Konzert der Greifswalder Bachwoche © NDR Foto: Juliane Voigt

Die Geschichte der Greifswalder Bachwoche

Stand: 07.12.2021 13:42 Uhr

Die Greifswalder Bachwoche findet bereits seit 1946 jährlich statt - und trotzte dabei den politischen Hürden der DDR, strukturellen Veränderungen inklusive Sparmaßnahmen und verfallenden Gebäuden.

von Juliane Voigt

Es klingt wie eine Legende. Ist aber keine. Sie war eine junge Frau zwischen vielen tausend anderen Flüchtlingen: Annelise Pflugbeil, die damals noch den Nachnamen Deutsch hatte, war zu Fuß aus Stettin nach Greifswald gelaufen. Das Einzige, was sie retten konnte, war ihr Leben und das ihrer kleinen Tochter. Und ihr Clavichord, das sie den ganzen langen Weg auf einem Handwagen hinter sich hergezogen hatte. Sie war Pianistin und Cembalistin und hatte in Stettin stellvertretend die Kirchenmusikschule geleitet. Anders als Stettin war Greifswald nicht kriegszerstört. Sie sah von Weitem die Kirchtürme und beschloss, in dieser Stadt neu anzufangen.

Bachs Musik als Signal der Hoffnung nach dem Krieg

Hans Pflugbeil © Greifswalder Bachwoche / Privat
Domkantor Hans Pflugbeil, seine Frau Annelise - ebenfalls Musikerin - und der Geiger und Professor Hermann Diener hatten gemeinsam die Idee für die Bach-Tage in Greifswald.

Als Musikerin war sie bald eine wichtige Mitarbeiterin in der gerade gegründeten Kirchenmusikschule, geleitet vom Domkantor Hans Pflugbeil, der Mann, den sie bald auch heiratete. Im Juni des Jahres 1946 haben die beiden, so wird es erzählt, in einem Strandkorb auf Hiddensee gesessen, als zufällig Professor Hermann Diener vorbeikam, ein damals sehr bekannter Geiger und Kammermusiker. Zu dritt wurde an diesem Tag die Idee geboren, im Herbst in Greifswald Bach-Tage zu veranstalten.

In dieser kaputten und kulturlosen Zeit, nach diesem barbarischen Krieg, sollte das ein Signal der Hoffnung und Erneuerung werden. Annelise Pflugbeil sagte später dazu in einem Interview: "Die Bach-Tage waren dann ein so phänomenaler Erfolg, das war so unglaublich schön. Das muss man sich mal vorstellen: Es gab noch nichts zu essen, es gab noch nichts zu heizen, man war überhaupt noch völlig unbehaust, man hatte noch nichts, was man zum Leben brauchte. Aber man konnte fast acht Tage wunderbare Musik machen, die Menschen konnten das hören und es waren alle Veranstaltungen ausverkauft - es war wirklich eine allgemeine Euphorie und große Freude."

Von Bachwoche zu Bachwoche

Annelise Pflugbeil erhält die Bugenhagen-Medaille.
Im Mai 2013 erhält Annelise Pflugbeil die Bugenhagen-Medaille.

Im Juni 1947 folgte die zweite Ausgabe. Und von da an ging es Jahr für Jahr weiter. Immer eine Woche im Juni. Eine Bachwoche ergab die nächste. Musiker und Musikerinnen aus Rostock oder Berlin - oder weiter weg - wollten mitmachen, brachten ihre Ideen ein. Von 1950 an hieß diese Woche voller Musik "Greifswalder Bachwoche". Und ist bis heute das älteste Bach-Kirchenmusik-Festival.

Annelise Pflugbeil ist die "Mutter der Greifswalder Bachwoche". Sie hatte bis an ihr Lebensende mit 96 Jahren vor gerade mal sechs Jahren einen inspirierenden Einfluss auf alle Bachwochen und auf alle Bachwochenchefs, die nach dem Tod ihres Mannes 1974 in dem Amt folgten. Sie war ebenso wie ihr Mann gut darin, Nerven und Humor zu bewahren. Denn die DDR war kein Förderer von Kirche und Kirchenmusik.

