Stand: 30.09.2016 14:13 Uhr

Aus Liebe zu Brahms

For the Love of Brahms
von Joshua Bell / Steven Isserlis 
Vorgestellt von Philipp Cavert

CD der Woche

Der Dirigent Sir Neville Marriner ist am vergangenen Wochenende Alter von 92 Jahren gestorben. Sein größtes Vermächtnis sind nicht die über 600 Schallplatten und CDs - es ist das Orchester, das er gegründet hat und das seinen Geist weiterträgt: die Academy of St. Martin in the Fields. Ihre neue Aufnahme ist mit dem Geiger Joshua Bell und dem Cellisten Steven Isserlis entstanden. Die Frage: "Lieben Sie Brahms?" würden alle hier ganz klar mit "ja" beantworten. Gemeinsam spielen sie Musik des gebürtigen Hamburgers.

Freundschaft auf zwei Ebenen

Bild vergrößern
Joshua Bell ist künstlerischer Leiter der Academy of St. Martin in the Fields.

"For the Love of Brahms" heißt das Album und diese Liebe hat im Laufe der Jahre alle Phasen durchgemacht - von anfänglicher Verliebtheit ist sie über Höhen und Tiefen in eine tiefe Freundschaft gemündet. Genau das wäre der eigentliche Oberbegriff für die CD: Freundschaft. Und hier wird es nun spannend: Freundschaft nämlich auf zwei ganz unterschiedlichen Ebenen.

Da ist zum einen die Freundschaft zwischen den Musikern - Bell und Isserlis machen seit fast 30 Jahren zusammen Kammermusik. Und nichts anderes als Kammermusik ist im Grunde ja auch das Brahms'sche Doppelkonzert. Eigentlich jedes Stück, da Joshua Bell als Solist auch das Kammerorchester leitet, die Academy of St. Martin in the Fields. Er ist der künstlerische Leiter seit 2011 und dirigiert von seiner Stradivari aus, das gibt allem einen unmittelbareren Anstrich.

Bild vergrößern
Der Cellist Steven Isserlis macht seit fast 30 Jahren zusammen mit Joshua Bell Kammermusik.

Die andere Freundschaftsebene ist die zwischen Brahms, seinem Mentor Schumann und dem Geiger Joseph Joachim. Selbst als Brahms und er im Streit waren, hat Joachim weiterhin Brahms' Musik aufgeführt. Und Brahms seinerseits hat das Doppelkonzert als eine Art Versöhnungswerk entworfen. Joseph Joachim war außerdem der Impulsgeber für Schumanns Violinkonzert - ein bis heute wenig bekanntes Werk.

Noch weniger bekannt dürfte sein, dass Benjamin Britten den zweiten, langsamen Satz auf eigene Art vervollständigt hat, wenn auch nur die letzten Takte. Als Elegie für den frühverstorbenen Hornisten Dennis Brain. Diese Fassung ist zum ersten Mal 1958 beim Aldeburgh-Festival gespielt worden, seitdem nie wieder. Jetzt liegt sie erstmals auf CD vor, als Live-Aufnahme.

Brahms' Extreme

Sorgfältig komponiert ist auch die Programmauswahl. Neben dem Oberthema Freundschaft bilden die Werke eine zeitliche Klammer. Das Doppelkonzert am Anfang ist Brahms' letztes Orchesterwerk und das Klaviertrio Op. 8 war sein erstes veröffentlichtes Kammermusikstück. Zusammen mit dem Pianisten Jeremy Denk haben Bell und Isserlis die Urfassung aufgenommen.

Auch wenn Johannes Brahms diese Fassung von 1854 später eigenhändig revidiert hat - in diesem Fall hat die frühe Version ihre Berechtigung. Sie passt zu dem durchdachten Konzeptalbum, das somit auch die zeitlichen Extreme in Brahms' Schaffen abbildet - und zwar auf Weltklasseniveau. Und auch die Academy of St. Martin in the Fields präsentiert sich einmal mehr als das Spitzenorchester, das der unvergessene Neville Marriner zu Weltruhm geführt hat. Der Sound ist auch das Vermächtnis dieses Mannes, über den Joshua Bell sagt: "Er war brillant, integer, humorvoll - Marriner war einer der außergewöhnlichsten Menschen, die ich kennenlernen durfte."

For the Love of Brahms

Label:
Sony Classical

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue CDs | 04.10.2016 | 06:40 Uhr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/musik/klassik/Aus-Liebe-zu-Brahms,brahms180.html

Mehr Kultur

36:50
NDR Kultur
07:55
Mein Nachmittag