Das Cover der CD "Johannes Brahms. Piano Concertos" mit András Schiff und dem Orchestra of the Age of Enlightenment © Ecm Records (Universal Music)

CD der Woche: Historisierend - die Brahms-Klavierkonzerte

Stand: 13.06.2021 00:00 Uhr

An dieser Einspielung ist einiges neu: das Orchester spielt die Brahms-Konzerte auf historischen Instrumenten, und András Schiff selbst - in Doppelfunktion als Dirigent und Solist - spielt auf einem historischen Flügel.

von Christoph Vratz

Mit einem großen Rumms beginnt Johannes Brahms sein erstes Klavierkonzert. Großes Orchester, volle Lautstärke. Entsprechend oft hat man diesen Beginn schwülstig und breiig gehört. Hier aber ist vieles anders: Denn man kann hörend erkennen, dass die beißenden Triller durch die einzelnen Gruppen des Orchesters wandern und dadurch ständig die Farbe wechseln.

Das Londoner Orchestra of the Age of Enlightenment und András Schiff setzen sich dem Mainstream und der Tradition entgegen. Sie wollen einen anderen Brahms vermitteln: historisch geschärft (also klein besetzt), dazu schlanker, feiner. Ein mutiger Schritt.

Brahms auf historischen Instrumenten

Schiff hat einen Flügel von ca. 1859 gewählt, gebaut von der Firma Blüthner, die damals in der ersten Liga der Klavierbauer spielte. Ein Instrument, das nicht so wuchtig daherkommt wie moderne Flügel, weniger bollernd und polternd, weniger stählern, auch weil die Saiten im Inneren anders verlegt sind als heute üblich. Und der Pianist ist nicht als muskelbepackter Athlet gefragt, sondern als Differenzierungs-Künstler, als Fein-Geist.

Seinem ersten Klavierkonzert hat Johannes Brahms rund drei Jahrzehnte später ein zweites gegenübergestellt - ein ungleiches Doppel, zweieiige Zwillinge. Orchester und Klavier sind noch engmaschiger miteinander verwoben. Wie sehr, das macht diese neue Aufnahme in allen Facetten hörbar. Was sonst kaum funktioniert, gerät hier zum Vorteil: Orchesterleitung und Solisten-Rolle sind in einer Person vereinigt.

Zwei große sinfonische Konzerte werden zu Kammermusik

Alles ist eins, und dieses Eine fächert sich in Vielstimmigkeit auf. Klingt fast banal, steht aber in der Aufnahmelandschaft dieser beiden Konzerte bislang einzigartig dar. Große sinfonische Konzerte werden zu Kammermusik. Eine Entschlackungskur, die gerade die leisen Sätze noch zarter erscheinen lässt.

Bei Schiff und dem Orchestra of the Age of Enlightenment erscheinen die beiden Klavierkonzerte von Johannes Brahms wie das Leben selbst: unberechenbar und häufigen Wechseln ausgesetzt - ein Auf und Ab von Einflüssen und Stimmungen, wie in einer großen Fantasie-Erzählung. Und das Ganze vermittelt mit einer Selbstverständlichkeit, als hätten Solist und Orchester ihr ganzes Leben nichts Anderes gemacht als diese Konzerte zu spielen...

Johannes Brahms: Piano Concertos

Label:
Ecm Records (Universal Music)
Veröffentlichungsdatum:
04. Juni 2021

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue CDs | 13.06.2021 | 15:20 Uhr

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