Greifswalder Bachwoche trotzt den politischen Hürden in der DDR

Der Staat reduzierte die Kirche auf einen Vereinsstatus. Staatliche Räume durften zunehmend nicht mehr genutzt werden, alles hing von willkürlichen Genehmigungen ab. Zum Beispiel die Zusammenarbeit mit dem Orchester des Greifswalder Theaters, die 1950 aus Gründen "zu starker Überlastung" beendet wurde.

Deshalb wurde ein Kammerorchester von außen gesucht, das nicht nur Werke großer Kammermusik aufführen, sondern auch die Begleitung der Bachkantaten und Oratorien übernehmen konnte. Ein Orchester aus Neubrandenburg, ein Dresdner Ensemble, ein Schweriner Kammerorchester versuchten es. Mehrere Jahre lang war dies das größte Problem der "Bachwöchler": gute Musikerinnen und Musiker zu finden.

Verbindung zur Komischen Oper

Unter Ulf Däunert, dem damaligen Konzertmeister des Orchesters der Komischen Oper, gründete sich ausgerechnet aus diesem DDR-Vorzeigeorchester ein Kammerorchester, das fortan heimlich zur Greifswalder Bachwoche reiste und alles spielte, was auf dem Programm stand. Die Musikerinnen und Musiker waren so begeistert von der Greifswalder Festival-Atmosphäre, dass sie ihre Urlaubstage dafür hergaben. Auch hier war Taktik gefragt. Denn es war allgemein bekannt, dass diese Profimusikerinnen und -musiker sonst im Orchestergraben der Komischen Oper spielten und mit Inszenierungen durch die ganze Welt reisten. Hier aber durften und sollten sie einfach nur irgendwelche Musiker sein.

Einmal, so berichtet es der Bachwochenleiter Manfred Schlenker, der auf Hans Pflugbeil folgte, habe er aus Versehen das Orchester bei seinem richtigen Namen genannt. Ulf Däunert, mit dem er engstens befreundet war, sei anschließend zu ihm gekommen und hatte gesagt, er dürfe niemals noch einmal öffentlich die Komische Oper in den Zusammenhang mit der Bachwoche bringen.

"Diese Verlogenheit, dieser Selbstbetrug!"

Schlenker hat es natürlich nie wieder erwähnt, aber das war auch nicht nötig, erinnert er sich in einem Interview im Juni 2021 zum 75. Jubiläum der Greifswalder Bachwoche: "Es wussten sowieso alle, dass die von der Komischen Oper sind. Das aber ist es auch, was ich den DDR-Funktionären heute im Rückblick am meisten übel nehme: diese Verlogenheit, diesen Selbstbetrug, den Betrug der Menschen", sagt Schlenker und erzählt weiter: "Sie wollten uns nicht unterstützen, aber im Grunde haben sie uns machen lassen. Greifswald, dachten die Entscheidungsträger, ist so weit weg, da oben im Norden, das bekommt im restlichen Land keiner mit. Es war ihnen recht, dass wir so ambitioniert und mit höchsten Ansprüchen in Kirchen Musik aufführten. Aber mehr sollte eben nicht darüber bekannt sein."

Familiäre, kleinstädtische Atmosphäre und Liebe zur Musik

Manfred Schlenker © Greifswalder Bachwoche
Manfred Schlenker folgte Hans Pflugbeil als Bachwochenleiter ab dem Jahr 1975 und führte die Hilfs-Kirchenmusik-Kurse für Laienmusiker ein.

Das Kammerorchester der Komischen Oper wurde Teil der Bachwochen-Familie. Jahr für Jahr reisten die Musikerinnen und Musiker aus Berlin an, wohnten bei privaten Gastgebern und saßen abends im Pflugbeil'schen Wohnzimmer. Die familiäre Atmosphäre dieses Festivals war es, was sie alle zusammengebracht hat. Und die Liebe zu der Musik, die eine Woche lang die kleine Stadt bestimmte. Es sprach sich in Musikerkreisen des Landes herum. Namhafte Solisten und Musikerinnen wollten mitmachen. Es gab kaum Geld, dabei sein war alles. Als Hans Pflugbeil 1974 starb, war die Bachwoche 28 Jahre alt und nicht mehr wegzudenken aus dem Jahreskalender vieler Menschen.

