Nahaufnahme der Füße und Hände einer Ballett-Tänzerin. © Colourbox Foto: -

Tanz in Zeiten von Corona: Wie geht es den norddeutschen Compagnien?

Stand: 29.04.2021 09:57 Uhr

Heute ist der Internationale Tag des Tanzes. Doch ist das angesichts der Corona-Krise ein Tag zum Feiern - oder eher ein Tag zum Trauern?

von Andrea Schwyzer

"Alles beginnt mit Bewegung - ein Instinkt, den wir alle haben. Und Tanz ist Bewegung, die verfeinert wird, um zu kommunizieren." Der Tanz, eine Sprache - so beschreibt es der Solist des Stuttgarter Balletts, Friedemann Vogel, der Botschafter des diesjährigen International Dance Day ist. Allerdings: Der Tanz ist eine Sprache, die beinahe stumm blieb im letzten Jahr.

Corona: "Die Situation für Tänzer ist entsetzlich"

"Die ganze Situation ist natürlich entsetzlich, gerade für Tänzer", sagt Ralf Dörnen, Ballettdirektor und designierter Intendant des Theaters Vorpommern. Tänzerinnen und Tänzer hätten wegen der Corona-Pandemie jetzt ein Jahr verloren. "Die Karriere ist sowieso so kurz. Ende 30, Anfang 40 ist Schluss. Aber wir müssen Wege finden, um auf uns aufmerksam zu machen. Das, glaube ich, ist schon ganz wichtig, gerade am Tag des Tanzes."

Dörner selbst tanzte in den 1980er-Jahren in Hamburg unter John Neumeier. Die Karriere eines Tänzers kennt er genau. "Ein Tänzer ist ja wie ein Rennpferd", sagt er. "Die stehen im Stall und wenn die zu lange im Stall stehen, dann drehen die durch." Das beobachte er derzeit bereits.

Die Krise als starke psychische Belastung

Immerhin werden seine "Rennpferde", also die Tänzerinnen und Tänzer des Theaters Vorpommern, bezahlt. Auch wenn die geplante Produktion wegen des Lockdowns ausfallen muss, so wie eben erst Mitte April. "Ja, wir kriegen gerade Geld. Aber ich glaube, das ist nicht das Wichtigste", sagt Dörner. "Für einen Künstler, für einen Tänzer ist Geld nicht das Wichtigste. Sonst würde man den Job sowieso nicht machen. Und wenn man so beschränkt wird in seinem Ausdruck und die Zeit sowieso limitiert ist, ist das wirklich eine unglaublich starke psychische Belastung."

Mehr als ein Jahr ohne Möglichkeiten zum Auftritt

Christiane Winter ist seit 40 Jahren in der freien Tanzszene zu Hause. Die Leiterin des TanzTheaters International in Hannover bezeichnet die Situation für freie Tänzerinnen als prekär. "Es gibt unheimlich viele junge Tänzerinnen und Tänzer, die ohne Job dastehen, die sich von Monat zu Monat hangeln." Seit mehr als einem Jahr hätten sie keine Auftrittsmöglichkeiten gehabt und damit keinen Verdienst. "Und wer kann für irgendwelche Hilfsmaßnahmen nachweisen, dass er im Vorjahr so und so viel verdient hat. Das ist einfach oft nicht der Fall."

Wie sehr sich die Tänzerinnen nach Auftrittsmöglichkeiten sehnen, wurde ihr vor wenigen Tagen noch einmal bewusst: "Wir hatten ein Vortanzen für unser Residenz-Programm 'Think Big' an der Oper, im großen Ballettsaal - unter strengsten, wirklich absolut strengsten Corona-Maßnahmen", sagt Christiane Winter. Und da sei ihr eines sofort aufgefallen: "Diese große Dankbarkeit, dass überhaupt etwas stattfindet, dass etwas in Aussicht gestellt wird, damit Geld verdient werden kann - aber vor allem auch, sich in kleinen Gruppen unter Anleitung von Choreographinnen bewegen zu können."

Über 200 Tänzerinnen hatten sich für das Vortanzen gemeldet - viel mehr als in anderen Jahren. Auch viele Tänzer, die sonst nicht auf solch kleine Jobs angewiesen sind, wie Christiane Winter erzählt.

Wirkt sich Pandemie langfristig auf die Kulturszene aus?

Lässt sich aus dieser Beobachtung eine Aussage über die Zukunft treffen? Ralf Dörnen vom Theater Vorpommern geht davon aus, dass sich die Kulturszene in Deutschland verändern wird. "Es wird eine finanzielle Krise geben. Es werden Gelder gestrichen werden, ich bin mir ziemlich sicher", sagt er. "Weil wir immer die ersten sind, wo gestrichen wird." Wahrscheinlich würden Auswirkungen der Pandemie in den nächsten zehn Jahren spürbar sein.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 29.04.2021 | 06:20 Uhr

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