Helge Schneider: Jazz im Herzen und Schalk im Nacken

Stand: 31.08.2021 00:01 Uhr

Er liebt den Jazz und den Klamauk. Mit dieser unvergleichlichen Mischung kommt Helge Schneider, der Erfinder des "Katzeklo", durchs Leben - und bei seinem Publikum gut an! Am 30. August ist er 66 geworden.

von Sarah Seidel

Helge Schneiders Jugend in Mühlheim an der Ruhr war von Musik geprägt. Schon früh hat er sein Herz an den Jazz verloren. Mit sechs Jahren erhielt er Klavierunterricht, später kamen Cello und Kontrabass dazu. Ab zwölf Jahren habe er sich immer mehr dem Jazz zugewandt, erinnert sich Schneider. "Aber ich habe, als ich 14 war, schon in einer Rockband Cello gespielt, die waren alle zehn Jahre älter. Die haben nur Jimi Hendrix und Santana gespielt und ich habe mit dem Cello gekratzt. Mit einem Tonabnehmer, einem Mikrofon in einem Gummipfropfen", erzählt der Musiker.

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Helge Schneider lächelt in die Kamera © picture alliance/dpa | Caroline Seidel Foto: Caroline Seidel

Helge Schneider meldet sich mit "Reaktion" zurück

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Helge Schneider hatte erste Jazz-Band im Alter von 15 Jahren

Später spielte er Klavier in einer Band und bestand darauf, eine Orgel zu bekommen, womit er sich auch durchsetzte: "Denn das Klavier hat man auch nicht gehört. Dann bin ich aber immer mehr dem Jazz verfallen, mit 15 hatte ich sogar eine eigene Band, ein richtiges Jazz-Trio". Dann kam das Saxofon und Helge Schneider schlug ein weiteres musikalisches Kapitel auf. Das Saxofon-Spielen brachte er sich selbst bei. "Ich habe irgendwann jemandem für 800 Mark eins abgekauft. Ich weiß gar nicht, wo das herkam. Das war auch kaputt, ist auch mal hingefallen, und unten im Bogen war es ganz platt. Das habe ich machen lassen. Es war ein Selmer Saxofon, was ich heute noch spiele. Angeblich ist es in der Gruga-Halle vergessen worden, bei irgendeinem Auftritt. Ist so eine Legende."

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Wendungen des Lebens lassen ungeahnte Kräfte freiwerden

Helge Schneider ist von je her ein "Musical Mind" mit unglaublicher Kreativität. In der Corona-Krise musste er - wie die meisten Kulturschaffenden - ausharren, als alle Veranstaltungen abgesagt oder verschoben wurden. Immerhin hat er die Krise mit seinem Album "Die Reaktion - The Last Jazz, Vol. II" künstlerisch verarbeitet. "Das Leben kann ja völlig unerwartet eine andere Wendung nehmen, wie wir ja jetzt alle erfahren. Und wenn man auf einmal in eine Art Korsett gezwungen wird, dann entwickelt sich daraus natürlich eine ungeahnte Power, dieses Korsett wieder zu verlassen".

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Helge Schneider sitzt bei einem Auftritt während der JazzBaltica an der Orgel, im Hintergrund der Schlagzeuger Pete York. © Axel Nickolaus Foto: Axel Nickolaus

Helge Schneider - "Katzeklo"

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Helge Schneider: "Egal, was draußen los ist, ich setze mich ans Klavier"

Und da kommt schon wieder der Jazz ins Spiel. Das Klavierspielen, Üben und Lernen sei Teil seines Lebens, egal was kommt. Daran hält Schneider fest: "Egal, was draußen los ist, ich setze mich ans Klavier und lerne trotzdem weiter. Mal sehen, vielleicht geht's ja wieder raus". Bei der Musik habe er eine imaginäre Verbindung mit dem Publikum: "Du spielst es in die Ohren der Leute. Und das kommt dann irgendwie wieder zurück, durch Bewegung, durch Augen, durch Freude. Von mir aus kann das auch einer nicht verstehen und ist sauer und geht, das gibt's auch. Das ist das Leben. Und das kann nicht funktionieren, wenn das so reglementiert ist".

