Stand: 01.11.2019 21:20 Uhr  - NDR 1 Radio MV

Staatskapelle MV: Tafferner kritisiert Sparpolitik

von Karin Erichsen

Seit einer Spielzeit ist Victoria Tafferner Orchesterdirektorin der Mecklenburgischen Staatskapelle. Sie begleitet das Orchester auf der Suche nach einem neuen Generalmusikdirektor und hat selber große Pläne für das traditionsreiche Ensemble. Heftige Kritik übt die Musikmanagerin an der Kulturpolitik des Landes Mecklenburg-Vorpommern.

Frau Tafferner, Sie sind in der vergangenen Spielzeit als Orchesterdirektorin nach Schwerin gekommen. Was hat sie an der Stelle gereizt?

Bild vergrößern
Orchesterdirektorin Victoria Tafferner fordert von der Landesregierung MV mehr Unterstützung für die Staatskapelle.

Victoria Tafferner: Die Mecklenburgische Staatskapelle ist bundesweit bekannt und hat einen sehr guten Ruf. Sie ist das drittälteste Orchester Deutschlands und die Orchestermitglieder leben diese Tradition. Das spürt man bei jedem Konzert. Dieses Traditionsgefühl finde ich spannend.

Hat die schwierige Situation, in der sich die Staatskapelle schon seit einigen Jahren befindet, Sie nicht abgeschreckt?

Tafferner: Die Situation ist seit 450 Jahren schwierig. Mecklenburg war immer ein schwieriges Pflaster für Künstler. Dennoch ist hier Einiges entstanden, was sich zu erhalten lohnt. Und es ist unsere Pflicht, dafür zu sorgen, dass es weiter geht.

Generalmusikdirektor Daniel Huppert verlässt zum Ende dieser Saison das Mecklenburgische Staatstheater. Schon jetzt hat er seine neue Position als Generalmusikdirektor der Bergischen Symphoniker in Solingen/Remscheid angetreten. Gibt es schon einen Nachfolger in Schwerin?

Tafferner: Nein, es steht noch kein Nachfolger fest. Es gab Hunderte Bewerbungen. Eine Vorauswahl haben wir bereits getroffen. Die Vordirigate und Bewerbungsgespräche laufen in dieser Spielzeit und wir sind auf einem guten Weg. Ich hoffe sehr, dass wir zur nächsten Spielzeit jemanden gefunden haben.

Auch der amtierende Intendant Lars Tietje verlässt das Schweriner Theater zum Ende der nächsten Spielzeit. Kann vorher überhaupt noch eine Entscheidung getroffen werden?

Tafferner: Definitiv ja. Wenn wir den Richtigen haben, können wir ein Mandat vom Aufsichtsrat einholen. Dieses Signal haben wir schon bekommen. Es ist wichtig für die Kontinuität der Arbeit des Orchesters, dass wir schnellstmöglich jemanden finden. Allerdings werden wir auch nichts überstürzen.

Zur Person: Victoria Tafferner

Victoria Tafferner ist in Kapstadt/Südafrika aufgewachsen. Seit 20 Jahren lebt sie in Deutschland. Sie schloss zunächst ein Studium als Hornistin an der Musikhochschule in Freiburg ab. Als freischaffende Musikerin spielte sie mit unterschiedlichen Ensembles, bevor sie ein weiterführendes Studium der Kulturwissenschaften in Freiburg und ein Promotionsstudium in Berlin aufnahm. Über Etappen unter anderem im Musikmanagement des Berliner Konzerthauses und der Medienabteilung der Berliner Philharmoniker sowie als Orchestermanagerin in Brandenburg kam sie 2018 als Orchesterdirektorin der Mecklenburgischen Staatskapelle nach Schwerin.

Bei der Mecklenburgischen Staatskapelle sind in den vergangenen Jahren kontinuierlich Stellen abgebaut worden. Inzwischen besteht das Orchester nur noch aus 58 Musikern. Kann die Staatskapelle auf dieser Basis große Produktionen überhaupt noch realisieren?

Tafferner: Realisieren schon, aber nur, wenn das Orchester erheblich mit Aushilfen aufgestockt wird. Da ist die Qualität natürlich eine andere, als wenn alles mit fester Besetzung gespielt werden könnte.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung der vergangenen Jahre?

Tafferner: Ich bin Südafrika aufgewachsen und vor zwanzig Jahren nach Deutschland gekommen, weil Deutschland diese fantastische Orchesterkultur hat, diese unheimlich lebendige und internationale Musikszene. Aber während ich hier lebe, schaue ich mit Staunen zu, wie das Stück für Stück abgebaut wird. Das macht doch keinen Sinn. Gerade in einem so reichen Land wie Deutschland müsste noch mehr in die Kultur investiert werden. Denn Orchester, Theater und Kunst machen uns doch zu besseren Menschen, eröffnen uns den Zugang zu anderen Kulturen, Meinungen und Emotionen und sind eine so wichtige Bereicherung des Lebens. Auch hier in Mecklenburg wäre so viel möglich: Wir haben Gutshäuser ohne Ende, wunderbare Städte, unglaubliche Landschaften und wir haben Theater. Warum unterstützen wir die Theater nicht? In Süddeutschland geht man mit solchen Schätzen ganz anders um. Dort unterstützt man sowohl die freie Kulturszene als auch die Institutionen. Hier kommt noch nicht mal das versprochene Geld aus dem Theaterpakt an.

