Stand: 12.05.2020 17:02 Uhr

ARD-Musikwettbewerb wegen Corona abgesagt

Stephan Sturm © NDR Foto: Christian Spielmann
NDR Kultur Musikredakteur Stephan Sturm setzt sich seit vielen Jahren für die Nachwuchsförderung ein.

Obwohl die Corona-Auflagen allmählich gelockert werden, gibt es täglich Absagen von Konzerten und ganzen Festivals. Nun hat es auch einen der weltweit bedeutendsten Nachwuchswettbewerbe erwischt. Diese Woche kam die Nachricht, dass auch der Internationale Musikwettbewerb der ARD München in diesem Jahr nicht stattfinden kann. Ein Schlag ins Kontor der jungen Klassik-Szene. NDR Kultur Musikredakteur Stephan Sturm setzt sich seit rund 20 Jahren für die Nachwuchsförderung auf NDR Kultur ein. Moderatorin Petra Rieß hat mit ihm über die Absage und ihre Konsequenzen gesprochen.

Kam für Sie die Absage überraschend?

Stephan Sturm: Nein, nicht wirklich. Ich glaube, diese Entscheidung, auch wenn sie den Kolleginnen und Kollegen vom Bayerischen Rundfunk schwergefallen ist, die war unumgänglich.

Warum? Der Wettbewerb hätte doch erst Ende August bis Mitte September stattgefunden, das sind noch mehr als drei Monate.

Sturm: So ein Wettbewerb benötigt eine lange Vorbereitung. Nicht nur für die Organisatoren, sondern auch für die jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Das ist wie im Leistungssport. Man fährt nicht mal eben zu den Olympischen Spielen, um die einhundert Meter in Bestzeit zu laufen. Das bedarf einer monatelangen, wenn nicht sogar jahrelangen Vorbereitung. Und so ist das auch bei den jungen Musikerinnen und Musiker. Die müssen ständig üben, um in Form zu bleiben. Und wir wissen, dass die Musikhochschulen noch immer geschlossen sind, Unterricht gibt es zwar über Videokonferenzen, aber gerade Pianisten, die vielleicht über kein eigenes Instrument verfügen, keinen Flügel im Studentenwohnheim haben, die sind darauf angewiesen, in der Musikhochschule zu üben. Und das ist momentan nicht möglich. Auch Reisen zum Unterricht für Studenten aus dem Ausland sind nicht immer möglich. Deshalb mussten die Wettbewerbsorganisatoren erkennen, dass eine faire Durchführung unter den gegebenen Umständen nicht möglich ist.

Was bedeutet die Absage für Ihre Arbeit in Sachen Nachwuchsförderung?

Die Preisträger des 68. Internationalen Musikwettbewerbs der ARD  München 2019. © BR/ Daniel Delang Foto: Daniel Delang
Die Preisträger und Preisträgerinnen des 68. Internationalen Musikwettbewerbs der ARD. In diesem Jahr muss der Wettstreit ausfallen.

Sturm: Der ARD-Musikwettbewerb ist der Treffpunkt der Top-Nachwuchsmusikerinnen und -musiker weltweit. Nur die besten werden überhaupt nach einer strengen Vorauswahl zum Wettbewerb nach München eingeladen. Und auch wir Redakteure aus der gesamten ARD treffen uns jedes Jahr in München, um zu schauen, welchen Preisträger, welche Preisträgerin wir in der kommenden Zeit zu Konzerten einladen oder wir in unseren Sendungen vorstellen werden. Das wird es in diesem Jahr nicht geben. Auch das traditionelle Abschlusskonzert mit den frisch gekürten Preisträgern, das wir jedes Jahr am letzten Wettbewerbstag aus dem Herkulessaal übertragen, das wird es in diesem Jahr nicht geben.

Das heißt, Sie planen Ihre Veranstaltungen und Sendungen in der kommenden Spielzeit ohne ARD-Preisträger?

Sturm: Wir haben am 5. November ein Konzert der Reihe "Podium der Jungen" im Hamburger Rolf-Liebermann-Studio geplant, und ich hoffe, dass wir es auch durchführen werden können, zusammen mit dem Felix Mendelssohn Jugendorchester aus Hamburg. Und da haben wir den jungen Cellisten Friedrich Thiele eingeladen, der im vergangenen Jahr den zweiten Preis beim ARD-Musikwettbewerb erhalten hat. Zusätzlich wollten wir eine junge Pianistin oder einen Pianisten einladen, der oder die in diesem Jahr das Finale erreicht hätte. Jetzt werden wir auf Wettbewerbe zurückgreifen, die vor Corona stattgefunden haben.

Die Absage des ARD-Musikwettbewerbs hat weitreichende Folgen auch für Konzertveranstalter?

Sturm: Natürlich hat es in erster Linie Folgen für die jungen Spitzentalente. Ihnen entgehen nicht nur die Preisgelder, sondern - was vielleicht noch viel wichtiger ist - die Anschlussförderungen mit den vielen Konzertauftritten, mit den Einladungen zu Festivals. Es gibt ganze Festivalreihen mit ARD-Preisträgern, und auch die geplanten CD-Produktionen mit den Preisträgern, das alles findet nun nicht statt. Und das muss man sich klar machen, das ist richtig bitter für die jungen Leute.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 12.05.2020 | 16:20 Uhr

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