Stand: 07.08.2020 09:34 Uhr  - NDR Kultur

CD der Woche: Emilie Mayer - der "weibliche Beethoven"

Emilie Mayer: Sinfonien Nr. 1 und 2
von NDR Radiophilharmonie, Ltg: Leo McFall 
Vorgestellt von Friederike Westerhaus

Die Komponistin Emilie Mayer aus dem mecklenburgischen Friedland, die von 1812 bis 1883 lebte, war eine Vorreiterin unter den Frauen in der Musikwelt. Heute ist sie so gut wie unbekannt. Dabei war sie durchaus produktiv: Neben kammermusikalischen Werken und einigen Ouvertüren schrieb sie allein acht Sinfonien. Die NDR Radiophilharmonie hat zusammen mit dem Gastdirigenten Leo McFall ihre Sinfonien Nr. 1 und 2 eingespielt und dafür vorab eigens das noch fehlerhafte Notenmaterial der vorhandenen Partituren spielfertig eingerichtet.

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Cover CD E. Mayer NDR Radiophilharmonie

Emilie Mayers erste beiden Sinfonien

Die NDR Radiophilharmonie und Dirigent Leo McFall mit der Ersteinspielung von Emilie Mayers Sinfonien Nr. 1 und 2. mehr

Wenn für Sie der Name Emilie Mayer neu ist, sind Sie in bester Gesellschaft. "Ich hatte vorher noch nie von ihr gehört", sagt der Dirigent Leo McFall. Dabei war die mecklenburgische Komponisten zu ihren Lebzeiten durchaus bekannt, vor allem dank ihrer acht Sinfonien. Die brachten ihr den Beinamen "weiblicher Beethoven" ein.

"Bei Emilie Mayer äußert sich Beethovens Einfluss zum Beispiel an häufig starken Akzenten und großen dynamischen Kontrasten", erklärt McFall. "Aber ich habe nicht den Eindruck, dass sie an ihrem Schreibtisch saß und mit dem übermächtigen Vorbild Beethoven kämpfte. Sie schrieb genau das, was sie wollte."

Tiefe Empfindungen

Schon die 1. Sinfonie zeugt von der Inspirationskraft der jungen Komponistin. Sie wirkt reif und spiegelt die Tiefe ihrer emotionalen Empfindungen wider. Dabei war sie noch keine 30 Jahre alt. Vielleicht mag eine Erklärung sein, dass sie schon in Abgründe geblickt hatte: Ihre Mutter starb im Kindbett, ihr Vater erschoss sich 1840.

CD-Neuheiten
Eine undatierte historische Lithografie zeigt die Komponistin Emilie Mayer. © dpa Foto: Theater und Orchester GmbH Neubrandenburg/Neustrelitz

Den eigenen Weg finden

Heute mit einer Vorreiterin in der Musikwelt, einem Schwiegersohn, der mit seiner Musik auch den Schwiegerpapa überzeugte, und einem Musiker, der Jazz so liebt wie Klassik. mehr

Geboren wurde Emilie Mayer 1812 im mecklenburgischen Friedland. Und sie spürte in sich diesen Drang, Musik zu schreiben - auch wenn das in jener Zeit alles andere als einfach war für eine Frau. Aber Emilie hatte das Glück, dass ihr Vater Apotheker gewesen war. Für ihr Auskommen war also gesorgt. Und so konnte sie sich der Musik widmen, ohne davon leben zu müssen.

Das Adagio aus der zweiten Sinfonie ist ein wunderschöner zarter Satz - Mendelssohn scheint um die Ecke zu schauen. Die zweite Sinfonie ist großräumiger und transparenter, und man hat mehr ein Gefühl von Weite. Das ist sehr interessant, denn die erste Sinfonie ist voller Action, sodass man sich manchmal fast klaustrophobisch fühlt. Die zweite ist entspannter.

"Exzellente Musik"

Hörbar haben sich Leo McFall und die NDR Radiophilharmonie Emilie Mayer mit derselben Ernsthaftigkeit genähert, mit der sie einem berühmten Komponisten gegenüber treten würden. Und sie machen sich damit zu Anwälten dieser so unbekannten Werke.

Dass es sich bei Emilie Mayer um eine Frau handelt, habe dabei nicht im Vordergrund gestanden, betont der Dirigent: "Ich glaube nicht an solche Etiketten. Was soll das bedeuten, weiblicher Klang? Süß? Blumig? Für mich ist das kein Thema. Es handelt sich einfach um exzellente Musik, die ich gerne aufführe."

Die Sinfonien von Emilie Mayer mit der NDR Radiophilharmonie unter Leo McFall sind eine echte Entdeckung und seien all denen wärmstens empfohlen, die Lust haben, gute Musik abseits des gängigen Kanons zu hören.

Podcast NDR Kultur Neue CDs © ©Rob | Fotolia | Stock.Adobe

AUDIO: Emilie Mayer - der "weibliche Beethoven" (5 Min)

Emilie Mayer: Sinfonien Nr. 1 und 2

Zusatzinfo:
Label:
cpo

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue CDs | 09.08.2020 | 15:20 Uhr

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