Eine Gruppe von Personen steht mit einer Drehorgel vor einer Kirche. © Heiko Preller Foto: Heiko Preller

Schönberger Musiksommer: Ein Grenzort wird zur Kulturstadt

Stand: 18.11.2021 15:15 Uhr

Seit mehr als 30 Jahren lädt die Schönberger St. Laurentius-Kirchengemeinde im Sommer jeden Dienstag zu Konzerten ein. Die Mischung aus Musik und Begegnung ist das Markenzeichen des Musiksommers.

von Karin Erichsen

Für viele Musikfreunde aus der Region um Schönberg in Mecklenburg ist der Dienstagabend im Sommer für Konzerte gesetzt. Denn von Juni bis September lädt der Schönberger Musiksommer jeden Dienstag in die St. Laurentiuskirche ein. Und aus Nordwestmecklenburg, Lübeck, Schwerin und dem Herzogtum Lauenburg kommt ein stetig wachsendes Stammpublikum, das sich hier kennt und trifft.

Die Idee zum Schönberger Musiksommer entstand im Jahr 1987, noch vor der Wende, aus der Mitte der Schönberger Kirchengemeinde heraus. Damals wurde die große mittelalterliche Bischofskirche im Herzen der Stadt renoviert und bot fortan einen wunderbaren Spielort. Zunächst für Flötenschüler und Posaunenchor, später für die Kantorei und eine Vielzahl ortsansässiger Musiker. Noch auf der Baustelle wurden die ersten Konzerte organisiert. Inzwischen lädt der Schönberger Musiksommer jeden Sommer zu etwa 30 Musikabenden in die Kirche ein, ist fest in der Region verankert und strahlt weit darüber hinaus.

 

Ein Podium für Flötenschüler und Spitzenkünstler

Kirchenmusikdirektor Christoph D. Minke vor der historischen Winzer-Orgel der St. Laurentiuskirche. © Heiko Preller Foto: Heiko Preller
Unter der Leitung von Kirchenmusikdirektor Christoph D. Minke hat der Schönberger Musiksommer an überregionaler Strahlkraft gewonnen.

1990 kam der damals 25-jährige Kirchenmusiker Christoph D. Minke als Kantor nach Schönberg und übernahm die künstlerische Leitung des Festivals. Durch sein Studium bei Manfred Schlenker in Greifswald und seine Arbeit als Assistent von Georg Christoph Biller, dem langjährigen Leipziger Thomaskantor, war der neue Kantor in der Musikwelt bestens vernetzt und holte nun auch international renommierte Künstler nach Schönberg. Die Mischung aus selbstgemachter und importierter Kunst, aus eigenen Produktionen und Auftritten von Musikern aus der ganzen Welt, ist bis heute das Markenzeichen des Schönberger Musiksommers.

Orgelkonzerte und experimentelle Musik

Das Frauen-Vokalensemble Sjella aus Leipzig bei einem Auftritt in der St. Laurentiuskirche. © Heiko Preller Foto: Heiko Preller
Das Frauen-Vokalensemble Sjella aus Leipzig zählt zu den Stammgästen des Schönberger Musiksommer. Die fünf jungen Frauen sind hier bereits aufgetreten bevor ihre internationale Karriere begann.

Von Konzerten an der historischen Winzerorgel über klassische Kammermusik und A-cappella-Gesang bis zu experimenteller Musik mit digitaler Technik, Jazz, Oratorien, Videoinstallationen und Filmvorführungen mit Livemusik - die Bandbreite der Veranstaltungen in der St. Laurentiuskirche ist groß. Die Namen der Künstler auf den Spielplänen sind meistens nur wenigen bekannt, das Publikum verlässt sich vertrauensvoll auf die künstlerische Qualität der Aufführungen. Inzwischen besuchen im Sommer mehr als 5.000 Musikfreunde die Dienstagskonzerte. Sie schätzen vor allem die selbstverständliche Kombination von klassischer und zeitgenössischer Musik, die fast jede Veranstaltung auszeichnet, und die außergewöhnlichen musikalischen Überraschungen, die oftmals geboten werden.  

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Vorne im Altarraum der St. Laurentiuskirche spielt der 22-jährige Violinist Adrian Kratzert ganz konzentriert. Rechts daneben sitzt der 19-jährige Pianist Matteo Weber und schaut auf seine Noten. Hinter ihnen und vor ihnen scheinen Kerzen. © Karin Erichsen Foto: Karin Erichsen

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Mit Wein und Laurentius-Taler

Einmalig ist die zwanglose Atmosphäre, die Begegnungen ermöglicht und zum Austausch anregt. Ein professionelles Catering gibt es in Schönberg noch immer nicht. Ehrenamtliche Helfer aus der Gemeinde verkaufen zu günstigen Preisen Wein und alkoholfreie Getränke. Beliebt ist auch der sogenannte Laurentius-Taler, ein rundes, herzhaftes Salzgebäck, das von einigen engagierten Frauen in Eigenproduktion hergestellt wird. Überhaupt lebt der Musiksommer vom Ehrenamt. Etwa 60 Menschen beteiligen sich regelmäßig an der Veranstaltungsorganisation. Hauptamtlich ist neben Kantor Christoph D. Minke lediglich Karsten Lessing als Geschäftsführer angestellt.

