Der Panikrocker Udo Lindenberg bei einem Konzert auf der Bühne der Barclaycard Arena zu seiner "Udo Lindenberg Live 2019" Tour © Daniel Bockwoldt/dpa bildfunk Foto: Daniel Bockwoldt

Udo Lindenberg: Der Hamburger Panikrocker ist 75

Stand: 17.05.2021 23:00 Uhr

Seine jahrelangen Bemühungen um eine Auftrittsgenehmigung in Ost-Berlin sind legendär - 1983 spielte er sein erstes und einziges Konzert in der DDR. Am 17. Mai ist der Hamburger Panikrocker 75 Jahre alt geworden.

Nuschelnder Hutträger mit Sonnenbrille - Udo Lindenberg in klischeehaften Bildern zu beschreiben, liegt auf der Hand. Und tatsächlich sind genau diese Attribute zu seinen Markenzeichen geworden, die er durchaus pflegt. Über sein Nuscheln sagte er einmal: "Ist ja auch ein Sound, der berühmte Nuschel als 'Trademark', also mache ich das ganz bewusst."

Doch welche Persönlichkeit verbirgt sich dahinter? Manche beschreiben ihn als authentisch, andere als zu schräg, um wahr zu sein. In jedem Fall ist es ein Mann mit genug Durchhaltevermögen für zwei Karrieren. Als er 1992 mit dem Echo für sein Lebenswerk ausgezeichnet wird, vermutet wohl niemand, dass er noch einmal richtig durchstarten würde. Mit "Stark wie Zwei" (2008) und "Stärker als die Zeit" (2016) produziert er noch zwei weitere Nummer-eins-Alben. Vor wenigen Tagen ist sein Album "Udopium - Das Beste" - mit Liedern aus seiner 50-jährigen Karriere - erschienen.

Lindenbergs Karriere beginnt als Schlagzeuger

Die Karriere des 1946 im nordrhein-westfälischen Gronau geborenen Udo Lindenberg beginnt als Schlagzeuger. Er probiert sich in verschiedenen Bands aus, studiert ein paar Semester an der Musikhochschule Münster und spielt mit bekannten Jazzmusikern wie Klaus Doldinger und Gunter Hampel. Der Durchbruch gelingt ihm 1973 mit seinem dritten Album "Alles klar auf der Andrea Doria" - die erste Zusammenarbeit mit seiner Band, dem Panik-Orchester.

Seine sechste Tournee, die spektakuläre "Rock Revue '79", inszeniert Theaterregisseur Peter Zadek. Musiklegende Eric Burdon begleitet Lindenberg, der zu diesem Zeitpunkt bereits das Schlagzeug gegen das Mikrofon getauscht hat. Der für ihn charakteristische "Sprechgesang" bleibt nicht unumstritten und beschäftigt die Kritiker. "Der frühere Jazzrock-Schlagzeuger ist eigentlich kein Sänger, und so versucht er auch gar nicht erst, den Gestus des Profi-Sängers anzunehmen und die Melodien in das übliche feste Metrum zu zwängen", schreibt damals beispielsweise Wolfgang Sandner in der "FAZ".  

Weitere Informationen
Udo Lindenberg beim Vorentscheid für den Eurovision Song Contest "Unser Lied für Israel" auf der Bühne. © Picture Alliance/dpa Foto: Britta Pedersen

Quiz: Testen Sie Ihr Wissen zu Udo Lindenberg

Sie sind echter Udo Lindenberg-Fan? Testen Sie hier Ihr Wissen zum Sänger. Quiz

Mit dem "Sonderzug nach Pankow"

Udo Lindenberg posiert 1985 in Lederweste für sein Album "Sündenknall" © picture-alliance
Udo Lindenberg posiert 1985 für sein Album "Sündenknall"

Seit den 80ern macht Udo Lindenberg neben der Musik vor allem durch sein politisches Engagement auf sich aufmerksam. Er setzt sich für den Umweltschutz und die Friedensbewegung ein. Seine jahrelangen Bemühungen um eine Auftrittsgenehmigung in Ost-Berlin sind legendär: Als die DDR-Behörden ihm einen Auftritt verwehren, schreibt Lindenberg 1983 den an Erich Honecker gerichteten Song "Sonderzug nach Pankow" - und bekommt endlich die lang ersehnte Erlaubnis. Im Oktober tritt er im Ost-Berliner Palast der Republik auf, darf aber noch immer nicht in der DDR auf Tour gehen.

Weitere Informationen
Rockmusiker Udo Jürgens am Bühnenrand umringt von begeisterten Fans während seines Konzertes in Suhl am 6. Januar 1990, Auftakt seiner Tournee in der DDR. © picture-alliance / Carl Eberth Foto: Carl Eberth

Besuch bei Freunden: Udo Lindenberg in der DDR

1990 geht für den Rockmusiker ein lang gehegter Traum in Erfüllung: Eine Tournee durch die DDR. mehr

Lindenberg für Klimaschutz und Friedensbewegung

SED-Generalsekretär Erich Honecker erhält 1987 in Wuppertal von Udo Lindenberg eine Gitarre mit der Aufschrift: "Gitarren statt Knarren". © picture-alliance / dpa Foto: Franz-Peter Tschauner
Udo Lindenberg überreicht Erich Honecker eine Gitarre mit der Aufschrift: "Gitarren statt Knarren".

