Sendedatum: 14.05.2020 06:40 Uhr

"32 x Beethoven": Igor Levit mit neuem Podcast

Die Werke von Beethoven beschäftigen ihn immer wieder, sind seit Jahren Teil seiner Programme. Der Pianist Igor Levit hat bereits im Herbst, sozusagen als Ouvertüre zum Beethovenjahr, eine neunteilige CD-Box herausgebracht mit den 32 Klaviersonaten von Beethoven. Und über diese berühmten Werke hat er nun auch einen Podcast entwickelt: "32 x Beethoven" heißt er, gemeinsam produziert mit BR Klassik und gemeinsam mit seinem Freund Anselm Cybinski, mit dem er sich in jeder Folge über eine Sonate austauscht. Im Gespräch mit Moderator Jan Wiedemann erläutert Chantal Nastasi aus der NDR Kultur Musikredaktion die Entstehung des Podcasts:

NDR Kultur: "32 x Beethoven"“ - was genau erwartet uns da?

Chantal Nastasi: Das sind alles andere als dröge Analysen oder ein Auseinanderpflücken von Musikbausteinen, die von oben und unten beguckt werden! Igor Levit hat mit seinem Freund Anselm Cybinski, den er über Beethovens Musik kennengelernt hat, ein tolles Format entwickelt, das sowohl tiefgründig ist, als auch sehr spontan. Es klingt lebendig und ungezwungen, wie die beiden miteinander über die Sonaten sprechen. Mit Sicherheit haben die beiden einen Fahrplan, wann und warum sie einzelne Stellen herausgreifen, um das zu zeigen, was Beethovens Musik so besonders macht. Aber es wirkt, als würde ihnen das alles im Moment einfallen. Und mitunter fällt dem einen oder anderen wirklich auch eine neue Erkenntnis, ein Aha-Erlebnis zu - so wie es in guten Gesprächen ja durchaus vorkommen kann.

Ist das denn so leicht, in gerade mal 20 oder 30 Minuten Podcast-Länge solche Beweisketten auszurollen, was diesen Komponisten ausmacht, so einzigartig macht?

Nastasi: Man hört und spricht ja häufig von Beethoven, dem Revolutionär, dem Visionär. Das kommt ja nicht von ungefähr. Er hat nicht nur politisch revolutionär gedacht, sondern sich auch musikalisch sehr klar positioniert. Das beginnt schon mit seiner ersten Sonate, die Beethoven mit 25 Jahren in Wien komponierte und an der deutlich erkennbar ist, was so neu und anders ist: Sie ist nicht wie bisher dreisätzig, sondern viersätzig, steht in einer Tonart, die seine Vorgänger Haydn und Mozart nicht unbedingt gewählt haben, nämlich f-Moll und auch sonst gibt es eine Menge Dinge, die er anders macht, sowohl gestalterisch als auch durch die Wahl der Dynamik. Und das sagt schon etwas aus über einen jungen Komponisten. Für Igor Levit sagt Beethoven mit dieser ersten Sonate "Ich bin da" und das tatsächlich mit drei Ausrufezeichen: "Es gibt bei Beethoven piano, es gibt forte, es gibt pianissimo, es gibt fortissimo. Ich kenne, glaube ich, nur zwei bis drei Stellen, wo Beethoven sowas schreibt wie mezzoforte oder mezzopiano. Und ich glaube, das alles spricht für ein ungeheures Bewusstsein dafür, was er wollte."

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Portrait des Pianisten Igor Levit. © Felix Broede / Sony Classical Foto: Felix Broede

32 x Beethoven mit Igor Levit - Folge 1

Ein deutliches "Ich bin da!!!" spricht aus der ersten Klaviersonate, die der 25-jährige Beethoven in Wien komponierte. Für Igor Levit ist sie Beethovens Visitenkarte. mehr

Ist denn der Podcast von Igor Levit und Anselm Cybinski als reines Gesprächsformat produziert?

Nastasi: Nein, keineswegs. Immer wieder spielt Igor Levit Ausschnitte aus der jeweiligen Sonate, die gerade beleuchtet wird, zeigt aber auch Querverweise zu anderen Werken, auch anderer Komponisten, die er anspielt: Mozart, Schubert, Bruckner, Zeitgenössisches. Das macht das Zuhören abwechslungsreich und viele der Deutungen, die man natürlich nicht zu 100 Prozent teilen muss, sehr augenscheinlich. Es ist ein Angebot an jeden, seine Ohren in bestimmte Richtungen lenken zu lassen und vielleicht Neues zu entdecken - diejenigen, die bisher um Beethoven einen Bogen gemacht haben, aber auch die Fachkundigen.

Das alles klingt bei Levit sicher sehr perfekt, er beschäftigt ja schon seit seiner Jugend mit diesen Stücken, hat sie auf CD herausgebracht.

Chantal Nastasi © NDR Foto: Christian Spielmann
Chantal Nastasi aus der NDR Kultur Musikredaktion begleitet "32 x Beethoven" durch das Jahr.

Nastasi: Genau das finde ich auch so klasse. Klar, man ist von vielen virtuosen Einwürfen beeindruckt! Aber Levit lässt auch die Stellen drin, in denen er sich verspielt, in denen ein Lauf mal nicht so perfekt gelingt. Das ist nicht blankpoliert, sondern so wie der normale Pianistenalltag eben ist: Auch für den Profi heißt es "üben, üben, üben" und schwere Stellen können auch mal schief gehen. Und auch sonst zeigt sich Levit sehr nahbar.

Igor Levit und Anselm Cybinski - den Podcast "32 x Beethoven", produziert von BR Klasssik, hören Sie jeden Donnerstag ab 13 Uhr bei NDR Kultur und sonntags ab 17 Uhr. Und jederzeit zum Nachhören in unserer ARD Audiothek.

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Portrait des Pianisten Igor Levit. © Felix Broede / Sony Classical Foto: Felix Broede

32 x Beethoven mit Igor Levit

Was Ludwig van Beethoven so besonders macht, das erklärt Igor Levit auf brillante Weise im Gespräch mit seinem Freund Anselm Cybinski am Klavier - anhand aller 32 Sonaten des Komponisten. mehr

Der Pianist Igor Levit sitzt vor einem Flügel und blickt in die Kamera. © SWR/Robbie Lawrence/home Foto: Robbie Lawrence

Igor Levits phänomenale Ideen

Der Pianist Igor Levit hat Beethovens Klaviersonaten in einer packenden Neueinspielung vorgelegt. Auf NDR Kultur spricht Levit über seine Bewunderung für den Komponisten. mehr

CD-Cover: Igor Levit - Beethoven: Sämtliche Klaviersonaten © Sony Classical

Igor Levit spielt Beethovens Klaviersonaten

Igor Levit hat alle 32 Klaviersonaten von Beethoven eingespielt. Der Pianist erzählt die menschlichen Dramen in Beethovens Musik mit der Stimme von heute. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 14.05.2020 | 06:40 Uhr

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