Stand: 09.06.2020 11:58 Uhr

Nike Wagner zum 75. Geburtstag

von Stäbler, Marcus

Als studierte Musik-, Theater- und Literaturwissenschaftlerin, als Dramaturgin und Intendantin beim Kunstfest Weimar und beim Beethovenfest Bonn gehört Nike Wagner zu den prägenden Persönlichkeiten im Kulturleben der Gegenwart. Am 9. Juni feiert sie ihren 75. Geburtstag, mit Töchtern und Enkeln auf dem Land, in Mecklenburg-Vorpommern.

Nike Wagner vor einer schwarzen Silhouette von Richard Wagner © imago-images/photo2000
Nike Wagner wurde am 9. Juni 1945 in Überlingen am Bodensee geboren.

Die Bedeutung, das Gewicht und auch die Last der Familie: das sind zentrale Themen im Leben und Wirken von Nike Wagner. Kein Wunder, bei diesem Stammbaum. Sie ist die Ur-Ur-Enkelin von Franz Liszt und die Ur-Enkelin von Richard Wagner. Ihre Kindheit hat sie in der Villa Wahnfried in Bayreuth verbracht, als Tochter des damaligen Festspielintendanten Wieland Wagner: "Man könnte mich als 'Vater-Tochter' bezeichnen. Als Kind hatte ich schon den Wunsch, Tänzerin, Sängerin oder Assistentin von Papi zu werden, das ist ganz normal."

Auseinandersetzung mit Bayreuth

Der Tod ihres Vaters Wieland im Jahr 1966 ist ein gravierender Einschnitt, nicht nur für die damals erst 21-jährige Nike Wagner persönlich, die in Berlin, München und den USA studiert und dort im Fach Literaturwissenschaft promoviert, sondern auch für Bayreuth. Ihr Onkel Wolfgang Wagner wird zum alleinigen Leiter, der die Festspiele über Jahrzehnte als Patriarch beherrscht und keine kritischen Stimmen duldet - weder über die engen persönlichen Bande der Familie Wagner zu Adolf Hitler noch zu seiner eigenen Amtsführung.

Nike Wagner greift ihren Onkel dafür scharf an, in ihrem Buch "Wagner-Theater" von 1998 wirft sie ihm "Erstarrung" vor: "Im Namen eines Kunst-Wollens habe ich dann schon einen polemischen Krieg gegen das alternde Regime von Wolfgang Wagner aufgegriffen, ich war ja inzwischen Autorin geworden."

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Nike Wagner © picture alliance/dpa

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Um Wolfgang Wagners Nachfolge bemüht

Mehrfach bewirbt sich die Autorin, Wissenschaftlerin und Dramaturgin Nike Wagner selbst um die Leitung der Festspiele, mit so bedeutenden Partnern wie Gerard Mortier, aber ohne Erfolg. Stattdessen übernimmt die vielseitige und streitbare Intellektuelle, die 2001 das Amt der Kultursenatorin in Hamburg ablehnt, weil der Etat nicht erhöht werden soll, im Jahr 2004 die Leitung vom Kunstfest Weimar, auf den Spuren ihres Ur-Ur-Großvaters: "Franz Liszt ist sozusagen der ideale Säulenheilige für mein Festival, als Zukunftsmusiker erlaubt er mir, zeitgenössische Musik ins Festival zu integrieren."

"Beethoven hält viel aus"

Mit der geistreichen Vernetzung von Tanz, Literatur, Musik und bildender Kunst setzt Nike Wagner in Weimar Maßstäbe in der Programmgestaltung. Immer wieder rückt sie das Neuartige, das Zukunftsweisende ins Zentrum und betont so das zeitlos Revolutionäre in der Musik der Vergangenheit. Sei es bei ihren Vorfahren Wagner und Liszt oder bei deren Vorgänger Ludwig van Beethoven.

Seit 2014 leitet sie das Beethovenfest Bonn, ihr eigentlich 2020 auslaufender Vertrag ist coronabedingt bis 2021 verlängert, damit sie möglichst viele Veranstaltungen zum Beethoven-Jubiläum ins nächste Jahr umplanen kann. Auch da tritt Nike Wagners Haltung deutlich zu Tage: "Ich bin mehr auf der ernsthaften Seite, weil Beethoven ein sehr anspruchsvoller Komponist ist, meiner Meinung nach darf man das nicht zu sehr unterlaufen. Andererseits sollte man ihn meinetwegen auf einer breiteren Ebene unter die Leute bringen. Beethoven hält viel aus."

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 09.06.2020 | 06:40 Uhr

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