Stand: 21.07.2020 10:20 Uhr

"The Wall": Pink Floyds Rockoper 1990 in Berlin

von Susanne Birkner

In einem Interview Ende der 80er-Jahre wurde Roger Waters gefragt, ob er das Pink-Floyd-Meisterwerk "The Wall" noch einmal komplett live aufführen würde. Der Pink-Floyd-Bassist witzelte: "Nur, wenn in Berlin die Mauer fällt." Die fiel bekanntermaßen, und als ein britischer Friedensaktivist Waters kurz darauf um ein Benefizkonzert bat, wurde aus dem Witz das größte Rockspektakel, das man in Deutschland je gesehen hat.

Ein lauer Sommerabend auf dem Potsdamer Platz acht Monate nach dem Fall der Mauer. Gut 220.000 Tickets à 35 Mark waren verkauft worden, aber weil so viele Menschen auf die Brachfläche im ehemaligen Todesstreifen drängten, wurden die Zäune aufgemacht und weitere 150.000 Menschen ohne Ticket hineingelassen.

"Der Platz selbst stand kurz vor der Wiederbebauung", erinnert sich Ecki Stieg. "Es war eine relativ große Schotterwüste, und ich weiß, dass es sehr ungemütlich war, dort zu stehen. Ich hab daran wirklich keine sehr guten Erinnerungen, muss ich ehrlich sagen." Der Musikjournalist berichtete für den niedersächsischen Sender FFN über das Konzert, das damals einhellig verrissen wird: "Ich stand relativ weit vor der Bühne, konnte trotzdem wenig sehen, weil die Bühne gigantisch groß und lang war und an allen Ecken und Enden was passierte, was man trotz der Video-Leinwände nicht sehr gut sehen konnte."

Konzert am Potsdamer Platz: Gigantische Bühne, viele Stars, miserabler Sound

Projektionen der Mauer-Graffitis, 35 Meter hohe Marionetten, die von Riesenkränen bewegt werden, eine Blaskapelle der Roten Armee und über den Köpfen des Publikums echte Helikopter. "Der Sound war miserabel", sagt Ecki Stieg. Dazu zwei Stromausfälle in den ersten 15 Minuten. Auch die Gaststars wie Van Morrison, Bryan Adams, Joni Mitchell oder die Scorpions konnten das Ganze nicht retten, findet Ecki Stieg: Es waren zwar viele große Namen dabei, die wurden aber ziemlich verheizt. Cindy Lauper, Ute Lemper, die hatten halt kurze Gastauftritte, die aber in ihrer Darbietung weit unter dem waren, zu dem die Leute sonst fähig sind."

Cindy Lauper rekelte sich mit brauner Lockenmähne in einer sexy Schuluniform-Variante auf der Bühne, sang den größten Hit "Another brick in the wall". Dazu stürzte eine 170 Meter breite und 25 Meter hohe Mauer aus Styroporsteinen ein. Dabei geht es in "The Wall" ursprünglich um den Fall einer inneren Mauer: Roger Waters beschreibt in dem Doppelalbum die Lebensgeschichte des desillusionierten und psychisch kranken Musikers Pink. Er verschließt sich, denn er spürt eine Mauer zwischen sich und den Fans.

Wie Waters selbst, wie der Pink-Floyd-Bassist 1979 in einem Interview mit der BBC erzählt: "1977 in Montreal gaben wir vor 80.000 Zuschauern unser letztes Konzert der Animals-Tour. Ich war so wütend, dass ich auf einen jungen Fan spuckte. Er schrie die ganze Zeit und rüttelte an der Absperrung. Ich wollte nur eine gute Show machen - aber ich habe mich ganz scheußlich verhalten."

Pink Floyds "The Wall" auf dem ehemaligen Todesstreifen: "Das Gefühl, Geschichte zu schreiben"

Trotz aller Kritik - für den Musikjournalisten Ecki Stieg ist "The Wall live in Berlin" ein Konzert, das er nie vergessen wird: "Es ist ein besonderes Ereignis gewesen, weil es in eine ganz besondere Zeit gefallen ist. Es war eine Stunde null damals, in der Ost und West zu einem der ersten großen Events zusammengefunden haben."

Aber die wirklich kulturellen Aufbrüche hätten woanders stattgefunden: "In der riesigen brodelnden, teilweise noch illegalen und sehr bunt sprießenden Clubszene, die sich insbesondere im Osten entwickelt hat. Das war für mich eine sehr viel spannendere Zeit als das The-Wall-Event selbst." Dennoch: tosender Applaus nach den zwei Stunden. Man feierte weniger das Spektakel als sich selbst, den Fall der Mauer und das Gefühl, Geschichte zu schreiben.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 21.07.2020 | 10:20 Uhr

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