Stand: 27.01.2020 12:59 Uhr  - NDR Kultur

"Montezuma" - eigenwilliges Opernerlebnis in Lübeck

von Elisabeth Richter

Preußenkönig Friedrich der Große war schon zu Lebzeiten als musisch interessierter Monarch bekannt. Er schrieb auch das Libretto zu einer Oper über den Aztekenkaiser Montezuma. Die Musik ließ er von seinem Hofkapellmeister Carl Heinrich Graun komponieren. Es geht um die Eroberung Mexikos durch die Spanier unter Hernán Cortés. Montezuma wird 1520 besiegt und getötet. Friedrich der Große beschreibt in seinem Libretto, was geschieht, wenn ein Land sich militärisch nicht ausreichend absichert. Am Sonntag war die Oper erstmals am Theater Lübeck zu sehen. Regie führte Ingo Kerkhof, das Orchester dirgierte Takahiro Nagasaki. Ein Premierenbericht.

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In der Inszenierung von "Montezuma" ist das Libretto von Friedrich dem Großen um einen Text von Heiner Müller über den Preußenkönig ergänzt.

Nihilistischer könnte es kaum enden. Friedrich der Große verweigert als Librettist der Oper "Montezuma" von Carl Heinrich Graun das für die Barockoper so typische "lieto fine" - das Happy End. Der spanische Eroberer Cortés hat alle Azteken niedermetzeln lassen, dabei war er freundlich empfangen worden.

Friedrich der Große hat als Flötist, als Künstler, in der Inszenierung von Ingo Kerkhof das erste und letzte Wort. "Das ganze Libretto ist Propaganda. Das Libretto sagt: 'Der gute König Montezuma bin ich'", so Kerkhof. Friedrich sehe sich als aufklärerischer König. Die bösen spanische Eroberer seien aus dessen Sicht die Feinde, so wie auch die Österreicher Feinde seien. Seine Position sei: "Wenn wir uns jetzt nicht wehrhaft machen, dann gehen wir unter."

Opernlibretto ergänzt durch Text von Heiner Müller

Friedrich rechtfertigt so sein machtpolitisches Handeln: 1756, nur ein Jahr nach der Uraufführung von "Montezuma", zieht Preußen in den Krieg gegen Österreich. Ingo Kerkhof findet das Libretto zu geradlinig. Er hat eine zweite Ebene eingeführt mit Texten von Heiner Müller zum Leben Friedrichs des Großen. "Dort geht es um Friedrichs Erlebnisse als Kind mit seinem Vater Friedrich Wilhelm: Es um die Demütigungen, die ihm angetan werden, die den Intellektuellen damals angetan werden. Wir sehen Friedrich mit seinem Freund Katte, seiner Schwester Wilhelmine und den Tod von Katte", erklärt Kerkhof. Man sieht auch Friedrich im Gespräch mit seinem Brieffreund Voltaire oder mit sich selbst.

Dialoge und Musikszenen fließen virtuos ineinander

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Julie-Marie Sundal (links) singt die Rolle des Atzteken-Herrschers Montezuma mit großer Intensität.

Es ist ein geschicktes Spiel mit verschiedenen Ebenen. Dialoge und Musikszenen fließen virtuos ineinander. Die Sängerin des Montezuma, damals eine Kastratenpartie, ist gleichzeitig Friedrich. Oder Eupaforice, Montezumas Braut, wird zu Katte, Friedrichs Freund und vermutlichem Geliebten. Dazu kommen andere Schauspieler. "Dadurch, dass wir die Dialoge eingeführt haben, verschiebt sich der Schwerpunkt. Es wird eine Oper über Friedrich den Großen", meint Kerkhof.

Friedrich tritt als Kind, als junger Mann, als Alter Fritz und als Flötist auf. Sie kommunizieren auch miteinander. Anne Neuser hat einen cleveren Einheitsbühnenraum geschaffen: ein Garben-Feld aus Reet. Da sitzt der Alte Fritz im Sessel oder stolziert herum. Der jugendliche Fritz und sein Freund Katte, Montezuma und Eupaforice tauschen Zärtlichkeiten aus. Dort legen die sich wehrenden Azteken rote Kriegsbemalung auf.

Grauns psychologisch vielschichtige Musik lag beim stilkundigen und espritvollen Dirigenten Takahiro Nagasaki und dem Philharmonischen Orchester der Hansestadt Lübeck in besten Händen. Virtuos und mit rachsüchtigem Impetus interpretiert Evmorfia Metaxaki ihre Rolle als Eupaforice. Andrea Stadel zeigt sich als Eroberer Cortés koloraturensicher. Julie-Marie Sundal singt Montezuma mit Momenten großer Intensität. Die Premiere ist ein unglaublich spannender, eigenwilliger Musiktheater-Abend, der über Krieg und Gewalt nachdenken lässt.

"Montezuma" - eigenwilliges Opernerlebnis in Lübeck

Friedrich der Große schrieb das Libretto zu "Montezuma", sein Hofkapellmeister die Musik. Am Theater Lübeck wird die Oper spannend inszeniert, sie lässt über Krieg und Gewalt nachdenken.

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Theater Lübeck, Großes Haus
Beckergrube 16
23552  Lübeck
Telefon:
Tel. (0451) 39 96 00
Preis:
15 bis 52 Euro
Kartenverkauf:
Theaterkasse Beckergrube 10-14 
Dienstag bis Freitag 10 - 18.30 Uhr 
Sonnabend 10 - 13 Uhr
Hinweis:
Montezuma - Oper von Carl Heinrich Graun,
Libretto von Friedrich II., König von Preußen
Dirigent: Takahiro Nagasaki,
Regie: Ingo Kerkhof
Mit: M. Artelt, C. Austin, E. McNairy, E. Metaxaki, A. Shin, A. Stadel, J.-M. Sundal, Chor des Theater Lübeck, Philharmonisches Orchester der Hansestadt Lübeck
Dauer: etwa 2 ¾ Stunden, eine Pause
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 27.01.2020 | 10:20 Uhr

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