Bettina Bölkow und Nao Tokuhashi © NDR/ Janek Wiechers Foto: Janek Wiechers

Tanzensemble Braunschweig trainiert trotz Corona weiter

Stand: 01.02.2021 17:56 Uhr

Die Arbeit eines Tanzensembles in Corona-Zeiten ist schwierig. Die Tänzerinnen und Tänzern des Staatstheaters Braunschweig versuchen trotzdem in Bewegung zu bleiben.

von Janek Wiechers

An den meisten Theatern auch im Norden herrscht künstlerische Stille. Auf der Bühne sowieso. Und auch sonst. Die Ensembles sind größtenteils - ganz gleich welcher Sparte - daheim im Lockdown. Doch das gilt nicht für alle. Ausgenommen sind die Tanzensembles. Die haben nämlich ganz spezielle Anforderungen an ihre Arbeit. Und vor allem die körperliche Fitness spielt eine große Rolle. So sind auch die Tänzerinnen und Tänzer am Staatstheater Braunschweig trotz des Corona-Lockdowns immer noch täglich im Training.

Die Tänzer des Staatstheaters Braunschweig bei der Probe © NDR/ Janek Wiechers Foto: Janek Wiechers
Bei der Arbeit: die Tänzer des Staatstheaters Braunschweig
Durch bunte Kleidungsstücke verbunden

Tänzerinnen und Tänzer des Tanzensembles des Staatstheaters Braunschweig beim Proben. Angeleitet werden sie von ihrem Choreografen, Gregor Zöllig. Mit auffallend großem Abstand zueinander bewegen sie sich durch den Raum. Das  besonders weitläufige Tanzstudio hat das Staatstheater für die Coronazeit extra angemietet. Statt sich zu berühren, sind die Tänzerinnen und Tänzer während dieser Trainingseinheit durch bunte Kleidungsstücke verbunden. Die Ensemblemitglieder ziehen sich daran durch den Raum, drehen sich an den gespannten Stoffbahnen umeinander. 

Ein neue Bewegungssprache für eine neue Zeit

Die Tänzer des Staatstheaters Braunschweig bei der Probe © NDR/ Janek Wiechers Foto: Janek Wiechers
Tanzdirektor Gregor Zöllig hat Spaß bei den Proben.

"Die Situation fordert für uns Künstler oder für mich als Choreograf schon eine neue Sprache zu erfinden", sagt Zöllig und ergänzt: "Als das, was bislang möglich war - mit viel Berührung und mit viel engem Miteinander, sich Heben und als Gruppe eng zusammen - das ist so alles nicht möglich." In diesen ungewöhnlichen Zeiten muss Tanzdirektor Zöllig ein ganz anderes Vokabular an Bewegungen nutzen. Seit nunmehr einem dreiviertel Jahr konzipiert er seine Choreografien in einer völlig anderen Bewegungssprache als sonst. Das ist zwar herausfordernd, künstlerisch bietet es aber auch eine Chance: "Wir sind jetzt gefordert einen neuen Ausdruck für unsere Zeit zu finden, dass wir mit Distanz gut arbeiten können."

Tanzend - auch unter schwierigen Bedingungen

Hierbei sind Zöllig und sein Ensemble ein absoluter Sonderfall am Staatstheater Braunschweig. Während alle anderen - Orchester, Chor, Schauspieler, Bühnenarbeiter - zu Hause bleiben müssen, dürfen sie unter strengen Auflagen ihre Arbeit fortsetzen. Für Tänzer Nils Röhner geht es auch gar nicht anders: "Mein Körper ist ja wie ein Musikinstrument. Der muss ständig gestimmt und in Form sein, um eben die künstlerische Tätigkeit ausführen zu können. Wenn man ein ganzes Jahr aussetzt, dann ist die Qualität der Körper nicht mehr da."   

Um das zu verhindern betreibt das Ensemble einen großen Aufwand. Mehrmals wöchentlich geht es für alle zum Corona-Schnelltest, sechs Meter Abstand müssen bei besonders Aerosol erzeugenden Tanzbewegungen eingehalten werden. Die Masken bleiben bei weniger anstrengenden Übungen auf - und es wird regelmäßig kräftig durchgelüftet. Kompliziert, aber Choreograf Gregor Zöllig sieht zu dieser Art Training keine Alternative: "Das ist ein Hochleistungssport. Die Kondition aufrecht zu erhalten, aber auch das Zusammenspiel in einer Gruppe - das geht uns alles flöten, wenn wir nicht jeden Tag arbeiten würden."

Mut machen für bessere Tage

Starke Muskeln, bewegliche Gliedmaßen und kräftige Lungen sind essentiell. Der künstlerische Inhalt, ganz konkret also Stücke einzuüben, aber ebenso. Ganz wichtig für die Motivation des Ensembles: Trotz des Lockdowns sind die Tänzer jederzeit bereit auf die Bühne zu gehen - wann auch immer das sein wird. Und Tänzerin Bettina Bölkow zählt schon mal das Repertoire auf: "'Die Zeit ist reif' ist da. Wir haben 'Grauzonen' ist bereit, 'Narben'. Also: Deswegen ist es auch gut, dass wir auch weiter im Training bleiben können. Wenn die Theater wieder öffnen können, dann haben wir ein Programm. Und wir können sagen: Ja, wir sind bereit für euch."

Diese Einstellung scheint nicht einfach nur Zweckoptimismus zu sein, sondern offenbart echte Hoffnung auf bessere Tage. Und die treibt auch Tänzerkollegin Nao Tokuhashi an: Es sei schwierig die Motivation aufrecht zu erhalten. Aber, man wisse, was man produziert habe. Und deshalb heißt es: warten. Bis es soweit ist, muss Tanzdirektor Zöllig sein Ensemble zusammenhalten, weiter motivieren - sowohl künstlerisch und als auch konditionsmäßig in ungewöhnlichen Zeiten. Das sei "sehr existentiell. Das sind gestohlene Jahre - vor allem für eine Tänzerkarriere, die sehr kurz sein kann."

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Dieses Thema im Programm:

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