Vor welche Schwierigkeiten stellt Sie das?

Tafferner: Wir brauchen Planungssicherheit. Wir müssen wissen, ob das, was wir abgestimmt haben, auch tatsächlich umgesetzt werden kann und ob es bei den eingeplanten Mitteln bleibt. Dass hier immer alles so im Nebel geschieht, empfinde ich als eine Art Folter für alle Beteiligten, die das ausbaden müssen.

Glauben Sie wirklich, dass die Kulturpolitik in Süddeutschland anders umgehen würde mit einem Orchester wie der Mecklenburgischen Staatskapelle?

Tafferner: Ja, natürlich. Ich meine, wir haben eine unglaubliche Geschichte. Nach meinen Recherchen war hier erstmals eine Frau als Dirigentin beschäftigt, hier haben große Komponisten und große Musiker über 450 Jahre im Orchester gespielt. Es gibt eine durchgehende Tradition. Darüber wird nicht geredet, kaum geforscht und so gut wie nichts daraus gemacht. Und wir haben im Theater nicht die Mittel, dem ein Profil zu geben. Wir haben weder die Menschen, noch die Zeit, noch das Geld, um die Tradition zu würdigen. Das Gleiche im Schauspiel: Wir haben eine unglaubliche Schauspieltradition. Die ersten Schauspielschüler gab es 1753 unter Conrad Ekhof in Schwerin. Dann war da der DDR-Regisseur Christoph Schroth. Diese Leute haben das Haus geprägt und unglaubliche Sachen gemacht und zur gesamten Orchester- und Theaterlandschaft in Deutschland und Europa beigetragen. Und wir behandeln die Theater hier wie Zweit- oder Drittklässler. Das verstehe ich nicht. Dass darüber nicht nachgedacht wird und keine Prioritäten gesetzt werden, ist für mich eine absolut frustrierende Sache.

Vorschaubild für den Podcast Kultur auf NDR 1 Radio MV © ndr.de Foto: ndr.de

Der Beitrag zum Hören

NDR 1 Radio MV - Kunstkaten -

Victoria Tafferner ist seit einer Spielzeit Orchesterchefin am Mecklenburgischen Staatstheater. Die Kulturpolitik in MV findet die gebürtige Südafrikanerin "frustrierend"

3,33 bei 6 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Download

Sie haben sich für die kommenden Jahre ein großes Projekt vorgenommen, Sie wollen eine Orchester-Chronik erstellen. Warum?

Tafferner: Seit 1945 hat niemand mehr umfassend an der Geschichte der Mecklenburgischen Staatskapelle geschrieben. Wir wissen zwar, wer dirigiert hat, unter anderem die großen Namen Masur, Tennstedt oder Haenchen, aber wir haben keine Berichte von Musikern. Und weil einige der ehemaligen Kapellenmitglieder noch am Leben sind, wollen wir jetzt ein Oral-History-Projekt starten, bei dem die jetzigen Mitglieder des Orchesters die alten Mitglieder befragen über die Zeit damals. Das wollen wir dann zusammenfassen, damit das schwarze Loch in der Orchestergeschichte nicht immer größer wird.

Programmtipp

NDR 1 Radio MV
Sonntag, 3. November: "Der Kunstkaten" mit Victoria Tafferner, 19 - 20 Uhr.
Diese Sendung lässt sich anschließend auch als Podcast nachhören.

Was können Sie noch tun, um das Profil der Kapelle zu schärfen?

Tafferner: Wir wollen außerdem mehr von den mecklenburgischen Komponisten aufs Programm setzen. In der nächsten Spielzeit, die wir jetzt gerade planen, werden sie häufiger erscheinen. Und das muss gut vermittelt werden. Denn ich glaube, wenn die Leute merken, dass die Künstler früher genauso waren wie wir heute: leidenschaftlich, manchmal ein bisschen kaputt, witzig, lebendig und dramatisch. Dann sehen die Leute, was für eine Tradition und Kultur wir haben, aber auch wie wir als Menschen in diesem System funktionieren. Und es gab so viele großartige Künstler hier am Theater. Das ist einfach spannend, das ist eine lebendige Tradition, über die wir mehr reden sollten. Auf die wir stolz sein sollten. Und ich hoffe, dass die Kulturpolitik des Landes dann auch irgendwann mal stolz darauf ist. Das würde mich freuen.

Weitere Informationen

MV: Ministerin Martin will Kultur neu denken

24.06.2019 16:20 Uhr

Die neue Kultusministerin von Mecklenburg-Vorpommern, Bettina Martin, hat in Schwerin erklärt, wie sie Lehrermangel bekämpfen, den Theaterpakt umsetzen und Kultur sichtbarer machen will. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Kunstkaten | 03.11.2019 | 19:00 Uhr

Mehr Kultur

72:04
NDR Info
42:40
NDR Info