CD-Cover: Nikolaus Harnoncourt - Schubert: The Symphonies © ica classics

CD der Woche: Nikolaus Harnoncourts Schubert-Zyklus

Stand: 31.12.2020 17:37 Uhr

Die Musik von Franz Schubert war für den 2016 gestorbenen Dirigenten Nikolaus Harnoncourt immer eine Herzensangelegenheit. Das zeigen stellvertretend zwei Zyklen mit sämtlichen Sinfonien.

von Christoph Vratz

Jetzt tauchen aus den Archiven des ORF vier CDs auf - wiederum mit allen Schubert-Sinfonien, festgehalten vor mehr als drei Jahrzehnten: im Juli 1988 beim Styriarte Festival von Graz. Ein Glücksfund, findet Christoph Vratz.

Ein Blick durch die historische Brille

Ein Menuett, ein höfischer Tanz, elegant, aristokratisch - Musik für die höhere Gesellschaft. Eigentlich! Denn hier kommt ein 16-Jähriger und macht aus dem Menuett etwas anderes, etwas Aufrüttelndes. So Franz Schubert im Jahr 1813 in Wien - und gleich in seiner ersten Sinfonie. Und weil dieses Rezept so wunderbar gut funktioniert, wendet er es gleich noch einmal an: in seiner zweiten Sinfonie, ein gutes Jahr später.

Nun könnte man diese Menuette auch ein bisschen softer spielen, geschmeidiger. Aber bitte nicht bei Nikolaus Harnoncourt, dem Dirigenten, der ab den 1960er-Jahren anfing, Musikinterpretation neu zu denken und der maßgeblich die Bewegung der "historisch informierten" Aufführungspraxis befeuerte. Neuartig ist auch seine Sicht auf die Sinfonien von Franz Schubert, erst recht, wenn man durch die historische Brille schaut und sich ins Jahr 1988 zurückbeamt. Damals trat Harnoncourt bei dem von ihm gegründeten Musikfestival von Graz auf, mit dem Chamber Orchestra of Europe, um sämtliche Schubert-Sinfonien aufzuführen. Und wie!

Zwischen Schönheit und Abgrund

Von seinen inzwischen drei Schubert-Zyklen, die Harnoncourt hinterlassen hat, ist dies der vielleicht konsequenteste und kompromissloseste. Das Chamber Orchestra of Europe folgt seinem Ideen- und Impulsgeber mit großer Hingabe. Da wird nichts geschont: kein Übergang, kein Akzent, keine Pause, wie beim Übergang von der langsamen Einleitung zum schnellen Teil im ersten Satz der vierten Sinfonie, der "Tragischen": erst elegisch, dann aufrüttelnd, erst fragend, dann geradezu überrumpelnd.

Das Bild vom Biedermeier-Schubert war Harnoncourt immer ein Dorn im Auge. Verniedlichung, Verharmlosung? Nicht mit ihm. Er hat in Schubert immer den Beethoven-Bewunderer gesehen, den Grenzgänger zwischen Schönheit und Abgrund, zwischen Idylle und Todesnähe. Das hört man hier in jedem der acht Werke, auch in der berühmten "Unvollendeten", wo die Musik mal tröstlich wirkt, mal bedrohlich. Vor allem wenn der Rhythmus unerbittlich bohrt.

Ein wahrer Abenteuer-Trip

Selbst wenn man die derzeit entstehenden Schubert-Projekte mit Heinz Holliger und René Jacobs vergleichend hinzuzieht, kann Harnoncourt mit seiner über drei Jahrzehnte älteren Sicht mühelos mithalten, auch weil das Chamber Orchestra of Europe bereit ist, seinem Dirigenten in jeden Winkel der Schubert-Reiseroute bedingungslos zu folgen. So wird dieser Zyklus zu einem wahren Abenteuer-Trip.

Da diese Konzert-Mitschnitte auch klanglich auf jede Beschönigung verzichten, ergibt sich ein stimmiges, ein packendes Gesamtbild. Die Musik Schuberts erweist sich in dieser Aufnahme mit sämtlichen Sinfonien unter Nikolaus Harnoncourt als eine einzige Grenzerfahrung.

Schubert: The Symphonies

Label:
ica classics

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue CDs | 03.01.2021 | 15:20 Uhr

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