Stand: 11.05.2018 13:45 Uhr

Auch der Echo Jazz 2018 ist abgesagt

Die ECHO-Jazz-Feier ist abgesagt. Die Preisverleihung sollte am 31. Mai in Hamburg stattfinden. Nach den Schlagzeilen um den ECHO Pop und dem Preis für die Rapper Farid Bang und Kollegah hat der Bundesverband Musikindustrie nun beschlossen - wie es offiziell heißt - "die diesjährige Verleihung ausfallen zu lassen und sich ganz auf einen positiven Neubeginn der Musikpreise zu konzentrieren."

Stefan Gerdes, Leiter der Jazzredaktion und Jury-Mitglied beim ECHO Jazz, äußert sich bei NDR Info dazu. Kam die Entscheidung, den ECHO Jazz abzusagen, überraschend?

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Stefan Gerdes ist Leiter des NDR Jazz und der Nachtclub Redaktion.

Gerdes: Das war wirklich eine Überraschung. Alle Preisträger, die ich sprechen konnte, hatten eigentlich mit der Feier gerechnet. Allen war natürlich klar, dass die Ereignisse beim ECHO Pop nicht ohne Folgen bleiben können, alle Jazzmusiker waren auch verärgert über die Auszeichnung der beiden Rapper. Aber man wusste ja auch, dass der ECHO Jazz nach ganzen anderen Regeln funktionierte. Er war - wie der ECHO Klassik - eine eigenständige Preisvergabe mit einer reinen Jury-Entscheidung. Da ging es nicht um Marktwert oder Verkaufszahlen, sondern nur um die Qualität der Musik. Natürlich gab es auch beim Jazz die vier Buchstaben ECHO auf dem Klingelschild. Insofern lebte man schon im selben Haus, aber man rechnete eher damit, dass das Haus jetzt renoviert würde. Der komplette Abriss kam für die meisten doch sehr plötzlich.

Hätte es denn eine Chance gegeben, den ECHO Jazz noch zu retten?

Gerdes: Es ist in der Rückschau natürlich schwer zu sagen, wo und wann man die Weichen hätte anders stellen können. Die Ereignisse haben ja ziemlich schnell eine Eigendynamik entwickelt. Ich hätte mich sehr gefreut, wenn die Unterschiede der ECHOs, die ich ja eben angesprochen habe, und vor allem die Eigenständigkeit des ECHO Jazz deutlicher geworden wären. Aber wer weiß, ob da überhaupt noch jemand zugehört hätte. Man hatte ja in der Öffentlichkeit - auch in den Medien - die ECHOs schon längst in einen Topf geworfen. Die ersten klassischen Musiker, darunter Prominenz wie Daniel Barenboim, gaben ihre Auszeichnungen zurück, damit war auch der ECHO Klassik betroffen. Was, wenn jetzt auch die ersten Jazzmusiker ihre Preise unter dem öffentlichen Druck gar nicht annehmen würden? So beschloss der Bundesverband Musikindustrie, dass es die Marke ECHO nicht mehr geben kann oder soll und dass es eine Reform aller ECHOs geben muss. Und über die will man nun im Sommer - nach all der Hektik - erst einmal sorgfältig nachdenken.

"Im Sommer" heißt ja nach dem 31. Mai. Hätte man nicht den ECHO Jazz noch einmal so richtig feiern können, sozusagen als Schwanengesang des ECHO? Die Preisträger standen ja schon fest.

Gerdes: Davon gingen auch die meisten aus. Mir ist niemand bekannt, der den Preis abgelehnt hätte. Es ist ein Jury-Preis, auf den man stolz sein kann und den man auch mit den Menschen teilen möchte. Aber der ECHO wurde ja im April offiziell abgeschafft. Wenn es den ECHO jetzt bereits nicht mehr gibt, womit sollten die Musiker denn ausgezeichnet werden? Ohne diesen Preis macht eine Preisverleihung überhaupt keinen Sinn. Vielleicht war das vielen nicht wirklich klar. Man hätte nicht einmal mehr einen Namen für den Preis gehabt. Wie hört sich das denn an: Ein Künstler wird für den ECHO Jazz nominiert - aber er bekommt etwas völlig anderes überreicht? Das würde niemand wirklich verstehen und kommunizieren können. Insofern kommt die Entscheidung gegen die Preisverleihung jetzt etwas plötzlich, aber sie folgt zumindest einer gewissen Logik.

Was bedeutet dies alles denn für die Musiker, die bis heute mit der Preisverleihung gerechnet hatten?

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Die Preisverleihung 2017 fand in der beeindruckenden Kulisse einer Werkhalle der Schiffswerft Blohm+Voss statt.

Gerdes: Ich gebe nur mal ein Beispiel: Zwei Rapper werden ausgezeichnet für ihre menschenverachtenden Texte. Und jetzt bekommt der in Deutschland lebende israelische Jazz-Pianist Omer Klein mit seinem Trio nicht den ECHO? Wenn das die Konsequenz ist, dann ist das fast schon absurd und auch tragisch. Hier wird ein gesamter Jahrgang von Jazzmusikern um die verdienten Früchte ihrer Arbeit gebracht. Es heißt zwar offiziell, dass der Künstler eine Auszeichnung "auf Wunsch" persönlich zugeschickt bekommt, aber wem nützt das denn, ohne die Öffentlichkeit? Mit dem ECHO bekamen die Musiker eine verdiente Aufmerksamkeit. Die Journalisten hatten Futter zum Schreiben, Konzerte kamen leichter zustande. Das ist ein enormer ideeler und materieller Verlust, mit dem jetzt die kleinen Plattenfirmen, die kleinen Agenturen und am Ende die Künstler selbst klar kommen müssen. Ein echter Kollateralschaden.

Felix Tenbaum, Redakteur bei NDR Info/Jazz.


11.05.2018 13:45 Uhr

Hinweis der Redaktion: Der Text wurde an einigen Stellen nachträglich verändert, um die Aussagen noch klarer darzustellen.

 

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Jazz | 11.05.2018 | 22:05 Uhr

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