Stand: 15.08.2018 10:44 Uhr

Musikfestivals: Wenige Frauen auf den Bühnen

von Astrid Wulf

Laute Musik, kaltes Bier, Camping und Chemieklos - wir sind mittendrin in der Festivalsaison und Zehntausende Musikfans pilgern Wochenende für Wochenende auf die Rock-, Pop- und Indiefestivals - Männer wie Frauen. Auf den Bühnen allerdings ist das Bild eher einseitig, dort stehen überwiegend Männer. Warum ist das so? Ein Besuch auf dem "A Summer's Tale"-Festival in der Nähe von Lüneburg.

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Bei den meisten Festivals stehen mehrheitlich Männer auf den Bühnen.

Das Bier in der einen, der Plan mit den Auftrittszeiten in der anderen Hand: New Model Army, Kettcar, Tocotronic - die Festivalbesucher freuen sich auf ihre Lieblingsbands, die im Laufe des Tages auf den Bühnen stehen. Die Frage, welche Musikerinnen beim Festival auftreten, bringt den einen oder anderen ins Grübeln - kein Wunder, es sind nur wenige. Eine Besucherin sagt: "Ist halt auch die Frage: Warum ist das so? Ich habe mir da bisher noch keine Gedanken drüber gemacht."

Männer buchen Männer

Auf rund 25 männliche Solokünstler und Bands kommen beim "A Summer's Tale"-Festival in Luhmühlen etwa fünf Musikerinnen und Frauenbands - bei fünf weiteren Bands sind immerhin Frauen dabei. Für die Singer-Songwriterin Wallis Bird, eine der wenigen Frontfrauen auf diesem Festival, ist klar: Es liegt vor allem an den vielen Männern, die für die Zusammenstellung der Musiker zuständig sind. "Man sieht es überall: Männer buchen Männer. Die Branche ist männlich. Es durchdringt einfach alles - und Tausende Musikerinnen werden übersehen", so Bird.

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Musikerin Wallis Bird: "Die Branche ist männlich. Es durchdringt einfach alles."
Eine Frage des Könnens - oder des Wollens?

Stephan Thanscheidt von Europas größtem Festivalveranstalter FKP Scorpio, der fürs Künstlerbooking unter anderem beim "A Summer's Tale" verantwortlich ist, würde ausgeglichenere Line-ups gut finden - es gebe allerdings einfach zu wenige Musikerinnen, sagt er in einem Interview mit dem Onlinemagazin "Bento" - das übrigens mittels Festivalplakaten ohne die männlichen Acts eine sehr anschauliche, grafische Übersicht zu dem Thema erstellt hat. Mane Stelzer vom Online-Musikjournal "Melodiva" hat die Arbeitsbedingungen von Musikerinnen erforscht und würde Thanscheidt für den Rock- und Metalbereich zustimmen. Es gebe allerdings viele gute Folk-, Pop-, Indie- und Jazzmusikerinnen. Gebucht würden trotzdem eher die Männer: "Wir haben das Gefühl, es gibt Festivalveranstalter, die einfach nach wie vor ihre alten Kontakte nutzen, auf bewährte Bands zurückgreifen und neue Wege gar nicht gehen wollen - oder sich dessen gar nicht bewusst sind."

Es geht auch anders

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Das Reeperbahn Festival in Hamburg ist Teil der Initiative "Keychange".

Alex Schulz, Chef des Hamburger Reeperbahn Festivals, ist Mitinitiator der Initiative "Keychange". 100 Festivals weltweit machen mit und verpflichten sich, den Anteil der beteiligten Frauen in den nächsten Jahren auf 50 Prozent zu erhöhen. In Deutschland sind das Popkultur Festival, das Berliner Jazzfest und einige weitere, eher kleinere Veranstaltungen dabei. Die Szene ist also in Bewegung - wenn auch langsam. Beim Festivalpublikum kommt das gut an: "Ich freue mich immer über frauenstarke Beiträge und ich würde mich sehr freuen, wenn sich das ändern würde", sagt eine Besucherin. Ein Besucher sieht das ähnlich: "Es darf definitiv mehr sein, der weibliche Anteil. Auf jeden Fall."

Frauen bereichern die Festivals

Es ist nicht nur eine Frage der Gleichheit und Fairness, findet Musikerin Wallis Bird. Schließlich bereicherten Frauen die Festivals mit ihrer Musik, ihrer ganz eigenen Sicht der Dinge, ihren Erfahrungen und Geschichten: "Es ist eine Geschichte der Selbstermächtigung. Und für jeden ist es gut, den Geschichten, die Frauen zu erzählen haben, zuzuhören."

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 12.08.2018 | 09:25 Uhr

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