CD-Cover Martin Kohlstedt: "Flur" © Warner Classics

Kohlstedts "Flur" - Field Recordings aus dem Wohnzimmer

Stand: 25.11.2020 13:03 Uhr

Auf "Flur" kehrt Kohlstedt zum Solopiano zurück. Das Album hat etwas Meditatives, könnte aber auch als Filmmusik durchgehen.

von Juliane Reil

Wenn Martin Kohlstedt am Klavier sitzt, scheint er ganz bei sich zu sein. Auf Konzerten spielt er sich regelmäßig in Rauschzustände. Sein Mund offen, die Augen aufgerissen, wechselt seine Mimik mit fast jedem Ton. Mal sitzt er in sich zusammengesunken am Piano, dann scheint er fast aufzuspringen, um den richtigen Winkel für den Anschlag der Tasten zu finden.

Klavierspielen als Selbstgespräch

Kohlstedt ist Autodidakt an seinem Instrument. Als er mit zwölf Jahren das Klavier für sich entdeckt, spielt er zunächst einmal für sich, wie er später sagt: Wenn er die Tastatur des Pianos berührt, sei das wie ein Selbstgespräch. Auch auf seinem neuen Album "Flur" kreist die Musik oftmals wie Gedanken, in denen man sich verfängt. Bestimmte musikalische Phrasen werden oftmals wiederholt, und wenn nur leicht variiert. "Flur" hat etwas stark Meditatives, könnte aber auch als Filmmusik durchgehen.

In den letzten Jahren hat Kohlstedt sein verträumtes Klavierspiel durch Synthesizer, Loops und Effekte kontrastreich erweitert. Beim letzten Album hat er seine Musik durch den Gesang des Leipziger GewandhausChors ergänzt. Auf der neuen Platte kehrt der 32-Jährige nun zum Solopiano zurück. Die Aufnahmen sind in seiner Dachwohnung in Weimar entstanden.

Die Stücke zielen darauf ab, intim zu wirken: von der Mechanik des Klaviers, die auf der Aufnahme zu hören ist, über das Atmen des Spielers bis hin zu Vogelstimmen aus dem offenen Fenster. Es sind quasi Field Recordings aus dem Wohnzimmer. Das ist beliebt im Bereich der Neoklassik.

Stücktitel wie Geheimcodes

In Kohlstedts Stücken klingen diffuse Stimmungen an, die oftmals unartikuliert bleiben. Das mag an eingeschränkten Ausdrucksmöglichkeiten des Pianisten liegen, könnte aber auch Teil seines Konzeptes sein. Für die Hörer soll seine Musik ein Art Projektionsfläche bilden - je offener desto besser, frei für die eigene Assoziation. Deshalb wählt der Künstler auch die Titel seiner Stücke bewusst kryptisch. Sie bestehen aus nur drei Großbuchstaben wie etwa "ZIN", "LUN" oder "PAN" - man denkt an die Abkürzungen von internationalen Flughäfen oder an Geheimcodes.

Einflüsse von Pop spielen eine Rolle bei Kohlstedt, genauso wie Clubmusik. Auch wenn der pulsierende Beat nicht zu hören ist, ist er in einigen Stücken auf "Flur" durch das rhythmische Spiel des Pianisten unterschwellig wahrnehmbar. Wohin die Stücke genau wollen, weiß man nicht. Der Musiker nennt seinen Ansatz ein "intuitives Laufenlassen am Klavier".

"Flur": Ein romantischer Klavier-Rave

"Flur" mutet wie ein romantischer Klavier-Rave an - einige mag das in Trance versetzen, andere mögen die Musik für sich schnell ausblenden. Dabei erfindet Kohlstedt die Neoklassik nicht neu, sondern setzt auf Bewährtes. Bei seinen Fans hat er damit Erfolg.

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Flur

Label:
Warner Classics
Veröffentlichungsdatum:
27. November 2020

Dieses Thema im Programm:

Klassisch unterwegs | 26.11.2020 | 14:20 Uhr

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