Bühnenbild: Demokratische Sinfonie © NDR/ Helgard Füchsel Foto: Helgard Füchsel

Polyton statt Politik: Demokratische Sinfonie in Oldenburg

Stand: 17.07.2021 10:13 Uhr

Der Komponist Paul Brody hat die Sprache der Bundestagsabgeordneten in Musik übersetzt.

Bühnenbild: Demokratische Sinfonie © NDR/ Helgard Füchsel Foto: Helgard Füchsel
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von Helgard Füchsel

Die Bühne im Oldenburgischen Staatstheater wirkt wie der Plenarsaal des Bundestags in Klein. Tribünen mit blau gepolsterten Sitzen sind halbrund angeordnet. Darauf verteilen sich ein Dutzend Schauspielerinnen und Schauspieler in Anzügen und Bürokostümen. Sie stellen Reden aus dem Bundestag nach, über allem schwebt ein riesiger Bundesadler. Wer gerade spricht, ist als Projektion auf dem Adler zu sehen, und dazu spielt das Orchester.

Der amerikanische Komponist und Trompeter Paul Brody schrieb die Musik der demokratischen Sinfonie. Er hat die Sprachmelodie der Wortbeiträge aus Bundestagssitzungen angehört und dann in Noten umgesetzt.

Komponieren als Therapie

Bühnenbild: Demokratische Sinfonie © NDR/ Helgard Füchsel Foto: Helgard Füchsel
Endlich mal Stimmung in der Bude: Mit Musik untermalte Emotionen im nachgebauten Bundestag.

Brody lässt sich seit Jahren von Sprechweisen inspirieren. Er liebt die musikalischen Experimente von Arnold Schönberg genauso wie Rap-Musik. Der Trompeter komponiert aber auch, um nicht verrückt zu werden, sagt er. Denn er lebt in Berlin, fährt oft Bus oder Bahn und hört während der Fahrt immer wieder laut telefonierenden Menschen zu.

"Wenn ich im Zug sitze und jemand telefoniert hinter mir, benutze ich das als Kompositionsübung", sagt Brody und ergänzt: "Statt meine Ohren zuzumachen, denke ich zuerst: Was für ein Instrument würde zu dieser Stimme passen? Das ist ein Überlebensreflex."

Kanzlerin mit tiefen Klängen

"In der Alltagssprache steckt genauso viel Emotion wie in einer Oper", sagt der Komponist. Genauso sei es auch bei Bundestagsdebatten.

Brody assoziiert mit den Reden der Kanzlerin eher tiefe Klänge. Andere Wortbeiträge sind unter anderem mit scharfem Stakkato von Flöten unterlegt. Oder aber es geht alles durcheinander.

Von Chemnitz bis Corona

"Die demokratische Sinfonie spannt den Bogen über verschiedene Debatten dieser Legislaturperiode. Bundestagsreden über die rechten Aufmärsche in Chemnitz, die Klimakrise oder die Reaktion des Bundestages auf die Corona-Pandemie", sagt der Regisseur Kevin Barz.

"Ich behaupte, die wenigsten Leute wissen, wie darüber in den letzten vier Jahren im Bundestag diskutiert wurde", meint Barz und fügt hinzu: "Und ich habe in der Recherche für dieses Projekt einfach erlebt, wie toll diese demokratische Transparenz des Bundestages ist. Man kann sich reinsetzen, man kann alles im Internet sehen, aber es gibt eine gewisse Hemmschwelle, das zu tun."

Wie klingt meine Wahl?

Im Alltag fehle vielen Menschen schlicht die Zeit, stundenlange Bundestagsdebatten zu verfolgen. Deshalb dampft Barz die vielen langen Diskussionen in 75 Minuten zusammen.

"Der Grundgedanke der demokratischen Sinfonie war es, dass man erlebt, wie das Kreuzchen von vor vier Jahren klingt. Und dass man, wenn einem dieser Klang nicht passt, dieses Jahr anders wählen muss."

Ob die Musik dann tatsächlich bei der Wahlentscheidung hilft, bleibt fraglich. Die demokratische Sinfonie ist aber auf jeden Fall ein spannendes musikalisches Experiment.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 17.07.2021 | 06:40 Uhr

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