Ein Musiker spielt auf einem Saxophon. © picture alliance Foto: Hauke-Christian Dittrich

Jazz in Hannover: Nicht mehr wegzudenken

Stand: 25.09.2021 06:00 Uhr

Den Jazz wieder nach Hannover bringen war die Mission von Arne Pünter und seinem Team bei der Jazzmusiker Initiative Hannover (JMI). "Mission completed" lässt sich nach zehn Jahren Arbeit festhalten.

Zahlreiche Formate, zwischen 60 und 80 Konzerte im Jahr und sogar ein Festival sind längst nicht mehr wegzudenken aus Hannovers Kulturleben. Als er selbst in den Nullerjahren noch Jazzsaxophon studierte, denkt Pünter zurück, habe eine bestimmte Art von Bands in der niedersächsischen Landeshauptstadt gar nicht stattgefunden. Obwohl man von der Lage her eigentlich nicht besser für eine Tour angebunden sein könne. Das habe sich geändert: "Ich weiß: Wir sind bundesweit wieder auf der Landkarte für Jazz-Kultur gelandet."

Missstände durch die Pandemie sichtbar geworden

Arne Pünter © Arne Pünter
Arne Pünter ist Geschäftsführer der Jazzmusiker Initiative Hannover (JMI).

Trotzdem laufe vieles in der Branche alles andere als gut, gibt der Geschäftsführer des JMI zu Bedenken. Die Missstände seien durch die Pandemie plötzlich besonders sichtbar geworden. Politische Lobbyarbeit gehöre daher zu den Hauptaufgaben der Musikerinitiative. Denn für die Lebensumstände von den vielen Protagonisten in der Branche gebe es nach wie vor wenig Verständnis. "Die Politik hat das Berufsbild Musiker*in einfach nicht verstanden", sagt Pünter. Für Aussagen, dass man während des Lockdowns im digitalen Raum hätte Geld verdienen sollen, hat er wenig Verständnis.

Kulturelle Inhalte seien massenhaft ins Netz gestreamt worden, ohne jegliche Form der Gegenleistung. Auch eine Überbrückung von Einkommensausfällen durch CD-Verkäufe etwa sei utopisch. Die würden wenn überhaupt nur noch auf Konzerten verkauft und die konnten aus bekannten Gründen nicht stattfinden. Selbst wenn Gagenausfälle gezahlt wurden, so gebe es wenig Verständnis dafür, dass freischaffende Musiker*innen meistens einen Mix an Einnahmequellen hätten, weil sie zum Beispiel noch Unterricht geben. Viele seien daher durchgerutscht bei den staatlichen Hilfsangeboten.

Wenig Unterstützung in den vergangenen anderhalb Jahren

"Ich frage mich schon, woran das liegt. Ob einfach kein Interesse besteht?", so Pünter. Er ist sichtlich enttäuscht darüber, wie wenig Unterstützung es für viele seiner Kolleginnen und Freunde in den vergangenen anderthalb Jahren gab. Dabei hätten sie ja nun mal de facto ein Berufsverbot erteilt bekommen und seien unverschuldet in eine Notlage geraten.

Unter anderem auch deswegen hat die JMI mithilfe von Spendengeldern dafür gesorgt, dass freischaffende Jazz-Musikerinnen und -Musiker unbürokratisch finanzielle Hilfe bekommen konnten, wenn das Geld mal knapp wurde. Beträge zwischen 200 und 400 Euro wurden ohne großen Aufwand nach Bedarf ausgezahlt. Insgesamt kamen bei der gemeinsamen Aktion mit der "Tonhalle Hannover" Spenden über 40.000 Euro zusammen. Auch ein Zeichen dafür, wie eng die Kulturszene in der Stadt in der Krise zusammenhalte.

Jazzwoche Anfang Oktober Lichtblick für die Szene

Doch die Krise sei noch lange nicht überstanden, führt Pünter fort. Von einem Restart könne noch lange nicht die Rede sein. So sehe er die für Anfang Oktober geplante Jazzwoche zwar als Lichtblick für die Szene, die durch die Aussicht auf einen ordentlichen Festival-Auftritt mit angemessenem Honorar auch motiviert werde. Dennoch gebe es Unsicherheiten, ob überhaupt alles wie geplant stattfinden darf.

Die Veranstalter würden diesbezüglich mit der Verantwortung weitestgehend alleine gelassen. Neben zahlreichen Konzerten steht daher auch inhaltliche Arbeit auf dem Programm. Die JMI will die Probleme der Szene in der Stadt offensiv angehen, besprechen und so auch Musikerinnen und Musiker in der Diskussion zusammenbringen.

Workshops und Diskussionsrunden geplant

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Geplant ist unter anderem eine Konferenz zur Fragestellung "Machen Sie das beruflich?". Hinter dem leicht sarkastischen Titel verbergen sich Workshops und Diskussionsrunden, in denen zum Beispiel die Proberaumsituation in Hannover besprochen werden soll. Die Situation der freiberuflichen Musikerinnen und Musiker wird im Fokus stehen. Es geht darum eine Musik-Community in der Stadt aufzubauen und die Arbeitsmöglichkeiten in dem Co-Working-Space für Musiker "Die Rampe" zu diskutieren.

Langfristig hofft Pünter einiges bewegen zu können für die Szene in der Stadt. Während er sich aktuell nicht gehört oder verstanden fühlt und Niedersachsen in Sachen Kulturförderung die rote Lampe zuschreiben würde, hofft er in Zukunft auf mehr Unterstützung. Er würde sich etwa eine Verbandsstelle auf Landesebene wünschen, die als Ansprechpartner für die freie Szene dienen könnte. Außerdem unterstützt er auch die Forderung, dass freischaffende Musikerinnen und Musiker solange die Pandemie ein normales Arbeiten verhindert, eine feste monatliche Unterstützung erhalten.

Wer eine Stadt mit einem attraktiven Kulturleben möchte, muss dafür auch was tun. Deswegen will der JMI jetzt jede Menge Probleme offensiv angehen. Mission completed? Wohl lange noch nicht. Die Jazz Musiker Initiative Hannover hat vermutlich gerade mehr zu tun, als je zuvor.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Play Jazz! | 24.09.2021 | 22:33 Uhr

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