Die Band "Trümmer" spielt im Knust. © Julian Rausche Foto: Julian Rausche

Reeperbahn Festival-Blog: Tag 3 - Warteschlangen und schmerzende Füße

Stand: 25.09.2021 07:30 Uhr

NDR Musikjournalist Matthes Köppinghoff ist auch in diesem Jahr beim Reeperbahn Festival. In seinem Blog erzählt er von seinen Beobachtungen auf St. Pauli. Hier seine Erlebnisse vom dritten Festivaltag.

von Matthes Köppinghoff

25.376 Schritte oder 19 Kilometer: Das sind die Wege, die ich bis einschließlich Donnerstagnacht zurückgelegt habe. In meiner privaten Reeperbahn-Festival-Historie sind das jetzt keine außergewöhnlichen Zahlen (ich schätze: solides Mittelmaß), den gewissen, traditionell ab Tag drei einsetzenden Fußschmerz, bin ich gewohnt. So beginnt der dritte Festivaltag für mich auch wieder mit dem Gang zur U3, als Weg-Soundtrack wähle ich den Trümmer-Song "Wie spazieren geht".

Wenige Minuten später steige ich erneut an der Haltestelle St. Pauli aus, schleppe mich über das Heiligengeistfeld und das Festival Village. Bei den Ständen mit den Konzertplakaten bin ich mal wieder hingerissen - zu blöd, dass mein Zuhause schon vor lauter Plakaten, Platten, Büchern und noch mehr Plakaten überquillt. Ein bisschen Kunst für das kulturelle Gewissen schaue ich mir auch noch an, aber unter uns: Vordergründig freue ich mich vor allem über meinen ersten pechschwarzen Kaffee und fühle mich vorerst gewappnet für einen weiteren langen Tag.

Flanieren über den Kiez, Leute beobachten

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Zuschauer vor der ARTE Concert Stage beim Reeperbahn Festival © Julian Rausche Foto: Julian Rausche

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Neben der Musik ist nicht nur Kunst bei Europas größtem Clubfestival ein wichtiger Aspekt, auch für Panels und Konferenzen reisen viele Besucher*innen an. Das Reeperbahn Festival ist ein großes Branchentreffen, es gibt etliche interessante Vorträge und Diskussionsrunden, zu denen schon vormittags die Speaker*innen hetzen.

So schön die Vielfalt und das Angebot ist, so schade finde ich es, dass ich mir nicht alles anschauen kann. Mit dem Gedanken im Hinterkopf, einem folgenden Achselzucken und der gewissen Extraportion Müdigkeit in den Knochen schlurfe ich über den Spielbudenplatz, beobachte das Treiben und die Leute. Ich höre bei The Howl & The Hum und Betterov beim N-JOY Reeperbus rein, mache mich dann aber auch rechtzeitig auf den Weg zur St. Michaelis Kirche. Schon 2020 war das die Spielstätte, in die unter Pandemie-Bedingungen insgesamt am meisten Leute reingelassen wurden. Heute, bei einem ganz besonderen Act, ist die Schlange auch besonders lang.

Dolce Vita im Wahrzeichen Hamburgs: die Crucchi Gang

Ich habe es in den letzten Jahren oft erwähnt, hier wiederhole ich mich aber gern: Der Michel ist der wohl schönste Veranstaltungsort beim Reeperbahn Festival. Hier ist es fast schon egal, wer auftritt, die Konzerte haben immer etwas Einmaliges und Außergewöhnliches. Heute ist hier aber ein sehr exquisites Projekt zu Gast, dafür hole ich kurz aus: Francesco Wilking (kennt man vielleicht von Bands wie Tele oder Die Höchste Eisenbahn) ist Halbitaliener und hat zusammen mit Musikmanagerin Charlotte Goltermann und Musiker/Autor Sven Regener die Crucchi Gang erschaffen.

"Crucchi" ist die eher spöttische bis beleidigende als liebevolle italienische Bezeichnung für Deutsche. Zusammen mit einer Gang aus weiteren deutschsprachigen Künstler*innen haben sie sich deutsche Songs geschnappt und zu italienischen transformiert. Damit ist im letzten Jahr ein äußerst gelungenes Album erschienen, mit illustren Star-Gästen wie Sophie Hunger, Clueso, Thees Uhlmann, Von Wegen Lisbeth, Isolation Berlin - sie alle machen bei der Crucchi Gang mit.

Charme und Italophilie im Michel

Reeperbahn © NDR
Die Crucchi Gang mit Wilking und Regener im Michel.

