Stand: 04.06.2018 12:36 Uhr

Doppelter "Benjamin" an der Staatsoper Hamburg

von Elisabeth Richter

Am Sonntag ist die Oper "Benjamin" von Peter Ruzicka an der Staatsoper Hamburg uraufgeführt worden. Der berühmte deutsch-jüdische Philosoph, Kulturwissenschaftler und Schriftsteller Walter Benjamin wurde 1892 in Berlin geboren und nahm sich auf der Flucht vor den Nationalsozialisten 1940 im spanischen Portbou das Leben. Ruzicka und seine Librettistin Yona Kim, die in Hamburg auch Regie führt, nennen ihre Oper ein "Musiktheater in sieben Stationen". Ein Premierenbericht.

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Bariton Dietrich Henschel verkörpert eine Hälfte der ausdrucksstarken Titelfigur.

Walter Benjamin schrieb einmal, dass er in seinem Denken extreme, scheinbar unvereinbare Positionen vertrete. Er beschäftigte sich etwa mit Literatur, Kunst oder Metaphysik einerseits, aber andererseits auch mit der Wirkung von Drogen, mit Mode oder Prostitution. Oder: Er dachte über das Jüdisch-Messianische genauso nach wie über den (kommunistischen) dialektischen Materialismus. Zwei Seelen, ach, hatte Walter Benjamin wohl in seiner Brust. Da war es ein kluger Schachzug, dass Yona Kim, die Librettistin und Regisseurin, den Protagonisten als Doppelfigur auftreten lässt: als Sänger und als Schauspieler. Beide sind identisch gekleidet und erinnern an den historischen Walter Benjamin: weißer Anzug, Schnauzbart, runde Nickelbrille.

Zwillingsmotiv - Extreme einer Einheit

Der Schauspieler bringt auch Originalzitate von Walter Benjamin, der Sänger zeigt Emotionen, vor allem Verzweiflung. Beide Seiten dieser einen Person ringen miteinander - manchmal im wahrsten Sinne des Wortes. Einmal stehen sie Rücken an Rücken, die Arme ineinander verhakt, sie bilden in ihren Extremen eine Einheit.

Wegbegleiter wie Arendt, Brecht und Sholem im Stück thematisiert

Die sieben Stationen dieses Musiktheaters werfen Schlaglichter auf Aspekte des Lebens von Walter Benjamin. Sie schließen wichtige Wegbegleiter ein - darunter die Philosophen-Kollegin Hannah Arendt, Bertolt Brecht, den Religionshistoriker Gershom Sholem, die Geliebte und Kommunistin Asja Lacis. Heike Scheele hat einen Einheitsbühnenraum gebaut, der Warteraum für Flüchtlinge, Kinderzimmer, Pyrenäenwald oder öffentlicher Platz wird. Die Situationen fließen ineinander und verschachteln sich. Ausgangspunkt sind die letzten Lebenswochen des Philosophen, dem flashartig Erinnerungen kommen. Kindheitstraumata verfolgen ihn. Die Geliebte Asja drängt Benjamin zum marxistischen Denken, Gershom Sholem will ihn nach Palästina locken.

In der siebten und letzten Station - wie am Anfang in den Pyrenäen - verdichtet sich Walter Benjamins Wunsch, dem Getriebensein ein Ende zu machen, immer mehr. "Das Messer des Fleischers wäre eine Erlösung", heißt es im Text. Peter Ruzickas Musik geht hier stark in weiche, tonale, fast kitschige Regionen. Dann wird der Klang gleißend, ein Trompetensolo zeichnet Konturen in den hellen Tonteppich. Gelegentlich rumort das Schlagwerk im Untergrund. Überhaupt hat sich Ruzicka in seiner dritten Oper erstaunlich weit von seiner intellektuellen, analytischen Tonsprache - wie etwa in seiner Oper "Celan" - entfernt, auch wenn es daraus mit einer sehr langen Chorpassage ein Zitat gibt. Ruzicka untermalt mit seiner Musik eher atmosphärisch das Geschehen mit vielen Anleihen bei großen Komponisten-Kollegen, als dass sich ein Stilprofil herausschälen würde.

Ein sängerisch starkes Ensemble

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Lini Gong (links) glänzt mit perfekten Koloraturen als Ajsa Lacis.

Sängerisch war bei dieser Uraufführung ein exzellentes Ensemble versammelt, voran Bariton Dietrich Henschel als ausdrucksstarke Titelfigur, genauso facettenreich sein Alter Ego, der Schauspieler Günter Schaupp. Dorottya Lang gestaltete Hannah Arendt mit dunkel-eindringlichem Mezzosopran, atemberaubend perfekt die halsbrecherisch-erregten Koloraturen von Lini Gong als Asja Lacis. Die anspruchsvolle Partitur servierte das Philharmonische Staatsorchester unter der Leitung des Komponisten souverän.

Doppelter "Benjamin" an der Staatsoper Hamburg

Uraufführung für "Benjamin" an der Staatsoper Hamburg: Zwei Darsteller verkörpern die innere Zerrissenheit des Philosophen Walter Benjamin in seinen letzten Lebenswochen.

Datum:
Ende:
Ort:
Staatsoper Hamburg
Dammtorstraße 28
20354  Hamburg
Telefon:
(040) 356 868
E-Mail:
ticket (at) staatsoper-hamburg.de
Preis:
6 Euro bis 97 Euro - zuzüglich Vorverkausgebühren
Kartenverkauf:
Mo. - Sa.: 10 bis 18 Uhr
Hinweis:
Benjamin
Musikalische Leitung: Peter Ruzicka
Libretto und Inszenierung: Yona Kim
Bühne: Heike Scheele
mit
Lini Gong als Asja L.
Dietrich Henschel als Walter Benjamin
Dorottya Láng als Hanna Ahrendt
Tigran Martirossian als Gershom Sholem
Andreas Conrad als Bertold Brecht
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 04.06.2018 | 07:40 Uhr

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