Joy Denalane mit ihrer Band auf der Bühne des Operettenhauses in Hamburg © NDR

Reeperbahn Festival-Blog: Tag 1 - ein etwas holpriger Start

Stand: 23.09.2021 08:47 Uhr

NDR Musikjournalist Matthes Köppinghoff ist auch in diesem Jahr beim Reeperbahn Festival. In seinem Blog erzählt er von seinen Beobachtungen auf St. Pauli. Hier seine Beobachtungen vom Eröffnungstag.

von Matthes Köppinghoff

Der Start ins lange Reeperbahn Festival-Wochenende startet für mich in der U3 Richtung St. Pauli, als Soundtrack für die kurze Bahnfahrt wähle ich "Meantime" von den Beatsteaks aus. Die waren 2014 noch im Docks zu sehen: voller Körperkontakt, gigantisch gute Stimmung, damals, als … naja. Es ist das Jahr 2021, der Song ist vorbei, ich steige aus und mache mich auf zum Heiligengeistfeld, um mein Festivalbändchen abzuholen. Klingt soweit eigentlich unspektakulär, aber ich bekomme wie in jedem Jahr auch heute eine ganze Reihe von den Dingern: Wie üblich sehe ich anschließend, mit etlichen Bändern und Pässen ausgerüstet, aus wie eine Mischung aus Wolle Petry und B.A. Baracus vom A-Team. Das hilft aber alles nichts, denn ich bin trotzdem viel zu früh da und es spielt noch niemand. So beobachte ich die noch etwas verträumte Baustellenstimmung: Vor der Village Stage fahren noch Gabelstapler rum, während die Band Bruckner beim Soundcheck ist.

Bevor es losgeht: Ein Spaziergang über den Kiez

Vier verschiedene Reeperbahn Festival-Bändchen an einem Arm © NDR
Vierfach-Bändchenträger dürfen das: Mit diesem Armschmuck kommt unser Festival-Blogger (fast) überall rein.

Das tolle Wetter und die Zeit vor den anstehenden Konzerten nutze ich noch für einen kleinen Spaziergang über den Kiez. Über die Reeperbahn, vorbei an der Davidwache, geht es die Davidstraße entlang zu den Landungsbrücken - noch ist hier mehr los als auf dem Festival. Nach dem Rückweg zum Spielbudenplatz kann ich mich zum ersten Mal als Konzertbesucher einscannen; diese QR-Code-Routine aus dem letzten Jahr sitzt immer noch. Der deutsche Singer-Songwriter Luke Noa spielt mit seinem Begleitgitarristen das Auftaktkonzert für dieses Jahr; die Sitzbänke vor dem N-JOY Reeperbus sind schon sehr gut gefüllt. Zwei junge Frauen, schätzungsweise 19, schaffen es noch so gerade zu seinem letzten Song ("Och nö, und dafür haben wir uns jetzt 20 Minuten eingecheckt!"), nach kurzer Enttäuschung kommt dafür aber der Lieblingssong der beiden ("Bleach" heißt der, es folgt ein "Oh ist das schön", plus Mitsingen, Handyvideos und -filmchen).

Die Schlangen sind auffällig lang

Bis hierhin war der Auftakt beim Reeperbahn Festival eigentlich entspannt und gelungen. Ich schlendere weiter zum Festival Village auf dem Heiligengeistfeld, genauer zur Fritz Bühne, um mir Some Sprouts anzuschauen. Hier verschwinde ich aber recht schnell wieder; irgendwie ist es mir zu wuselig. Es herrscht eine gewisse Unklarheit, wo man jetzt wie an welcher Markierung stehen darf, mit oder ohne Maske, und so manch einer kommt mit den Einscann-Apps noch nicht zurecht. Daher mache mich auf den Weg zurück zum N-JOY Reeperbus. Unterwegs fällt mir auf, wie beunruhigend lang die Schlangen schon jetzt sind; es ist gerade mal der erste Festivaltag, traditionell also eher der ruhigste.

Endlich wieder Live-Musik erleben - auf zugewiesenen Markierungen

Später stelle ich mich beim Pub Thomas Read in eine weitere Schlange. Auf WEZN habe ich mich sehr gefreut (das junge Duo kommt doch aus Bremen und nicht wie von mir angekündigt aus Hannover, dort haben sie nur studiert): die beiden erinnern mich an London Grammar, nur elektronischer. Trotz des Anstehens und der langen Gesichter aus der Nebenschlange vor dem Molotow freue ich mich endlich über Indoor-Live-Musik: Zwar darf man auf seinen zugewiesenen Markierungen nicht tanzen, dennoch macht Musik als gesellschaftlich verbindende Erfahrung einfach Spaß.

