Die Neue Synagoge Berlin © picture alliance/SULUPRESS.DE Foto: Marc Vorwerk/SULUPRESS.DE

Internationale Tage Jüdischer Musik streamen Konzerte

Stand: 16.11.2020 11:41 Uhr

2021 werden 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland gefeiert. Als Auftakt liefert das Usedomer Musikfestival die Internationalen Tagen jüdischer Musik: vom 16. bis 22. November live im Internet.

von Beatrice Böse

Das Judentum gehört seit langer Zeit zu unserer Geschichte. Im kommenden Jahr wird gefeiert, dann leben Jüdinnen und Juden nachweislich seit 1.700 Jahren auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands. Zuletzt haben allerdings Anschläge wie in Hamburg, Halle und auch Wien gezeigt, dass der Antisemitismus wieder um sich greift. Veranstaltungen wie die Internationalen Tage jüdischer Musik wollen dagegen steuern. Am Montag beginnen sie in Köln, bis Sonntag gibt es Konzerte, Kabarett, Workshops und Diskussionen in Berlin, Würzburg und auch Stavenhagen in Mecklenburg-Vorpommern.

Felix Klein: "Wir müssen Begegnungsmöglichkeiten schaffen"

Unterstützt wird das Festival von Felix Klein, dem Bundesbeauftragten für Jüdisches Leben in Deutschland: "Wenn jemand etwas kennt, ist er auch weniger aufgeschlossen für Hass gegenüber verschiedene Sachen - und darum geht es", so Klein. Wir müssten Begegnungsmöglichkeiten zwischen Nicht-Juden und Juden schaffen. Und ebenso die jüdische Kultur, die integraler Bestandteil der deutschen Kultur sei, der Bevölkerung in Deutschland noch einmal vor Augen zu führen. "Dafür ist das Festival eine hervorragende Gelegenheit."

Entstanden sind die Musiktage vor drei Jahren aus den Synagogenrundfahrten des Usedomer Musikfestivals. Dort ist Thomas Hummel Intendant. "Da es leider in Vorpommern leider keine Synagogen mehr gibt, sind wir eben von Usedom während des Musikfestivals zu den Synagogen bis nach Hagenow, bis fast nach Schwerin gefahren, um unserem Festival-Publikum die Synagogen zu zeigen." Das sei eine interessante Reise gewesen. "Wir hatten Synagogen gesehen, die dann mit den Fahrten sozusagen weiter aufgebaut wurden, beispielsweise die in Stavenhagen, die jetzt perfekt saniert ist", sagt Hummel.

Heutige Synagoge von Stavenhagen entstand um 1840

Die jüdische Synagoge in Stavenhagen © NDR Foto: Axel Seitz
Der blau-graue Innenraum der Stavenhagener Synagoge ist ein Kultur- und Begegnungszentrum.

In Stavenhagen siedelten sich Mitte des 18. Jahrhunderts erstmals Juden an. Die heutige Synagoge entstand um 1840. Nachdem sie in der Pogromnacht 1938 in Brand gesteckt wurde, diente das Gebäude später einem Tischler als Werkstatt, ab den 1960er-Jahren verfiel das Haus mehr und mehr. Vor acht Jahren begannen Klaus Salewski und seine Helfer, die Synagoge in der mecklenburgischen Kleinstadt bei Neubrandenburg zu sanieren.

"Da steckt unheimlich viel Kraft drin, viel Schweiß, auch ein bisschen Ärger, Auseinandersetzung. Ich halte es für wichtig, dass wir ein solch schreckliches Kapitel der deutschen Geschichte nicht in irgendeiner Weise verdrängen. Wir haben viele Stolpersteine gesetzt. Die Synagoge ist auch ein großer, großer, unübersehbarer Stolperstein", sagt Salewski. Mittlerweile ist der unscheinbare Fachwerkbau mit dem blau-grauen Innenraum ein Kultur- und Begegnungszentrum, bewirtschaftet durch Klaus Salewskis Verein Alte Synagoge Stavenhagen. Die Stühle dort bleiben in diesem Jahr leer.

Internationalen Tage Jüdischer Musik streamen Konzerte ohne Publikum

Die Internationalen Tage Jüdischer Musik werden wegen der Pandemie ohne Publikum veranstaltet. Dafür wird alles live im Internet gestreamt. Intendant Thomas Hummel hat mit seinem Team ein vielfältiges Programm organisiert. "Wir haben von einer Uraufführung eines berühmten Cellisten, David Geringas in der Synagoge in Berlin mit Klavier also ein Duo. Weiter ein Klaviertrio und ein Kabarettprogramm mit der Tochter von Georg Kreisler, Sandra. Insofern ist Einiges hier mit dabei, auch ein Schulworkshop mit zwei wunderbaren Musikerinnen."

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Internationale Tage jüdischer Musik - Konzerte auf Youtube

Internationale Tage jüdischer Musik - Konzerte auf Youtube extern

Eine dieser Musikerinnen ist Emilia Lomakova, Nachwuchspreisträgerin des Usedomer Musikfestivals 2017. Die gebürtige Ukrainerin tritt in Stavenhagen zusammen mit Noga Sarai Bruckstein auf. In ihrem Repertoire steht auch ein Werk für Cello und Geige von Ernst Toch, einem österreichischen Komponisten, der den Holocaust überlebte: "Gerade in diesem Stück spiegelt sich sehr die Zeit damals vor dem zweiten Weltkrieg, dieses Chaos und Hoffnungslosigkeit und totaler Wahnsinn. Man hört, wie die Menschen stumm geworden sind, Wahnsinn, dass man sich nicht mehr hört. Die Musik ist vollgeladen mit Dissonanzen und Bewegung. Interessanterweise kommt dieses Stück immer sehr gut an auch bei den Kindern", erzählt Lomakova. Kinder sind ein wichtiger Adressat dieses Festivals.

Denn wie es Ideengeber Felix Klein formulierte: Niemand wird als Antisemit geboren und wenn man den Schülern die jüdische Kultur früh genug näher bringt, dann hilft das vielleicht dabei Vorurteile gar nicht erst zu entwickeln.

Thomas Hummel, der Intendant des Usedomer Musikfestivals, im Porträt. © Usedomer Musikfestival - Peter Adamik Foto: Peter Adamik

AUDIO: Intendant Hummel über die Internationalen Tage Jüdischer Musik (6 Min)

Internationale Tage Jüdischer Musik streamen Konzerte

Das Usedomer Musikfestival liefert vom 16. bis 22. November die Internationalen Tage jüdischer Musik live im Internet.

Art:
Konzert
Datum:
Ende:
Ort:

Besonderheit:
Nur Online - vier Veranstaltungsorte
Hinweis:
Alle Infos zu Podiumsdiskussionen und den Konzerten
https://www.internationale-tage-juedischer-musik.de/
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 16.11.2020 | 18:00 Uhr

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