Die Band Tocotronic posiert auf und hinter einem Sofa. © Gloria Endres de Oliveira

Neues Tocotronic-Album verzückt selbst die Band

Stand: 27.01.2022 09:34 Uhr

Am Freitag erscheint "Nie wieder Krieg", das 13. Album der Band Tocotronic. Wäre die Platte ein Buch, wäre es ein "Desillusionsroman", sagt Sänger Dirk von Lowtzow im Interview mit NDR Kultur.

Seit fast 30 Jahren machen Tocotronic zusammen Musik zwischen Indie-Rock und -Pop. Fans und Kritiker*innen verehren sie für raffinierte Texte und abstrakte Strukturen. Ihr neues Album "Nie Wieder Krieg" soll laut der Band "entwaffnend persönlich" und "eines der schönsten Alben" ihrer Karriere sein. 

Dirk, wir sprechen heute über das 13. Tocotronic-Album "Nie Wieder Krieg". Wie würdest Du die Release-Stimmung beschreiben?

Dirk von Lowtzow: Einerseits ist man sehr froh, dass dieses Album nun mit einem Jahr Verspätung endlich herauskommen kann. Das ist für uns alle eigentlich ein Grund zur Freude, denn wir haben sehr hart an diesem Album gearbeitet und sind durch sehr verschiedene Stimmungen gegangen, natürlich auch pandemiebedingt. Auf der anderen Seite mischt sich auch ein Wehmutsgefühl hinein, weil sich schon abzeichnet, dass man mit diesem Album in absehbarer Zeit vielleicht nicht auf Tour gehen kann. Da ist das letzte Wort auch noch nicht gesprochen, aber die Umstände sind natürlich so, dass die Durchführung einer ganz normalen Tournee im Augenblick zumindest in Frage steht. Insofern ist da eine leichte Ambivalenz.

Auf was können sich die Hörer*innen denn freuen?

von Lowtzow: Es ist unser 13. Album und ich hoffe, dass die Hörer*innen dasselbe Gefühl haben beim Hören wie wir: Dass da nochmal eine weitere Tür in unserem Werk, wenn man das so nennen mag, aufgeht. Ich hoffe, dass sie das Gefühl haben, dass wir sie mitnehmen auf eine Reise durch diese zwölf Songs - und vielleicht kommen sie am Ende ein bisschen anders raus, als sie reingegangen sind! Das wäre der Idealfall. Aber das kann natürlich jeder so empfinden, wie er oder sie möchte.

Was ist bei dieser Platte im Vergleich zum letzten Tocotronic-Album "Die Unendlichkeit" anders?

von Lowtzow: "Die Unendlichkeit" war ein Album, das einen sehr klaren konzeptuellen Rahmen hatte, nämlich die eigene Autobiografie von Anfang bis, äh… also "Ende" möchte ich nicht sagen (lacht), aber bis zum damaligen Status quo. Das ist jetzt bei diesem Album anders. Es folgt keinem so starren konzeptuellen Gerüst. Das ist eher eine Sammlung von Liedern, die vielleicht zusammen, wenn man es von Anfang bis Ende hören möchte, eine Art Erzählung ergibt. Wie das eigentlich bei Alben im Idealfall auch der Fall sein sollte.

Ihr beschreibt das Album auch als einen Roman oder einen Film. Was ist das denn für ein Roman oder Film, in welche Richtung geht das?

von Lowtzow: Vielleicht könnte man es als eine Art "Desillusionsroman" beschreiben, wenn man es mit einem Roman vergleichen möchte. Weil alle Protagonist*innen auf dem Album mit ihrem eigenen Leben nicht so richtig fertig werden, und vielleicht in existenziellen Notlagen oder mindestens einer existenziellen Verwundbarkeit stecken. Viele der Protagonist*innen in den Songs haben Träume gehabt, und diese Träume sind nach und nach zerronnen.

Nicht nur das Album, sondern auch ein Stück auf der Platte heißt "Nie Wieder Krieg". Das Lied selbst hat dann, wie du in einem Interview gesagt hast, noch einmal eine andere Bedeutung bekommen im Laufe der letzten Monate…

von Lowtzow: Das ist natürlich ein allgemeines Kennzeichen von Alben: Wenn man an ihnen arbeitet, dann ist diese Arbeit sehr langwierig und langsam. Das ist anders, als wenn man jetzt nur einzelne Stücke aufnehmen und ins Netz stellen würde. Natürlich blickt man jetzt durch die Brille dieser pandemischen Zeit anders auf viele der Songs, als wir das getan haben, als wir das Album geschrieben haben. Das war ungefähr Mitte 2018 bis 2019, und da konnten wir von diesem pandemischen Zustand noch gar nichts wissen. Die Zielsetzung kristallisierte sich nach ein paar Songs heraus: Nämlich ein Album über Menschen zu schreiben, die in gewisser Hinsicht in Konflikten mit sich selbst stehen. 

