Stand: 12.03.2019 06:40 Uhr

Daniel Hope über Yehudi Menuhin: "Er fehlt uns"

von Philipp Schmid

Der große Geiger und Dirigent Yehudi Menuhin starb am 12. März 1999. An seiner Seite hat der Geiger Daniel Hope viele Jahre zugebracht - schon in jungen Jahren, bevor er wusste, dass er ebenfalls die Musik zum Beruf machen möchte, später als dessen Schüler und dann gemeinsam auf der Bühne bei vielen Konzerten. Zum 20. Todestag von Yehudi Menuhin hat Philipp Schmid mit Daniel Hope gesprochen.

In welchen Momenten denken Sie heute noch an Yehudi Menuhin?

Daniel Hope: Ehrlich gesagt, ständig. Er ist permanent bei mir, wenn man so will - natürlich durch die vielen Konzerte, die wir gemeinsam geben konnten, für mich damals eine Riesenchance und eine große Ehre, durch die vielen Unterrichtsstunden, die ich bei ihm hatte, und durch jedes Musikstück, an dem ich mit ihm gearbeitet habe. Da stehen noch seine Fingersätze. Er war ein großer Mensch und ein großer Humanist. Er fehlt mir persönlich, aber ich glaube, er fehlt auch uns allen.


Gab es einen Unterschied zwischen dem Menschen und dem Künstler Menuhin?

Hope: Als Künstler war er so originell, das war das Tollste an Menuhin. Er hat sich immer neu erfunden, in jedem Konzert, in jedem Satz, in jeder Phrase, aber er war trotzdem ein Arbeitstier. Und hinter den Kulissen ging es ihm immer um das Weiterkommen, nicht nur im Sinne seiner Karriere, sondern auch in seiner Mission: für die Umwelt oder für Menschen mit Behinderung, für Live Music Now, seinen Verein, der immer noch so aktiv ist in Deutschland. Dafür hat er unermüdlich gekämpft.

Was war Yehudi Menuhin für ein Lehrer?

Hope: Er konnte wunderbar analysieren, wie ein Musiker spielt, und er konnte das Beste aus ihm oder ihr herausholen. Er hat einen gepusht und er hat immer gezeigt, was möglich ist. Ich werde nie vergessen, wie er sagte: "Wenn du das Gefühl hast, du kannst das Stück, dann ist es der Anfang vom Ende. Wenn du bei dem Stück nicht den Respekt verloren hast, aber das Gefühl, dass alles machbar ist, dann ist es gefährlich. Man muss immer suchen, es immer neu durchleuchten." Und das war für mich persönlich eine große Lehre. Das sage ich auch zu jungen Musikern, die ich jetzt höre. Man kommt manchmal in eine gewisse Bequemlichkeit rein, gerade wenn man Stücke jeden Abend spielt, Tag für Tag auf Tournee. Und er war ein Meister darin, das immer aufzufrischen.

Wie haben Sie diesen 12. März 1999 erlebt als Menuhin gestorben ist?

Hope: Ich war in Hamburg und wollte mich von dort aus auf den Weg nach Berlin machen, um ihn zu treffen. Plötzlich sah ich im Fernsehen eine Ticker-Meldung in den Nachrichten und es platzte über den Bildschirm. Ich war natürlich komplett geschockt. Ich ging zum Fernseher und wollte ihn lauter machen, in dem Moment klingelte mein Handy. Es war meine Mutter, die bis zum letzten Moment bei ihm war. Ich bin dann gleich zum Bahnhof, habe den Zug nach Berlin genommen und bin zu ihm gefahren.

Können Sie sagen, wann die Trauer dann in große, endgültige Dankbarkeit umgeschlagen ist?

Das hat lange gedauert. Ich musste wirklich Abschied von ihm nehmen. Ich habe bei seiner Trauerfeier in Westminster Abbey vor viereinhalbtausend Menschen gespielt, die gekommen sind, um sich von ihm zu verabschieden. Ich würde sagen, es dauerte auf jeden Fall ein gutes Jahr oder zwei bis ich mich überhaupt an die Idee gewöhnt habe, dass er nicht mehr da ist. Er ist so schnell von dieser Erde gegangen und ich glaube im Nachhinein, dass ihm das auch Recht so gewesen ist. So eine lange Krankheit haben zu müssen, das wäre für ihn das Schlimmste gewesen. Er hat bis zuletzt konzertiert. Und dann erlosch dieses unglaubliche Licht sehr, sehr schnell.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 12.03.2019 | 06:40 Uhr

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