"Forever At Home": Helge Schneider singt über die Corona-Pandemie

Helge Schneider hat schon zu Beginn der Corona-Pandemie 2020 immer mal wieder kurze Video-Clips zur aktuellen Corona-Lage in Sozialen Netzwerken gepostet, mit musikalischen Einlagen am Klavier und immer neuen Song-Ideen. "Forever At Home" ist so ein Song, in dem er mit großer Komik die quälend lange Zeit besungen hat, die man in den vergangenen 15 Monaten unfreiwillig zuhause war.

Klamauk entsteht aus dem Talent zur Improvisation

In der Corona-Zeit können Konzerte natürlich nur unter Auflagen stattfinden. Aber Helge Schneider sprudelt vor Ideen. Und eine von diesen spontanen Ideen aus der Corona-Zeit ist die Geschichte mit dem "Mann ohne Gesicht". Sie enstand aus der reinen Improvisation mit Gesang und Gitarre: "Ich habe gedacht, da könnte einer daher gehen, ins Schaufenster gucken und dann gehe ich in die Verkörperung. Dann bin ich das selbst. Und lustig, dass der dann ein Paket abholt, im Schließfach, am Bahnhof oder bei der Post, und dann ist da ein Gesicht drin. Dann setzt der das auf, holt eine Zeitung, da ist er dann drin, aber wieder ohne dieses Gesicht, mit einem Lappen, oder auch nicht. Wir wissen es gar nicht und das ist so ein ewiger Kreislauf. Also, es wird nichts draus. Der bleibt ein 'Mann ohne Gesicht', weil er es ist."

AUDIO: Neue CD von Helge Schneider: Die Reaktion (4 Min)

Helge Schneider spielt Werke von Bach und Händel, die es nie gegeben hat

Und dann gibt es da noch die Blicke zurück in die Musikgeschichte. Da, wo Helge Schneider "Verschollene Werke von Bach und Händel" spielt, die es natürlich nie gegeben hat. "Ich habe versucht, mich da hineinzuversetzen und habe diese fast schon kathedralenartigen Klavierakkorde, also diese Harmonien, nachempfunden. Und dann könnte man wirklich denken, ja, gab es das vielleicht, oder nicht? Gab es natürlich nicht! Ich habe das frei erfunden. Das ist eine Fälschung. Und das finde ich gut, eine Fälschung".

Helge Schneider Kurzbiografie

Geboren: 30. August 1955 in Mülheim an der Ruhr

1972: Beginn eines Klavierstudiums am Duisburger Konservatorium, Abbruch nach zwei Semestern
ab 1977: aktiv in unterschiedlichen Bandprojekten, als Komponist, Stummfilmmusiker und Schauspieler, Studiomusiker
1985 bis 1991: Co-Moderator der Fernseh-Musik-Sendung "Off-Show" des WDR
immer wieder Teilnahme an Jazz-Sessions im Ruhrgebiet
1989: Auftritte unter dem selbst zugelegten Beinamen "Die singende Herrentorte" mit absurden Geschichten, parodistischen Schlagern und Jazzmusik
1992: kommerzieller Durchbruch mit dem Album "Guten Tach" 
1993: sein erfolgreichstes Album "Es gibt Reis, Baby" erscheint
1994: TV-Auftritt bei "Wetten, dass..?", der Song "Katzeklo" kommt in die Charts
1995: nach kurzzeitigem Rückzug Bühnen-Comeback mit dem Album "Es rappelt im Karton"
Touren und Auftritte mit verschiedenen Bands, Veröffentlichung von Büchern und Alben
2007 Hauptrolle als Adolf Hitler im Film "Mein Führer - Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler" von Regisseur Dani Levy 
2007/2008 "Akopalüze Nau!!!"-Tour durch Deutschland
2012 Talkshow "Helge hat Zeit" im WDR 
2013 Kinofilm "Kommissar 00 Schneider – Im Wendekreis der Eidechse" .
2017 Tour "240 Years of "Singende Herrentorte" mit Auftritten in Deutschland, Österreich und Luxemburg
2020 4. Platz beim von Stefan Raab initiierten Free European Song Contest für Deutschland mit dem Lied forever at home 
2021 erneute Teilnahme als Udo Lindenberg mit dem Lied "Supergeiler Helge Schneider"
Veröffentlichung des Albums ""Die Reaktion - The Last Jazz, Vol. II"

Dieses Thema im Programm:

Inas Nacht | 08.05.2021 | 00:00 Uhr

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