CD-Cover: Diana Damrau - Tudor Queens © Erato

CD der Woche: "Tudor Queens" von Diana Damrau

Stand: 19.10.2020 13:40 Uhr

Diana Damrau gehört zu den herausragenden Sängerpersönlichkeiten der vergangenen Jahre. Auf ihrem neuen Album "Tudor Queens" widmet sie sich dem Belcanto und porträtiert tragische Frauenfiguren aus Opern von Gaetano Donizetti.

von Marcus Stäbler

Diese Geschichte nimmt kein gutes Ende - -das verraten uns schon die dramatischen Akkorde zu Beginn der CD. Anna Boleyn, die zweite Frau Heinrichs VIII., ist wegen Ehebruchs zum Tode verurteilt. "Wer kann sie mit trockenen Augen sehen, ohne dass es ihm das Herz zerreißt", klagen die Hofdamen. Chor und Orchester der Accademia Nazionale di Santa Cecilia seufzen operntränenreich, unter Leitung von Antonio Pappano. Nur die Todgeweihte selbst weint nicht mit. Anna Boleyn - in Donizettis Oper mit italienischen Namen Anna Bolena - flüchtet sich in Fieberträume und Wahnvorstellungen. Sie fantasiert von ihrem Hochzeitstag und wünscht sich ins Heimatschloss zurück, mit seinen grünen Platanen und einem ruhigen Fluss.

Frauenfiguren in Extremsituationen

Anna Bolena träumt sich weg aus der tödlichen Realität. Das ist in der Aufnahme mit Diana Damrau deutlich zu spüren. Die deutsche Starsopranistin singt nicht nur, sie taucht tief in die Gefühlswelt der Partie ein. Hier, wie auch in den anderen Rollen. "Tudor Queens", also "Tudor Königinnen" heißt ihr Album, und es vereint Musik aus drei Opern von Gaetano Donizetti. Aber nicht als bunter Arienmix, sondern mit einer klugen dramaturgischen Idee. Das Programm präsentiert zusammenhängende Schlussszenen aus den Opern Anna Bolena, Maria Stuarda und Roberto Devereux - und zeigt ebenso starke wie tragische Frauenfiguren in Extremsituationen.

Überzeugende Vokalvirtuosin

Maria Stuart erwartet den Tod durch den Henker, sie soll als Verräterin hingerichtet werden. Aber auch die schottische Königin hat keine Angst. Sie bittet Gott um Gnade und wünscht ihrer Gegnerin, Queen Elisabeth, ein reines Gewissen. Wie Diana Damrau den emotionalen Ausnahmezustand durchlebt, wie sie dynamische und farbliche Kontraste auslotet, ist beeindruckend. Gerade, wenn sie ihre Stimme ins gehauchte Pianissimo herunterdimmt, sensibel begleitet von Pappano und seinem Orchester. Aber der Mut zum Ausdruck fordert seinen Preis. Damraus Strahlkraft neigt zur Schärfe, vor allem an lauten Stellen, ihr Vibrato schillert mitunter ziemlich grell.

Dieser Zwiespalt prägt auch das Porträt der Königin Elisabeth, die das Todesurteil für ihren Geliebten Roberto Devereux in der gleichnamigen Oper nicht mehr rechtzeitig zurücknehmen kann. Einerseits fesselt Damrau mit ihrer Dramatik, wenn sie grausame Rache beschwört. Andererseits entfernt sie sich vom Ideal des Wohlklangs - für den Stil des Belcanto, also "schöner Gesang", klingt vieles einfach nicht schön genug. Das Timbre wirkt manchmal ungewohnt hart.

Auf ihrem Donizetti-Album überzeugt Diana Damrau deshalb vor allem als Vokalvirtuosin und packende Darstellerin, auch dank ihrer starken Begleiter. In puncto Stimmgenuss reicht sie allerdings nicht an das Niveau früherer Alben heran.

Podcast NDR Kultur Neue CDs © ©Rob | Fotolia | Stock.Adobe

AUDIO: Diana Damrau - Tudor Queens (4 Min)

Tudor Queens

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue CDs | 18.10.2020 | 15:20 Uhr

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