Stand: 11.06.2019 13:23 Uhr

Hannover zeigt 330 Jahre alte Welfen-Oper

von Agnes Bührig

Vor 330 Jahren bekam Hannover sein erstes Opernhaus. Gebaut nach venezianischen Vorbildern, wurde es 1689 als Erweiterung des Leineschlosses als Schloss-Opernhaus eröffnet. Dafür schrieb der italienische Komponist Agostino Steffani die Festoper "Henrico Leone", die den Urwelfen Heinrich den Löwen in den Mittelpunkt stellte. Am Donnerstag wird die Oper erneut in Hannover erklingen, in einer konzertanten Aufführung mit dem Barockorchester Hannoversche Hofkapelle - und als Teil der 4. Festwoche des Forums Agostino Steffani, das sich der Präsentation der Hofmusikkultur des Welfenhauses im 17. und 18. Jahrhundert verschrieben hat.

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Der englische Countertenor David Allsopp singt Heinrich den Löwen.

Probe in der Orangerie von Schloss Herrenhausen. Lajos Rovatkay sitzt an einem von zwei Cembalos und leitet den ersten Satz. Hinten die Hannoversche Hofkapelle, die er 1981 als Professor an der Musikhochschule Hannover unter dem Namen Capella Agostino Steffani mitgründete, vorn der englische Countertenor David Allsopp. Er singt Heinrich den Löwen, der bei seiner Rückreise von einem Kreuzzug im Heiligen Land Schiffbruch erleidet. "Für die Besetzung meiner Rolle war ursprünglich ein Kastrat vorgesehen", erklärt David Allsopp. "Die meisten von ihnen waren sehr groß. Wenn sie ihre Männlichkeit in der Jugend verloren hatten - so, wie es von ihnen verlangt wurde - wurden sie sehr muskulös und groß. Heinrich muss auf der Bühne sehr imposant gewirkt haben. Er taucht in der Eröffnungsszene im Schiff auf und verschwindet dann für den Rest des ersten Aktes im Nest eines Greifvogels."

Oper über Ruhm des Welfenhauses

Schauspieler Willi Schlüter rezitiert zwischen den konzertanten Passagen die Geschichte, die auf der Heinrich-Sage basiert und mit diversen Verirrungen der Liebe ausgeschmückt ist. Der Opernstoff sollte den geschichtlichen Ruhm des Welfenhauses herausstellen, das neu erbaute Opernhaus in Hannover die Macht Herzog Ernst Augusts festigen. Dazu gehörte auch die Verpflichtung von Agostino Steffani als Hofkapellmeister. Der hoch angesehene Komponist stammte aus Venetien, das Mitte des 17. Jahrhunderts eine Blütezeit der sich gerade erst entwickelnden Kunstform Oper erlebte.

Kombination zweier Richtungen des barocken Musiktheaters

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Die Hannoversche Hofkapelle lässt die Zeit vor 330 Jahren erneut erklingen.

In Hannover brachte Steffani seine Kombination zweier Richtungen des barocken Musiktheaters zur Vollendung. Er kombinierte den höfisch-aristokratischen Stil, wie er in Frankreich am Hofe Ludwig XIV. gepflegt wurde, mit der bürgerlichen venezianischen Karnevalsoper - und legte so den Grundstein für eine eigene Tonsprache nördlich der Alpen. Mit originaler Besetzung lässt die Hannoversche Hofkapelle die damalige Zeit erneut erklingen, sagt Konzertmeisterin Anne Röhrig. "Speziell für diese Aufführung haben wir zusätzlich einen großen Apparat an Continuo-Instrumenten: eine Harfe, die für einen besonderen Klang sorgt - und die Chitarrone, ein Lauteninstrument, das abgesehen von Akkordischem auch einen Satz von Bass-Saiten hat, die gespielt werden können, deshalb der lange Hals."  

Die Geschichte mit der Soße des Vibratos

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Musikprofessor Lajos Rovatkay sorgte dafür, dass die Wiederaufführung der Oper "Henrico Leone" überhaupt erst möglich wurde.

Die Gemahlin Heinrichs, Metilda, singt Johanna Winkel, Sopranistin mit langjähriger Erfahrung im Bereich Alte Musik. Da das Notenmaterial nur handschriftlich vorliegt, sei die Handlung der Oper am Anfang der Proben unübersichtlich gewesen, sagt die Sängerin. Durch die langjährige Forschung von Musikprofessor Lajos Rovatkay an der Musikhochschule Hannover war die Wiederaufführung des Werkes im Jahr 1989 - in der historisch informierten Interpretationspraxis, die alte Aufführungsweisen hinterfragt -, überhaupt erst möglich geworden. Dreck wegputzen, nennt der 86-Jährige das, der auch jetzt wieder künstlerischer Leiter der Aufführung ist. "Dreck - hauptsächlich das Dauervibrato, ist etwas, was die Harmonie verunreinigt", erklärt Lajos Rovatkay. "Man hört die Harmonien nicht. Und die Tonhöhen hört man auch nicht richtig. Das ist eine klangliche 'Verunklarung'. Aber auch der Ausdruck ist betroffen, denn es gibt keine richtigen Unterschiede mehr, weil überall diese Soße des Vibratos drübergegossen wäre." Eine Soße, die sich in der neuerlichen Premiere des 330 Jahre alten Werkes glücklicherweise nicht finden wird.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 11.06.2019 | 06:40 Uhr

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