Vier Jahre später macht Lindenberg von sich reden, als er Erich Honecker einen offenen Brief und eine Lederjacke schickt. Im Gegenzug erhält er eine Schalmei und einen Brief, in dem sich Honecker laut Lindenbergs Website folgendermaßen bedankt: "Mit der Übersendung der Lederjacke haben Sie mir eine Überraschung bereitet, für die ich Ihnen danke. Wenn ich es recht verstehe, ist sie ein Symbol rockiger Musik für ein sinnvolles Leben der Jugend ohne Krieg und Kriegsgefahr, ohne Ausbildungsmisere und Arbeitslosigkeit, ohne Antikommunismus, Neofaschismus und Ausländerfeindlichkeit."

Kurz darauf, im September 1987, überreicht Lindenberg Erich Honecker bei dessen Besuch in Wuppertal eine "nicht ganz billige" Gitarre mit der Aufschrift "Gitarren statt Knarren". Trotz dieses intensiven Austausches muss der "Panikrocker" bis zum Mauerfall warten, um auf die lang ersehnte Tournee gehen zu können. 1990 starten Udo und Band endlich ihre Tournee durch den Osten Deutschlands, auf der sie das Album "Bunte Republik Deutschland" vorstellen.

Lindenberg war ein Superstar in der DDR, auch hier hatte er Millionen Fans. Allerdings nur inoffiziell unter den Jugendlichen, die ihre Jeansjacken gerne mit großflächigen ”Udo L”-Kugelschreiber- Aufschriften auf der Rückenseite auffrischten. Zum 75. Geburtstag von Udo Lindenberg erinnert eine NDR Dokumentation aus der Reihe "Unsere Geschichte" an den Panikrocker. Darin kommen auch seine treuen Anhänger zu Wort, zum Beispiel Uwe Neumann, heute Leiter der Rostocker Kunsthalle, damals Diskotheker und Leiter der Rostocker Jugendclubs "Uni-Mensa", wo er hinter verschlossenen Türen mit subversivem Westrock die Rostocker Jugend begeisterte und ständig "die Stasi auf der Matte" hatte.

Engagement für Kunst und Kultur

Udo Lindenberg steht im November 2010 vor einem seiner Bilder © picture alliance / dpa Foto: Patrick Pleul
Lindenberg verarbeitet Eierlikör und andere alkoholische Getränke ebenso wie seine Stasi-Akten zu Kunst.

Mitte der 90er wird es musikalisch immer ruhiger um Lindenberg. Er widmet sich vor allem der Kunst und profiliert sich als Maler und Zeichner. Seine "Likörelle" entstehen mit Hilfe von Eierlikör, Blue Curaçao und anderen alkoholischen Getränken. Mit dem multimedialen Projekt "Atlantic Affairs" macht er dann 2002 erstmals wieder musikalisch auf sich aufmerksam. Lindenberg will damit an die von den Nationalsozialisten vertriebenen Künstler und die Kultur der 20er- und 30er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts erinnern. Außerdem greift er weiterhin selbst zum Pinsel: 2006 präsentiert er neue "Likörelle", in denen er seine Stasi-Akten verarbeitet. Die im selben Jahr gegründete Udo-Lindenberg-Stiftung will junge Texter und Musiker fördern, kulturpolitische Aktivitäten unterstützen und nicht zuletzt das Leben und Werk von Hermann Hesse mit moderner Musik verbinden. 

2008: Udo Lindenbergs unerwartetes Comeback

Auch wenn Udo Lindenberg nie komplett von der Bildfläche verschwunden ist, kann er jahrelang nicht an seine früheren Erfolge anknüpfen. Im Jahr 2008 gelingt dem damals 61-Jährigen dann etwas, was dem Alt-Rocker wohl kaum einer zugetraut hatte: ein unglaubliches Comeback. Sein Album "Stark wie Zwei" beschert ihm Top-Chartplatzierungen, eine ausverkaufte Tournee, viel Lob von den Kritikern und zahlreiche Preise. Seitdem fühlt es sich an, als wäre Udo Lindenberg nie wirklich weg gewesen. Im Juni 2011 gibt er ein "MTV Unplugged"-Konzert in Hamburg - ein Ritterschlag für jeden Musiker. Und auch seine "Ich mach mein Ding"-Tour im Jahr 2012 ist extrem erfolgreich.

Weitere Informationen
Musiker Udo Lindenberg © Warner Music / Tine Acke Foto: Tine Acke

Udo Lindenberg wird 75: NDR 90,3 feiert mit

Wir feiern mit Udo Lindenberg seinen 75. Geburtstag. Im NDR Fernsehen, bei NDR 90,3 und in der NDR Hamburg App wird es viele Specials geben. mehr

"Matrix-Paniker" im Panoptikum

Der Rockstar Udo Lindenberg (l) steht bei der Eröffnung seiner Galerie "Udo Lindenberg & more" in der Europa-Passage in Hamburg neben dem Komiker Otto Waalkes. © dpa-Report Foto: Maurizio Gambarini
Zwei alte Nachbarn wieder vereint: Im Wachsfigurenkabinett stehen Otto und Udo nebeneinander.