Zurück zum Konzert: Von den gerade erwähnten Stars sind zwar bei weitem nicht alle angereist, aber das Konzert strotzt dennoch vor Charme und eleganter Lässigkeit. Francesco Wilking erklärt zwischendurch, dass es ihm wichtig ist, dass ihre Lieder sich nicht nach Klamauk anhören sollen, und das schafft die Band auch. Songs wie "Bungalow" von Bilderbuch werden herrlich-liebevoll durch den italienischen Fleischwolf gezogen (daraus wird dann eben "Il Mio Bungalow"). Es gibt sogar Songs, die es nicht auf das Album geschafft haben, beispielsweise Jovanottis "Ti Sposero". Sven Regner muss bei "Azzuro" von seinem Smartphone den Text ablesen, vielleicht macht er auch ein Handyvideo, aber auch das macht das Ganze nur noch sympathischer, was die Musiker*innen hier abliefern.

Ein Konzert, das sich anhört wie eine Gartenparty, oder auch ein Karaoke-Abend, aber irgendwie auch wie der Soundtrack zu einem (italienischen) Agenten-Film aus den 60er Jahren. Und das alles in dieser wunderschönen Kirche. Zwar sehe ich auf meinem Seitenplatz zugegebenermaßen nur die Hälfte, aber meiner halber könnte das hier ewig weitergehen. Nach einer Stunde und viel Applaus ist trotzdem Schluss, ich nehme mir vor, die Platte beim nächtlichen Schreiben aufzulegen. Aber vorher mache ich mich auf die Suche nach noch mehr Musik!

Die Reeperbahn ist voll, Warteschlangen überall

Draußen ist es mittlerweile dunkel, die Beleuchtungen vom Kiez sind an, die Kneipen und Clubs auf der Reeperbahn sind gut gefüllt. Selbst für die Bierbankplätze auf dem Spielbudenplatz gibt es inzwischen separate Warteschlangen, daher gebe ich es schnell auf, mich hier irgendwo anzustellen. Ein Blick auf die Uhr, ein weiterer in die Reeperbahn Festival App, es folgt der entschlossene Fußmarsch zum Knust und zu Trümmer.

Auch vor dem Club an der Feldstraße gibt es wieder das Bild, das andere und mich so langsam doch anfängt intensiv zu nerven: Eine sehr lange Warteschlange, bei der man absehen kann, dass es der Großteil der Leute nicht ins Konzert schaffen wird. Zwar "muss" ich mir beruflich Konzerte anschauen, dennoch komme ich mir reichlich überprivilegiert (will sagen, bescheuert) vor, als ich mit Notizblock und Arbeitspass bewaffnet an allen anderen, die sich ein Festivalticket gekauft haben, vorbei ins Knust gehe. Das ist halt mein Job, aber mehr zur Einlasssituation und -selektion würde ich gern in meinem finalen Fazit in der Sonntagnacht notieren.

Trümmer im Knust

Die Band Trümmer im Knust. © NDR
Die Band Trümmer vergisst auch die Fans nicht, die es nicht bis ins Konzert geschafft haben.

Jedenfalls freut sich die Band Trümmer auf ihren Auftritt, und alle diejenigen, die es reingeschafft haben, auf handgemachten Indie-Pop-Rock. Das (sehr gelungene) dritte Trümmer-Album "Früher war gestern" ist erst eine Woche alt und ich glücklich mit meiner Entscheidung, die zwei Kilometer zum Knust gelaufen zu sein. Sänger Paul Pötsch widmet den älteren Song "Revolte" wie folgt: "Ein Lied für euch und die 200 Leute, die draußen stehen!"

Während ich mit der Müdigkeit kämpfe, gibt es alte Songs und neue Songs, es ist also für alle was dabei. Der letzte Song für heute ist "Kippe", mit der schönen Zeile: "die tausendste Zigarette / das Leben ein Klischee / wie in einem Songtext / den ich erst jetzt verstehe". Danach bin ich zufrieden, aber auch hundemüde - für mich heißt es daher jetzt ab nach Hause, ab an den Laptop.

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Morgen werden nochmal alle Kräfte zusammengekratzt: Auf meinem Zettel stehen M.Byrd und Ry X (hoffentlich schaffe ich es dieses Mal!), Blue Lab Beats, Black Sea Dahu und Laura Lee & The Jettes. Ausgerechnet Isolation Berlin werde ich wohl verpassen (von denen stammt einer meiner Lieblingssongs 2021: "Ich hasse Fussballspielen"), denn Muff Potter treten auf. Musikalisch ist das zwar nicht unbedingt meins, aber erstens mag ich die Bücher von Thorsten Nagelschmidt, zweitens haben Konzerte der wiedervereinigten Band Seltenheitswert. So ist zumindest mein grober Plan.

Der Sonnabend ist, während ich diese Wörter hier tippe, schon angebrochen, nach insgesamt 26,9 Kilometern oder 35.800 Schritten, und ich bilde mir ein, jeden weiteren etwas heftiger zu spüren. Immerhin läuft wie versprochen die Crucchi Gang. Die mache ich jetzt aber auch mal aus und verschwinde Richtung Bett - so dann, bis morgen!

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 25.09.2021 | 06:40 Uhr

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