Kunst als Begleiterscheinung

Außerdem kümmert sich Annette Czerny als Kuratorin um die Ausstellungen, die den Schönberger Musiksommer seit vielen Jahren begleiten und zeitgenössische Kunst in der St. Laurentiuskirche zeigen. Auch Annette Czerny setzt auf die bewährte Mischung von Künstlern der Region und auswärtigen Gästen. In den Pausen und nach den Konzerten stehen diese Ausstellungen im Mittelpunkt. Und kaum jemand verlässt die Kirche, sobald der letzte Akkord verklungen ist. In der Regel stehen die Konzertgäste noch lange im Gespräch beisammen - in der Kirche und auf dem einladenden Kirchplatz unter hohen Kastanien. Irgendwann gesellen sich dann die Künstler dazu, die häufig mehrfach mit neuen Programmen nach Schönberg zurückkehren. Bestens bekannt ist dem Stammpublikum zum Beispiel schon die Harfenistin Silke Aichhorn aus Bayern, das Leipziger Frauenvokalensemble Sjella oder das estnische Ensemble Heinavanker, das in Mönchskluft gregorianischen Kirchengesang zeitgenössisch interpretiert.

Die Zuhörer von morgen im Blick

Besondere Aufmerksamkeit widmet der Schönberger Musiksommer seit etwa zehn Jahren auch Kindern und Jugendlichen. Sie machen inzwischen fast ein Viertel der jährlichen Besucherzahl aus. Gemeinsam mit den SOS-Kinderdörfern und der Musikhochschule Lübeck als Partnern präsentiert das Festival unkonventionelle Programme, die von jungen Musikern speziell für Schönberg entwickelt werden und anschließend oft bundesweit junge Zuhörer begeistern. Inspiriert von dem Hamburger Tonali-Konzept kooperiert der Musiksommer außerdem mit dem Schönberger Barlach-Gymnasium, das seit Neuestem für die Schüler der 9. und 10. Klasse ein Wahlpflichtfach "Musikbusiness" anbietet. Darin lernen die Jugendlichen von Experten der Branche, wie ein klassisches Konzert inhaltlich und organisatorisch geplant, beworben und durchgeführt wird. Und das Erlernte wird sofort in die Praxis umgesetzt, indem die Schülerinnen und Schüler selbstverantwortlich ein Konzert des Schönberger Musiksommers gestalten.

Rund 50 Partner, Spender und Sponsoren

Finanziert wird das gesamte Festival vorrangig aus privater Hand. 2007 wurde dafür ein Stiftungsfonds gegründet, der einen großen Teil des Budgets absichert. Zudem fördern viele private Spender, Sponsoren und Unternehmen der Region die Konzerte. Auch der NDR unterstützt den Schönberger Musiksommer schon seit vielen Jahren.

Selbst während der Corona-Zeit blieben die Türen der St. Laurentiuskirche nicht verschlossen, obwohl die Pandemiebedingungen die Veranstalter vor große Herausforderungen stellten. Im Jahr 2020, als Konzerte in geschlossenen Räumen generell nicht gestattet waren, lud der Schönberger Musiksommer dennoch jeden Dienstag zum "Klingenden Kirchplatz" ein, wo Musiker der Region im Freien spielten und die Menschen sich auch in schwieriger Zeit begegnen konnten. Für den Sommer 2021 wurden einige Neuerungen eingeführt. Zum Beispiel ein digitales Ticketsystem, das den Kartenvorverkauf ermöglicht, was wegen der begrenzten Teilnehmerzahl bei Veranstaltungen notwendig wurde. Die freie Platzwahl in der Kirche entfiel erstmals.

Neue Struktur für die Zukunft

Weil nun der Kirchengemeinde die Organisation und Planung des Musiksommers zu komplex wurde, gründete sich der Verein Schönberger Musik und Kunst e.V. als neuer offizieller Veranstalter des Musiksommers. Die Gemeinde bleibt jedoch Gastgeberin, die Kirche Hauptspielort und Kantor Christoph D. Minke künstlerischer Leiter. Die neue Struktur bietet vor allem verwaltungstechnische Vorteile, aber auch einige inhaltliche. Zum Beispiel ermöglicht sie, Veranstaltungen auch außerhalb der Laurentiuskirche an anderen Plätzen der Stadt Schönberg oder sogar in der Region anzubieten. Schon in den vergangenen Jahren gab es "Ausschwärmkonzerte" oder gemeinsames Singen mit Schönberger Bürgern oder Senioren. Diese Zusammenarbeit mit anderen Kulturträgern soll in Zukunft ausgebaut werden.

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Musikalischer Gottesdienst zur Eröffnung des 31. Schönberger Musiksommers in der Schönberger St. Laurentiuskirche. © NDR/Wolfram Pilz Foto: Wolfram Pilz

Kulturpartner: Schönberger Musiksommer

In der St.-Laurentius-Kirche gibt es von Juni bis September Konzerte - von geistlicher bis zu experimenteller Musik. extern

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassikboulevard | 11.08.2021 | 17:20 Uhr

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