Geige liegt auf Stuhl © picture alliance / Lino Mirgeler/dpa | Lino Mirgeler Foto: Lino Mirgeler

Kulturszene bedauert Aus für Niedersächsische Musiktage

Stand: 11.11.2021 08:37 Uhr

Am Mittwoch wurde das Aus für eine kulturelle Institution in Niedersachsen verkündet: Die Niedersächsischen Musiktage haben in diesem Jahr zum letzten Mal stattgefunden. Auch das Literaturfest wird es nicht mehr geben.

von Alexandra Friedrich

Seit 1987 hat das Themenfestival alljährlich im September hochklassige Konzerte an sehr unterschiedliche Orte auch außerhalb der kulturellen Zentren gebracht. Nun ist Schluss damit. Der Grund: Deren Veranstalter, die Niedersächsische Sparkassenstiftung und die VGH Stiftung, wollen sich nach eigenen Angaben "neu positionieren". Laut Stiftungsdirektor Johannes Janssen wolle man künftig als Förderer in Erscheinung treten.

KulturGut Horn im Ammerland fürchtet Verlust an Strahlkraft


Das KulturGut Horn in Gristede im Kreis Ammerland bei Oldenburg hatte noch vor wenigen Wochen einen Konzertabend der Niedersächsischen Musiktage im Haus. Gerrit Frers vom KulturGut Horn, bedauert im Interview mit NDR Kultur, dass es zukünftig diese Form der Konzerte nicht mehr geben wird: "Für unser Haus ist es natürlich schade, weil diese großen Verantstaltungen natürlich eine große Strahlkraft in die Region haben, die wir, wenn wir selbst Konzerte veranstalten, nicht unbedingt erhalten können. Wir wollen immer Leben auf dem Hof, das Kulturleben gehört dazu. Und es ist natürlich auch wichtig, der Kulturszene was bieten zu können."

Er habe festgestellt, dass die Veranstaltungen der Niedersächsischen Musiktage auch ein Publikum aus weiter entfernten Regionen anziehen würde. "Wenn wir selbst etwas machen, bezieht sich das viel aufs Oldenburger Land, aufs Ammerland. Durch Niedersächsischen Musiktage nehmen die Leute auch weitere Anreisen in Kauf." Als kleiner Veranstalter sei es immer schwierig, Werbepartner und Sponsoren für größere Veranstaltungen zu finden. Mit der künstlerischen Auswahl der Musiktage könne man als Einzelveranstalter nicht mithalten. "Das bedingt sich ja. Wir wollen die Zuschauer haben, aber die bekommen wir nur mit einem guten künstlerischen Programm", so Frers.

Literaturfest-Intendantin Mamzed bedauert Aus

Susanne Mamzed © Helge Krückeberg Foto: Helge Krückeberg
Susanne Mamzed war bislang Intendantin der Niedersächsischen Literaturtage. Sie bedauert das Aus.

Bitter ist das Aus auch für diejenigen, die die Festivals jahrelang und mit viel Liebe mitgestaltet haben. "Das bedauere ich sehr, weil ich die Aufgabe gerne gemacht habe. Natürlich sind da jetzt frei werdende Ressourcen, die man wieder für Anderes und auch Gutes verwenden kann, aber im Moment überwiegt einfach, dass ich sehr traurig darüber bin, dass das Festival nicht mehr stattfinden wird", sagt Susanne Mamzed. Seit ein paar Tagen weiß die Intendantin vom Literaturfest um das Aus ihres Festivals.

Zwar freue sie sich schon darauf, neue Konzepte zu entwickeln, aber sie sieht da eine Herausforderung: "Es gibt halt nur eine bedingte Anzahl von Literaturveranstaltern im Land. Da weiß ich noch nicht ganz genau, ob wir noch zusätzliche Veranstalter gewinnen können, die sich trauen, auch Literaturveranstaltungen zu machen. An vielen kleinen Orten gibt es eben keine Literatur. Und da muss man sehen, dass man Institutionen finden kann, die da trotzdem noch Literatur, Leseförderung, Literaturvermittlung vor Ort machen wollen."

Janssen: Programme vor Ort stärker fördern

Was bedeutet der Verlust dieser kulturellen Institutionen für den Kulturstandort Niedersachsen? Johannes Janssen, Stiftungsdirektor der niedersächsischen Sparkassen, sieht in den Neuerungen weniger Schwierigkeiten als Chancen: "Es gibt im ganzen Land unglaublich viele Kulturschaffende. Es gibt Kulturämter, die sehr engagiert sind, Programme vor Ort zu gestalten. Das sind jetzt schon unsere Partner, die wir in unserer Förderung haben, und die wollen wir stärker als bisher fördern."

Wenn die Stiftungen ihre Gelder nicht mehr in die eigenen Festivals, sondern in die breite Musikszene des Landes fließen lassen wollen, dürfte das den Landesmusikrat ja eigentlich freuen. Als Interessensvertretung von Laien- und Profimusiker*innen in Niedersachsen könnte er zu den Profiteuren der Neuausrichtung gehören. "Natürlich ist es schön, wenn man vor Ort die einzelnen Vereine oder Gruppen oder Chöre fördern möchte, aber man gibt natürlich dieses wunderbare, flächendeckende, größte Festivals Deutschlands auf", findet Lothar Mohn, Präsident des Niedersächsischen Landesmusikrats.

Tatsächlich betrachtet er die rigorose Entscheidung skeptisch. Die Musiktage zeichnen für ihn zwei Besonderheiten aus, die nun verloren gehen: "An Orte zu gehen, wo man sonst keine Musik zu erwarten hat oder bestimmte Themen zu beleuchten wie Raum, Leidenschaft, Mut und im letzten Jahr: Rituale. Es war doch schon ein Ritual, dass man die Niedersächsischen Musiktage 34 Jahre lang durchführen konnte. Und dieses Wir-Gefühl jetzt aufzugeben, ist bedauerlich."

Weitere Informationen
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 10.11.2021 | 16:20 Uhr

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