CD-Cover: Víkingur Ólafsson - Mozart & Contemporaries © Deutsche Grammophon

CD der Woche: Víkingur Ólafsson - Mozart & Contemporaries

Stand: 24.09.2021 14:32 Uhr

Der isländische Pianist Víkingur Ólafsson gehört zu den populärsten, aber zugleich auch zu den künstlerisch spannendsten Klassik-Musikern unserer Zeit. Das demonstriert er auch auf seinem aktuellen Album.

von Marcus Stäbler

Eine einfache Melodie wie aus einem Kinderlied, gestützt von einer schlichten Begleitfigur. "Sonata facile", also "leichte Sonate" hat Mozart dieses Stück genannt. Aber so kinderleicht und unbekümmert wie die Musik tut, ist sie nicht. Das offenbart Ólafsson auf seinem neuen Album mit einem wunderbaren Gespür für Zwischentöne. Wenn er bei der Wiederholung den zweiten Teil der Melodie ein kleines bisschen zurücknimmt, bekommt der sonnige Klang einen Dämpfer. Mit solchen hauchfeinen Details stellt Ólafsson das heitere Gemüt des Stücks in Frage. Auch im zweiten Satz, den er wie mit Samtpfoten spielt.

Spannende Gegensätze und organische Verbindungen

Die Aufnahme lenkt unseren Blick verstärkt auf die weichen und dunklen Seiten der Musik. Und davon gibt es bei Mozart viel mehr zu entdecken, als man früher gedacht hat. Eine fast etwas unheimliche Atmosphäre inszeniert Ólafsson in seiner eigenen Bearbeitung des Adagio aus Mozarts spätem Streichquintett in der düsteren Tonart g-Moll.

Der Pianist verzahnt die Stücke von Mozart mit Werken seiner Zeitgenossen, wie Joseph Haydn oder Baldassare Galuppi. Damit schafft er spannende Gegensätze, aber auch organische Verbindungen und einen geradezu genialen Übergang.

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Diverse CD-Cover © NDR Online Foto: Christiane Irrgang

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Víkingur Ólafssons enormer Farbenreichtum

In einem Satz von Mozarts wichtigem Vorbild Carl Philipp Emanuel Bach etabliert Ólafsson eine Stimmung von nebliger Melancholie, indem er viel Pedal benutzt und die Töne so in einen Schleier hüllt. Fast unmerklich gleitet das Ende dieses Stücks in den Anfang des nächsten - plötzlich sind wir schon in Mozarts d-Moll-Fantasie, die diese trübe Stimmung aufgreift.

Mit sicherer Hand kontrastiert der Pianist solche Momente der Schwermut mit ganz anderen Charakteren - so wie im anschließenden Rondo und seinen hellen Farben. Hier findet Ólafsson einen klaren, silbrigen Ton, nachdem er eben noch wie auf Wattetasten gespielt hat. Welche Nuancen er aus dem Flügel zaubert, ist beeindruckend. Manchmal wirkt es so, als würde er zwischendrin das Instrument wechseln.

Aber das tut er natürlich nicht und das ist auch gar nicht nötig. Denn Víkingur Ólafsson hat diesen Reichtum an Farben im Kopf und in den Händen. Damit ergründet er selbst in vielgespielten Werken noch unerhörte Facetten - und stellt Mozarts Musik in ein neues Licht, das viele schöne Schatten wirft.

Mozart & Contemporaries

Label:
Deutsche Grammophon

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue CDs | 26.09.2021 | 15:20 Uhr

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