Manfred Schlenker, der als Landeskirchenmusikdirektor bis 1988 wie sein Vorgänger Hans Pflugbeil gleichzeitig Domkantor, Direktor der Kirchenmusikschule und Bachwochenleiter war, führte von 1975 an so genannte Hilfs-Kirchenmusik-Kurse ein. Eine niederschwellige Wochenendausbildung für Laien, die in ihren jeweiligen Gemeinden Gottesdienste an der Orgel begleiteten. Das war Werbung für die Kirchenmusikschule. Greifswald wurde nach Halle und Dresden die drittgrößte Kirchenmusikschule der ehemaligen DDR mit zeitweise 35 Studierenden.

Chormitglieder wurden einzeln in den Osten eingeladen

Die angehenden Profis traten als eigener Kammerchor auf, waren aber auch dienstverpflichtet als Domchorsänger. So konnten große Oratorien fast aus eigener Kraft aufgeführt werden. Eine "untergründige" Verbindung, erinnert sich Manfred Schlenker an die 13 Jahre in Greifswald, ergab sich zum Braunschweiger Domchor, der natürlich offiziell nicht einreisen durfte. Greifswalder Gemeindemitglieder aber luden die Chormitglieder einzeln privat ein. Erwähnt werden durfte das öffentlich nicht.

Die Namen tauchten nie in den Programmheften auf, auch nicht, wenn Organisten aus dem Westen Orgelkonzerte spielten. Aber es sprach sich auch so herum und abends wurde zusammen gefeiert. Unter Manfred Schlenker bekam die Bachwoche eine deutlich theologische Ausrichtung. Es ging um die Verkündung und den christlichen Glauben mit Bach sozusagen als "5. Evangelist". Die Musik von Bach war unter seiner Leitung auch immer konfrontiert mit Seitenthemen, um der Gefahr einer "Barocken Gefangenschaft" zu entgehen. Er führte romantische Komponisten des 19. Jahrhunderts und der Moderne auf bis zu Uraufführungen zeitgenössischer Musik.

Die Bachwoche kurz vor dem Aus

In den 1970er- und 80er-Jahren verfielen überall in der damaligen DDR die historischen Gebäude. In die Kirchenmusikschule in der Bahnhofstraße regnete es rein, aus dem Dach wuchs eine Birke, die Badbenutzung im Obergeschoss verursachte Regen in der Bibliothek. Auch der Dom bröckelte. Die Orgel bedurfte einer dringenden Überholung, das Chorpodest war ein wackeliges Nachkriegsprovisorium, eine alte Dampfheizung zischte und krachte und heizte kaum, der Fußboden hatte sich hier und da gesenkt, die Fenster mussten erneuert werden und wurden notdürftig mit Planen verhängt. So beschreibt Manfred Schlenker den Zustand der Gebäude, was sich auch an der Druckqualität der Bachwochen-Programmhefte dieser Zeit ablesen lässt. Dünne Heftchen aus schlechtem Papier, kurze inhaltliche Abhandlungen. Dennoch beschreiben alle, die dabei waren, diese Zeit als glücklich und hell und freudvoll. Die Bachwochen-Familie war in den äußerlich schwierigen Verhältnissen umso mehr zusammengewachsen.

Jochen A. Modeß © Greifswalder Bachwoche
Von 1993 bis 2018 leitete Jochen A. Modeß die Greifswalder Bachwoche und begann damit eine neue Ära des Festivals.

