Stand: 22.10.2018 13:17 Uhr

Cambrelings mutiges Debüt bei Symphonikern

von Daniel Kaiser

Mit einem ambitionierten Programm ist Sylvain Cambreling als neuer Chefdirigent der Symphoniker Hamburg gestartet. Beim Antrittskonzert kombinierte er Beethovens weltbekannte neunte Sinfonie mit Werken von Helmut Lachenmann und Arnold Schönberg. Das Publikum jubelte. Ein Premierenbericht.

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Der neue Chefdirigent Sylvain Cambreling lächelt bei seinem Debüt mit den Symphonikern Hamburg.

Cambreling setzt auf Schock. Er umrahmt die weltbekannte Europa-Hymne, die jeder mitpfeifen kann, mit modernen Klängen. Er hinterfragt die Utopie "Alle Menschen werden Brüder" kritisch und unterzieht Beethoven einem Kreuzverhör. Helmut Lachenmann verfremdet in seinem Stück "Staub" Beethoven-Fragmente und dekonstruiert so den Klassik-Ohrwurm. Die Symphoniker spielen die Klänge, die manchmal nicht mehr sind als ein kleines Rauschen, staubpartikelpräzise. Was für ein mutiger Auftakt für ein Antrittskonzert!

Sylvain Cambreling

Neuer Chefdirigent der Symphoniker gibt Einstand

Hamburg Journal -

Mit 70 Jahren wagt Sylvain Cambreling einen Neuanfang - als Chefdirigient der Symphoniker Hamburg. Bereits zweimal wurde er mit dem Echo als "Dirigent des Jahres" ausgezeichnet.

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Keine (Atem-)Pause zwischen den Kompositionen

Der Abend entwickelt sich zu einem dramatischen Ritt. Ohne Atempause springt der Dirigent attacca von Komponist zu Komponist. In den letzten Lachenmann-Takten schon schlägt Cambreling die Beethoven-Noten auf. Der Spannungsbogen hält vom ersten Lachenmann-Klang bis zur letzten Beethoven-Fanfare. Nur einmal wagt eine Frau, kurz zwischen zwei Beethoven-Sätzen zu klatschen. Sofort wird sie von allen Seiten stummgezischt. Das Handy im 4. Satz hat leider länger durchgehalten. Seufz!

Zwölftonales Fanal

Auf die triumphalistischen letzten Klänge der Beethoven-Sinfonie folgen sofort die eruptiven Dissonanzen Arnold Schönbergs: "Der Überlebende aus Warschau" - ein Zählappell kurz vor dem Abtransport ins Vernichtungslager. Plötzlich stimmen die Juden ihr lang vergessenes Glaubensbekenntnis "Schma Jisrael" (gesungen von den Männerstimmen des Europa Chors der Akademie Görlitz). Obschon der Bass Luca Pisaroni oft Mühe hat, seinen Text gegen das übermächtige Orchester zu sprechen, gelingt letztlich eine ergreifende Version des Melodrams. Nach diesem zwölftonalen Fanal will man eigentlich erst einmal kein Dur mehr hören.

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Cambreling hat als Generalmusikdirektor an der Brüsseler Oper gearbeitet, an der Oper Frankfurt Main und zuletzt an der Oper Stuttgart.

Und doch wiederholt Cambreling noch einmal die letzten Takte des furiosen Beethoven-Finales. Gemeint ist das wohl als Ansporn und Appell, die Brüderlichkeit und den Götterfunken ernst zu nehmen und zu aktivieren. Es wirkt aber auch wie eine Salbe auf die Wunde und ein forciertes Happy End, als wollte man das Publikum keinesfalls mit dem Blick in den Abgrund nach Hause schicken.

Beethoven als Sprungschanze zum Schlussapplaus

Cambreling ist nicht der erste, der Schönbergs "Überlebenden" mit Beethovens "Freude" zusammenbringt. Michael Gielen ließ schon 1978 Schönbergs Werk zu Beginn des vierten Beethoven-Satzes erklingen. Cambrelings Hamburger Version mit dem kurzen Beethoven-Ende gelingt zwar, den Klassik-Evergreen neu zu hören - eine angemessene Antwort auf den Horror aus dem Warschauer Ghetto ist sie nicht. Beethoven wird an diesem Abend vor allem zur Sprungschanze für den Schlussapplaus. Sofort nach dem letzten Ton bricht lauter Jubel aus.

Dirigent Sylvain Cambreling © Marco Borggreve Foto: Marco Borggreve

Sylvain Cambreling im Gespräch

NDR Kultur - Klassik à la carte -

Er gilt als Künstler von Weltformat und freut sich auf die Aufgabe: Sylvain Cambreling dirigiert erstmals die Symphoniker Hamburg als neuer Chefdirigent.

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Vielversprechender Auftakt

Das Publikum springt auf und feiert den neuen Chefdirigenten. Tatsächlich haben die Symphoniker mit Cambreling einen gefunden, der ihnen mit Geist, Witz und Charme helfen kann, den Anspruch, ein "denkendes Orchester" zu sein, zu erfüllen. Es ist phänomenal, wie er im Beethoven Schichten freilegt und Ideen isoliert, auch wenn das Orchester die Versprechen seines energischen, glasklaren Dirigats nicht immer einzulösen vermag - beispielsweise im wackeligen Scherzo der Beethoven-Sinfonie. Im Finale muss sich Cambreling auch schon mal sehr weit zurücklehnen, um alle Solisten einzufangen. Und doch war dies ein sehr vielversprechender Auftakt und ein mutiges Statement. Das Publikum hatte Cambreling ohnehin auf seiner Seite, bevor auch nur der erste Ton erklungen ist: Mit einem einfachen "Bonsoir!" und einigen wenigen Worten, die die Abonnenten auf das Konzert einstimmten.

Das "denkende Orchester"

Die Symphoniker, das wurde auch in den Reden beim Empfang nach dem Konzert klar, können gerade vor Kraft kaum Laufen. Vor einigen Jahren noch kurz vor der Pleite, freuen sie sich nun im Schatten der ewig ausverkauften Elbphilharmonie über immer mehr Besucher als Residenzorchester der Laeiszhalle. Vom Bund werden sie im Rahmen des Projektes "Exzellente Orchesterlandschaft" gefördert.
Neuerdings gibt das Orchester im Rahmen dieser Förderung als - wohl einziges weltweit - ein Hochglanz-Magazin mit dem Titel "Sym," (knapp 90 Seiten für 14,50 Euro) heraus, das sich mit musikphilosophischen Fragen beschäftigt. Die Titel der Essays ("Hannah Arendts Realismus" oder "Eine kleine Metaphorologie der auditiven Offenheit") zeigen, wohin die Reise gehen soll. Viel zum Nachdenken. Viel Text. Wenige Fotos - und die ohne inhaltlichen Bezug. Die Symphoniker wollen in der Musikstadt Hamburg mit Macht auf Augenhöhe mitspielen und mitreden. Spannend ist zu beobachten, wie das traditionelle Symphoniker-Publikum auf diesen neuen, betont intellektuellen Kurs reagieren wird.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 22.10.2018 | 19:30 Uhr

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