinen, zwei Gamben, eine Theorbe und eine Truhenorgel werden für das Werk des frühbarocken Komponisten Dietrich Becker gebraucht. Stärker noch als am Vormittag kommt es jetzt darauf an, die Anregungen sehr schnell umzusetzen. Wer hier noch mit Rhythmus oder Intonation kämpfen muss, hat wenig Chancen, im kommenden Jahr für die Konzertreise ausgewählt zu werden. 

Projekt wurde 2020 zum Kraftakt

Junge Musiker proben mit alten Instrumenten © NDR.de Foto: Ulrike Henningsen
Große Abschlussrunde im Lübecker Dom.

Manfred Cordes schaut vorbei und hört ganz genau hin. Auf Ensemble-Fähigkeit legt er als Pädagoge besonderen Wert. Talente fördern, Musik der Hanse auf die Bühnen bringen und auf die Bedeutung eines vernetzten Europas hinweisen - mit diesen drei Schwerpunkten startete Cordes 2019 in den Räumen der Lübecker Musikhochschule in die erste Runde.

2020 wurde das Projekt zu einem Kraftakt: Die Räume waren viel zu klein für das erforderliche Hygiene-Konzept, die Zahl der Beteiligten schwankte bis kurz vor Beginn. Trotzdem setzten der Initiator und seine Mitarbeiterin Sarah Hodgson alles daran, das besondere Projekt auch in diesem Jahr zu stemmen und bekamen viel Unterstützung von der Stadt Lübeck: "Wir sind in vielen großen Kirchen. Dort dürfen wir einzelne Klassen spielen lassen. Besonders toll ist, dass wir am frühen Abend die großen Abschlussensembles groß verteilt in dem riesigen Dom spielen lassen dürfen."

Hille Perl: "Es hat uns alle sehr berührt"

Im Dom zu Lübeck stehen alle Musikerinnen und Musiker mit weitem Abstand im Rechteck um den Altar herum. Manfred Cordes leitet von der Mitte aus und wendet sich abwechselnd den verschiedenen Stimmgruppen zu. Eine Herausforderung nicht nur für ihn, denn nicht alle können einander sehen und hören. 

Auch am Vortag war das nicht anders, erzählt Hille Perl und trotzdem: "Es war ganz schön, im Lübecker Dom zu spielen, und es hat uns alle sehr berührt, weil wir in dieser großen Besetzung in den letzten sechs Monaten nicht spielen durften."

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 25.09.2020 | 07:20 Uhr

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