Im Panoptikum auf der Reeperbahn können Fans seit 2010 das Wachsfigur-Double von Lindenberg bestaunen. "Der ist so echt, jetzt müsste er bloß noch singen können, dann schicke ich ihn los als Matrix-Paniker", sagt der Sänger anlässlich der Enthüllung seines Doubles. Im Wachsfigurenkabinett dürfte sich Lindenbergs Doppelgänger ausgesprochen heimisch fühlen. Nicht nur, dass seine Karriere als Schlagzeuger auf St. Pauli begann. Auch sein früherer Hamburger WG-Mitbewohner Otto Waalkes ist im Panoptikum wieder Lindenbergs direkter Nachbar.

"Hinterm Horizont" geht's weiter: Lindenbergs eigenes Musical

Und Udo Lindenberg hat es nicht nur zur eigenen Wachsfigur, sondern auch zu einem eigenen Musical gebracht. "Hinterm Horizont" feiert 2011 am Berliner Theater am Potsdamer Platz Premiere und erzählt seitdem die - vermutlich wahre - Liebesgeschichte zwischen Udo Lindenberg und dem FDJ-Mädchen Jessy - untermalt von rund 26 Lindenberg-Hits wie "Andrea Doria", "Sonderzug nach Pankow" und natürlich "Hinterm Horizont".

Udo Lindenberg (l.) und Peter Urban lächeln in die Kamera. © Tina Acke Foto: Tina Acke
AUDIO: Udo Lindenberg - der Panikpräsident (60 Min)

Ende April 2016 haut der Proto-Deutschrocker auch noch das Album "Stärker als die Zeit" raus. Es ist ein musikalisches Statement gegen Beliebigkeit, gegen Wankelmut und gegen die Oberflächlichkeiten unserer Zeit. Dieser Longplayer ist - ähnlich wie auch die im Mai 2021 erscheinende Werkschau "Udopium" - wie Lindenberg selbst: authentisch.

2021: Auftritt beim Tatort mit Maria Furtwängler

Im Frühjahr 2021 dreht Udo Lindenberg eine "Tatort"-Folge mit Maria Furtwängler. Darin stehen die beiden zusammen mit Jens Harzer und Anne-Ratte Polle unter der Regie von Detlev Buck vor der Kamera. In der Folge "Alles kommt zurück" mit neuen Songs von Udo Lindenberg gerät die Kommissarin unter Mordverdacht.

Auf dem Ruhekissen des Erfolgs wird sich der im Hamburger Hotel Atlantic lebende Künstler mit Sicherheit auch in Zukunft nicht ausruhen. Und wenn seine zweite Karriere tatsächlich mal ins Stocken geraten sollte: Ein Udo Lindenberg ist nie zu alt für ein Comeback.

Weitere Informationen
Udo Lindenberg © NDR/Warner Music Germany/Tine Acke

Udo Lindenberg-Songs, die Sie kennen sollten

Im Mai 2021 wird er 75 Jahre alt. Grund genug, eine Hitliste der großen Udo-Lindenberg-Songs zusammenzustellen. mehr

Udo Lindenberg trifft Fans, die er schon 25 Jahre vorher traf. © MDR/Leitwolf TV-Produktion

Panische Zeiten! Udo Lindenberg rockt den Osten

Der Film spannt einen Bogen von der ersten DDR-Tournee 1990 bis hin zu Lindenbergs Auftritt am Brandenburger Tor am 9. November 2014. mehr

Vier Personen posieren für ein Drehstartfoto © NDR/Frizzi Kurkhaus Foto: Frizzi Kurkhaus

Udo Lindenberg dreht Tatort-Folge mit Furtwängler in Hamburg

Der Fall für Kommissarin Lindholm mit Maria Furtwängler und Lindenberg wird zurzeit in Hamburg gedreht. Regie führt Detlev Buck. mehr

Besucher warten vor dem Eingang zum Musikclub Onkel Pö.

Onkel Pö: Wo Lindenberg und Jarreau zu Stars wurden

In der Hamburger Kultkneipe traten Jazz- und Rock-Musiker aus aller Welt auf und starteten dort ihre Karrieren. mehr

Udo Lindenberg © NDR/Warner Music Germany/Tine Acke

Udo Lindenberg - Keine Panik und immer mittendrin

Hut, Sonnenbrille, keine Panik: Das ist Udo Lindenberg. Einer der größten deutschen Sänger und Musiker wird 75 Jahre alt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal Spezial | 17.05.2021 | 19:00 Uhr

Mehr Kultur

Milow © Deutscher Radiopreis / Philipp Szyza Foto: Philipp Szyza

Popmusiker Milow: "Ich werde dieses Konzert niemals vergessen"

Der belgische Popmusiker gab in Hannover am Donnerstag ein beglückendes Konzert vor Publikum. Das heutige Konzert überträgt NDR.de live. mehr