Studio-Konzert: Tim Fischers Hommage an Georg Kreisler

Stand: 24.11.2022 17:19 Uhr

Als der legendäre Sprachkünstler Georg Kreisler 2001 seine Abschiedstournee gegeben hat, trat sein Freund und Kollege Tim Fischer an, um von ihm "die Fackel der kultivierten Boshaftigkeit zu übernehmen". Am 18. Juli 2022 wäre Kreisler 100 Jahre alt geworden.

Tim Fischer nimmt den runden Geburtstag zum Anlass, um den gebürtigen Wiener mit einer Hommage zu ehren. "Tigerfest" heißt das neue Programm, das gleichnamige Album ist gerade erschienen. Tim Fischer hat dafür in Kreislers Repertoire Neues gesucht und gefunden: zeitlos aktuelle Höhepunkte aus dem Gesamtkunstwerk eines optimistischen Pessimisten. Für sein Konzert bei NDR Kultur reduziert Fischer seine Band auf den fabelhaften Vibraphonisten Hauke Renken.

Georg Kreisler hatte ein auffällig gutes Gespür für das weibliche Seelenleben. Du singst in deinem Programm einige Titel, die er für Frauen geschrieben hat. Woher hatte Kreisler dieses Gespür?

Tim Fischer: Das ist ganz besonders. Es gibt wenige männliche Texter und Kompositeure, die sich so feinfühlig in das Seelenleben einer Frau einfühlen können. Kurt Tucholsky hatte die Fähigkeit, der hat auch wunderbare Gedichte geschrieben, zum Beispiel "Die geschiedene Frau", wo man denkt, das ist wie selbst erlebt. Kreisler war nichts Menschliches fremd und so konnte er sich auch gut mit der weiblichen Psyche auseinandersetzen und diese in Liedform gießen. So haben wir uns entschlossen, im ersten Programmteil in unserem Konzert die männlichen Lieder zu singen, wenn es so etwas überhaupt gibt, weil letztendlich ist es ja alles menschlich. Im zweiten Teil bringe ich die Frauen-Lieder. Das ist so abwechslungsreich und von einer solchen Schönheit - von der aggressiven Furie, von der Eifersüchtigen bis hin zur verzweifelten, total introvertierten Mädchenseele. Er hat alle oder sehr viele Zustände in Lieder gefasst.

Tim Fischer © picture alliance / Eventpress Hoensch
AUDIO: Tigerfest - Tim Fischers Hommage an Georg Kreisler (55 Min)

Das kommt Dir als Chansonnier sehr entgegen. Du liebst den Wechsel zwischen den Rollen. Und Du machst das auch optisch mit dem Kostümwechsel in deiner Show. Am Anfang seid ihr alle in eleganten Fräcken und dann steigst du um auf hautenges Latex - ein Latexkleid in knallrot mit Perücke.

Fischer: Mein Bestreben war eigentlich, eine Frau darzustellen, die die Traumfrau von Georg Kreisler sein könnte. Also habe ich rote Haare auf der Bühne, ein sexy Kleid und schmeiß mich wirklich in die verschiedensten weiblichen Stimmungen hinein.

Hätte Kreisler das gefallen?

Fischer: Ja, ich bin überzeugt. Georg Kreisler war überhaupt sehr offen. Der hat nicht besonders kategorisiert. Er hat es nur nicht gemocht, wenn seine Lieder verunstaltet wurden. Jemand wie Kreisler musste, glaube ich, sehr stark reflektieren, um überhaupt überleben zu können. Ich glaube, er war - Konstantin Wecker hat das mal gesagt - ein verzweifelt Liebender. Er brauchte die Kunst, um sich auszudrücken und um nicht zu implodieren oder Amok zu laufen.

Das Gespräch führte Claus Röck

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NDR Kultur à la carte | 23.11.2022 | 13:00 Uhr

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