CD-Cover: Janusz Wawrowski - Phoenix © Warner Classics

CD der Woche: Janusz Wawrowski spielt Tschaikowsky und Różycki

Stand: 16.04.2021 18:01 Uhr

Zusammen mit dem Royal Philharmonic Orchestra und Grzegorz Nowak hat der polnische Geiger Janusz Wawrowski ein Album unter dem Motto "Phoenix" herausgebracht. Neben dem berühmten Violinkonzert von Peter Tschaikowsky steht eine bemerkenswerte Neuentdeckung: das "Phoenix Concerto" von Ludomir Różycki.

CD-Cover: Janusz Wawrowski - Phoenix © Warner Classics
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von Raliza Nikolov

Eine schier unendliche Süße kommt uns hier entgegen, eine Welt voller Zuversicht scheint sich auszubreiten - und wenn man unvoreingenommen zuhört, fragt man sich, wann und unter welchen Umständen diese spätromantisch-farbenreiche Komposition entstanden sein könnte - denn hier und da blitzt tiefe Melancholie und Schwermut hervor.

Wie ein aus der Asche aufsteigender Phönix

Trotzdem: Das sei wahrscheinlich das optimistischste Stück von Różycki, das er je gehört habe, sagt der geistreiche Geiger Janusz Wawrowski. Sein Wunsch ist es, dieses so aparte Werk möge wie ein aus der Asche aufsteigender Phönix wiedergeboren werden, schreibt er. Und es war tatsächlich ein Kraftakt, so weit zu kommen, denn eine vollständige Partitur existiert nicht. Unter schwierigsten Bedingungen hatte Ludomir Różycki 1944 in Warschau, kurz vor dem Aufstand, begonnen, an dem Violinkonzert zu arbeiten. Różycki war Pianist, mit den Möglichkeiten der Geige kannte er sich offenbar nicht so gut aus. Der Solopart geriet so tückisch schwer, manche Passagen waren gar unspielbar, der vorgesehene Geiger musste die im Geheimen geplante Uraufführung absagen. Różycki vollendete daraufhin das Werk nicht, er starb 1953. Janusz Wawrowski stieß vor ein paar Jahren auf Fragmente der Handschrift Różyckis, und er war fasziniert.

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In Ryszard Bryla fand Wawrowski einen kongenialen Partner für die Orchestrierung, und die persönlichen Assoziationen, die Wawrowski angesichts dieses Werkes hat, sind vielfältig: Gershwin, Rachmaninow, Filmmusik, vor allem aber hält er fest, wie bemerkenswert es ist, dass dieses Violinkonzert, in dunkelster Zeit entstanden, eine solch helle Energie ausstrahlt.

Mit den aberwitzigen Schwierigkeiten hat Janusz Wawrowski kein Problem, er musste allerdings den Violin-Part entsprechend bearbeiten; die unspielbaren Passagen hat er neu geschrieben, aber leichter zu realisieren scheint das dennoch nicht zu sein. Chapeau!

Das Komponieren als Zuflucht

"Als ob sie gegen die traurige Realität des Tages ankämpften, haben Künstler ihre schöpferische Kraft bewusst eingesetzt, um Werke zu schaffen, die Hoffnung wie Freude brachten", schreibt Wawrowski im Beiheft, und deshalb ist es auch kein Zufall, dass er Różycki das Tschaikowsky-Konzert an die Seite stellt. Denn auch dieses Werk ist in einer Leidenszeit entstanden, wenn auch anderer Art. Tschaikowskys Ehe-Versuch war gescheitert. Aber auch hier ist das Komponieren eine Zuflucht, auch hier sagte der vorgesehene Geiger ab: zu schwer! Glücklicherweise aber ließ Tschaikowsky das Werk nicht liegen, es gehört heute zu seinen populärsten. Die ersten Kritiken waren vernichtend, aber das ist eine andere Geschichte.

Phoenix

Label:
Warner Classics

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue CDs | 18.04.2021 | 15:20 Uhr

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