Mit dem neuen Bachwochenchef Jochen A. Modeß begann von 1993 an eine neue Ära im Sinne eines Zeitenwechsels. Die äußeren Bedingungen waren nun zwar nicht mehr aussichtslos dem Verfall preisgegeben. Vielmehr ging es aber plötzlich um inhaltliche Perspektiven und Wirtschaftlichkeitsbedenken. Die Greifswalder Bachwoche gehörte immer zum Domchor. Seit 1992 lag die Trägerschaft aber in Händen der pommerschen evangelischen Kirche. Das Festival, das bis dahin mit wenig Geld und viel persönlichem und privatem Einsatz irgendwie zurechtgekommen war, tauchte nun in Excel-Tabellen von Kirche und Landesregierung auf. Zeitweise war die Weiterführung der Bachwoche wirklich gefährdet. Die Kirchenmusikschule wurde außerdem Teil der Greifswalder Universität, alles wurde institutionalisiert. Jochen A. Modeß, der vorher Kantor in Bielefeld war, gelang es, die Bachwoche zu retten, indem er keine großen Worte machte und in Entscheidungsphasen die Bachwoche aus dem Sichtfeld rückte. Heute gehört sie zu dem Festival-Zusammenschluss Musikland M-V und ist mit jährlich knapp 10.000 Besuchern aus dem Musikland Mecklenburg-Vorpommern nicht mehr wegzudenken.

Die neue Ausrichtung unter Jochen A. Modeß

Die Bachwochen von Jochen A. Modeß hatten Namen wie "Bach & Söhne", "Bach und Italien", "Reformatio Mundi" oder "Königsmusik". Immer stand die Bach'sche Musik anderen Musikströmungen oder Themen gegenüber. Und es begannen die Mitsingkonzerte: ein Alleinstellungsmerkmal der Greifswalder Bachwoche. Die geistlichen Morgenmusiken im Dom, bei denen immer eine Bach-Kantate aufgeführt wird - von Anfang an Herzstück der Greifswalder Bachwoche - konnte unter der Leitung von Jochen A. Modeß jeder und jede mitsingen, der oder die Lust dazu hatte. Abends gab es dafür eine Probe im Gemeindesaal, morgens gings auf die Bühne. Dafür reisten Laienchöre und singbegeisterte Menschen aus ganz Deutschland an. Seine Programme waren am Ende überbordend. Jochen A. Modeß sah man eine Woche lang mit einem Rollkoffer voller Noten von Konzertort zu Konzertort eilen. Kinderkonzerte, Bachwochenausflüge, Bach-Straßenfeste, sogar Satire brachte er mit Bach in Verbindung. Und er pflegte die Bachwochen-Familie mindestens wie seine Vorgänger. Nach wie vor spielte das Kammerorchester der Komischen Oper, die Solisten und Solistinnen kamen jedes Jahr mit der gleichen Begeisterung wieder, wohnten in Privatquartieren und saßen abends im Modeß-Wohnzimmer. Bei allen Bachwochen-Leitern sind es auch immer die Ehefrauen gewesen, die die Bachwochen-Familie zusammengehalten haben. Die im Hintergrund aufräumten und Hemden bügelten, ihre Wohnzimmer öffneten und für die Versorgung der Gäste sorgten. Angefangen mit Annelise Pflugbeil, als die Grande Dame der Greifswalder Bachwoche hoch verehrt, immer wieder Inspiratorin für alle Nachfolger ihres Mannes und insbesondere auch als Musikerin nicht wegzudenken aus vielen Bachwochen-Programmen.

Neuer Kirchenmusikdirektor und Institutsleiter Frank Dittmer

Annelise Pflugbeil © Rainer Neumann / Greifswalder Bachwoche
Annelise Pflugbeils Clavichord-Konzert eröffnete - so lange sie konnte - seit 1953 die Greifswalder Bachwoche.

Sie spielte in allen Aufführungen - so lange sie konnte - Cembalo und Basso Continuo-Orgel, begleitete die Kammermusik, manchmal spielte sie sogar die große Orgel. Von 1953 an war ihr Clavichord-Konzert als Eröffnung der Bachwoche fester Programmbestandteil. Bevor die Woche mit den großen Musiken startete, waren es die ganz leisen Töne, mit denen Annelise Pflugbeil das Publikum zum genauen Zuhören brachte. Auf dem Instrument, das sie herüber gerettet hatte aus Krieg und Flucht durch menschliche Katastrophen. In Erinnerung an sie ist ein Clavichord-Konzert bis heute der Start in jede Bachwoche. Ab dem kommenden Jahr ist Kirchenmusikdirektor Frank Dittmer als Professor für Kirchenmusik Institutsleiter der Universität Greifswald derjenige, der die Geschicke der Bachwoche lenken wird.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Kulturjournal | 06.06.2021 | 19:00 Uhr

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