Wie waren die Aufnahmen?

von Lowtzow: Wir haben das Album im Corona-Sommer 2020 in den Berliner Hansa-Studios aufgenommen, mit drei Monaten Verspätung, weil wir zum ursprünglichen Zeitpunkt nicht ins Studio konnten. Das war für uns vielleicht einer der wenigen Vorteile dieser Pandemie, weil wir deshalb ein bisschen Zeit gewonnen hatten, uns noch einmal intensiver mit den Songs auseinanderzusetzen und so noch ein paar Verfeinerungen vornehmen konnten. Aufgenommen haben wir dann im Juni 2020, als sich die Lage etwas beruhigt hatte. Das war natürlich ein ganz besonderer Moment für uns, weil wir plötzlich das machen konnten, auf das wir so lange hingearbeitet hatten: nämlich ins Studio zu gehen, die Songs aufzunehmen, letzte Overdubs drüberzulegen - einfach das Album komplett fertig zu machen.

Hast Du manchmal das Gefühl, dass die Leute, die sich Deine Lieder anhören, zu verkopft an die Texte rangehen? Oder den Sinn überhaupt nicht verstehen?

von Lowtzow: Nein. Ich finde, das kann jeder so machen, wie er möchte. Ich bin aber auch nicht so sehr in der Bringschuld, diese Texte haarklein zu erläutern. Ich kann natürlich Interpretationshilfen oder ein paar Hintergrundinformationen geben. Oder ich kann sagen: Hier hatten wir diese oder jene Intention. Aber ich kann nicht die eigenen Stücke interpretieren - das wäre fatal, wenn man das tun würde, glaube ich.

Der Sinn mancher Eurer Lieder ergibt sich vielleicht nicht schon in der Zeit des ersten Hörens. Erschließen sich eure Songs, als Lebens-Tragikomödie verstanden, vielleicht erst später?

von Lowtzow: Ja, das ist durchaus möglich. Ich glaube das ist ein Charakteristikum von ganz vielen künstlerischen Äußerungen, von Filmen, Bildern, Romanen oder Musik, dass sich manches, was man zuerst nicht so richtig erfassen konnte oder einem nicht gefallen hat, dann in der späteren Lebensphase komplett erschließt. Weil es natürlich speziell bei Popsongs so ist, dass diese kleinen Kunstwerke erst dadurch, dass sie von jemandem gehört werden, vollendet werden.

Habt Ihr manchmal im Hinterkopf, dass Ihr Fans, die Ihr ja liebevoll "Freaks" nennt, in nunmehr drei Dekaden habt?

von Lowtzow: Das ist ehrlich gesagt etwas, über das wir nicht so viel nachdenken. Wir sind natürlich sehr glücklich und es ist ein großes Privileg, dass es jetzt schon seit fast 30 Jahren Menschen gibt, die sich die Mühe machen, mit dem Zeug, was wir da so verzapfen, sich auseinanderzusetzen.  Und die das offensichtlich gerne hören. Wenn man Konzerte spielt und man sieht diese Leute - das hat eine ganz besonders intensive Kraft, und man glaubt, es den Menschen in ihren Gesichtern anzusehen, dass ihnen das, was man da macht, etwas bedeutet! Das ist sehr, sehr schön, und bei weitem nicht selbstverständlich. Aber wir versuchen beim Schreib-, Kompilier- und Arrangierprozess eines Albums schon die möglichen Zuhörer*innen ein bisschen auszublenden. Weil man sonst vielleicht Gefahr läuft, in so eine Dienstleisterposition zu gelangen - und das würden dann die Leute, die uns gerne hören, am allerwenigsten mögen.

In Abwandlung eures Songs "Pure Vernunft Darf Niemals Siegen" habt Ihr vor nicht allzu langer Zeit unter dem Motto "Pure Vernunft muss diesmal siegen" zum Impfen aufgerufen. Gab es da Diskussionen in der Band, das zu machen, oder fanden das alle in Ordnung?

von Lowtzow: Nein, wir haben glücklicherweise, was heutzutage auch nicht ganz selbstverständlich ist, aber selbstverständlich sein sollte, alle genau dieselbe Haltung zur Corona-Pandemie und zum Schutz durch Impfen. Wir waren sofort dabei, als diese Kampagne an uns herangetragen wurde und haben sehr gerne unsere Stimme und unseren alten Slogan in abgewandelter Form zur Verfügung gestellt. Es war das einzig Richtige, was man in dem Moment tun konnte.

Das Interview führte Matthes Köppinghoff.

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 28.01.2022 | 16:20 Uhr

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