Fortuna Ehrenfeld: Großer Andrang vor dem Gruenspan

Eine lange Menschenschlange vor dem Gruenspan in Hamburg © NDR
Warten vor dem Gruenspan: Für Fortuna Ehrenfeld stehen die Leute bis weit in die Simon-von-Utrecht-Straße.

Wenig später geht es auf zum Gruenspan, und spätestens hier merke ich, dass das mit den übertrieben langen Schlangen kein Einzelschicksal meinerseits ist. Für die (in der breiten Öffentlichkeit) weitestgehend unbekannte Band Fortuna Ehrenfeld stehen die Leute bis weit in die Simon-von-Utrecht-Straße. Das sieht aus wie in Nicht-Pandemie-Zeiten, blöderweise ist aber gerade Pandemie-Zeit - das heißt, das Platzkontingent ist begrenzt, viele müssen leider trotz Ticket draußen bleiben. Im Club fühle ich mich, als hätte ich es zu Guns N‘ Roses Backstage geschafft. Fortuna Ehrenfeld um Martin Bechler machen mit ihrer sympathisch-lakonischen Art auch einen guten Job. Dennoch herrscht bei manchen Gästen eine gewisse Anspannung, will sagen: So manch einer ist genervt, da hilft nicht mal der charmant-verschrobene Indie-Pop aus Köln weiter. Die Warteschlangen, die Abstände, später hat im Häkken bei Komfortrauschen die Einscann-App Schluckauf und der Einlass verzögert sich. Zwischenfazit: Bisher hat sich die sonst so lockere gute Festivallaune noch nicht so recht eingestellt.

Joy Denalane: Souliges Highlight des Abends

Joy Denalane mit ihrer Band auf der Bühne des Operettenhauses in Hamburg © NDR
The Joy of Joy: Frau Denalane bringt wohlklingenden Soul ins Operettenhaus.

Zwar verpasse ich Sting bei der Eröffnung im Operettenhaus (weil ich in irgendeiner Schlange stehe), dennoch schaffe ich es mit meinem Pässe-Gebaumel und gutem Zureden zu Joy Denalane. Immerhin, das Highlight des Tages, das werte ich als vollen Erfolg, und hier ist die Stimmung eine ganz andere. Das liegt vielleicht auch am wohlklingenden Soul der Berlinerin: die Künstlerin hat im letzten Jahr ihr Album "Let Yourself Be Loved" veröffentlicht, und das auch noch auf dem legendären Motown-Label. Auch hier im Operettenhaus müssen die Masken aufbleiben. Alle haben Sitzplätze, alle halten sich daran und genießen das Konzert, hören entspannt der Sängerin und ihren Musiker*innen zu. Hier so zu sitzen; das ist eine Wohltat im Vergleich zu den vergangenen nervigen Stunden. Okay, Ekstase geht vielleicht anders, aber es ist ein gutes Konzert. Kuschelmusik, aber nicht zu kitschig, hier ist alles in Ordnung.

Empfehlungen für Donnerstag: Thala, C'est Karma, Sharktank und mehr

Mein Fazit vom ersten Tag: Es ist noch Luft nach oben. Wenn man länger ansteht als das eigentliche Konzert dauert, im schlimmsten Fall gar nicht erst reinkommt: das kann nerven. Aber bleiben wir optimistisch, vielleicht ruckelt sich das am zweiten Tag etwas ein. Mein Tipp für Festivalbesuchende ist daher: Kommt rechtzeitig, stellt euch früh an, das erspart Frust. Es gibt auch viele schöne Sachen anzuschauen. Auf meinem Zettel stehen C’est Karma und Sharktank, unbedingt Mavi Phoenix, dazu Betterov. Mein Tageshighlight wird Thala; das ist verträumter Dreampop aus Berlin. Wer es poppig mag, dem empfehle ich Jeremias, Antje Schomaker und Jupiter Jones. Wer eine heimliche Indie-Perle sucht, dem rate ich zu den Communions aus Kopenhagen. Wer bei der Mischung Garagenrock, Polka, Country und "Menschen mit Tätowierungen bis zu den Ohren" neugierig wird, der geht bitte zu Swutscher. Puh. Jetzt trinke ich meinen nächtlichen Kaffee aus und gehe anschließend schlafen. In diesem Sinne: bis morgen!

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 22.09.2021 | 06:40 Uhr

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