Marinemusikkorps Wilhelmshaven © NDR Foto: Jutta Przygoda

Marinemusikkorps Wilhelmshaven wächst trotz Corona

Stand: 14.03.2021 15:15 Uhr

Vor eineinhalb Jahren hat sich in Niedersachsen ein neues, symphonisches Blasorchester gegründet - das Marinemusikkorps Wilhelmshaven. Corona stellt die Musikerinnen und Musiker der Bundeswehr vor Herausforderungen, geprobt wird abgeschirmt von Plexiglaswänden.

von Jutta Przygoda

Das Orchester wächst, trotz Corona. Zurzeit sind es knapp 30 Musikerinnen und Musiker, im Herbst sollen es bereits 41 sein, und Ziel sind 56 Männer und Frauen, die normalerweise in blauer Marine-Uniform bei Schiffsankünften oder -abschieden die Besatzungen und deren Angehörige mit Musik unterhalten. Außerdem spielt das Musikkorps bei zahlreichen Anlässen in und um Wilhelmshaven Konzerte, wenn Corona nicht gerade alles ausbremst.

Melina Decke vom Marinemusikkorps Wilhelmshaven © NDR Foto: Jutta Przygoda
Melina Decke ist seit August 2020 beim Marinemusikkorps dabei.

Bei einem Probenbesuch fällt auf: Die 30 Musikerinnen und Musiker sind in ihrem Probenraum in der Kaserne durch Plexiglaswände voneinander abgeschirmt. Corona hat auch beim Marinemusikkorps Wilhelmshaven den Alltag kompliziert gemacht. Seit über einem Jahr keine Konzerte mehr von Publikum. Aber hier wird gerade für eine CD geprobt. Darunter sind auch Seemanns-Shanties, neu arrangiert. Eine der beiden Piccolo-Flöten spielt Melina Decke. Sie ist über den ganz klassischen Weg in dieses Orchester gekommen. Die 23-Jährige stammt aus Offenburg im Schwarzwald, also weit weg vom Meer und Marine. Aber auch in Baden gibt es Militärmusik. "Die Stadtkapelle Offenburg besteht aus Militärmusikern, und dadurch hatte ich die Berührung dazu", erzählt sie.

In die Bundeswehr war die junge Musikerin bereits 2016 eingetreten. Nach der Grundausbildung, ging es für sie weiter mit der Musik. Vier Jahre studierte die Flötistin an der Robert Schumann Hochschule in Düsseldorf. Diese arbeitet eng mit dem Ausbildungsmusikkorps der Bundeswehr zusammen. Und seit August 2020, mit frischem Abschluss in der Tasche, ist Melina Decke jetzt beim Marinemusikkorps Wilhelmshaven. "Es macht mir so viel Spaß, im Orchester zu spielen, mit so vielen Leuten", sagt sie. "Und natürlich spielen wir auch Marschmusik, aber nicht nur." Die junge Musikerin hat ihr Hobby zum Beruf gemacht, wie sie sagt.

Vom Musical zum Marinemusikkorps

Holger Becker vom Marinemusikkorps Wilhelmshaven © NDR Foto: Jutta Przygoda
Holger Becker kam vom Musical zur Militärmusik.

Bei Trompeter Holger Becker war der Weg ein ganz anderer:  Mit 45 Jahren ist er einer der Quereinsteiger beim Marinemusikkorps Wilhelmshaven und bereits seit Dezember 2019, kurz nach der Indienststellung des Orchesters, mit dabei. Davor war Becker freiberuflicher Musiker, hatte in Bremen an der Hochschule für Kunst Trompete studiert und war schließlich mit einem Bein bei diversen Musical-Produktionen in Hamburg gelandet. "Da wurden Trompeter gesucht, ich habe vorgespielt und habe eine halbe Stelle in Hamburg gemacht", erzählt er. Er spielte in diversen Musicals und wechselte zum Theater Neue Flora, wo "Aladin" gespielt wurde. Unterhaltung und Show jeden Abend.

Doch dann hörte Holger Becker, dass in Wilhelmshaven ein junges, symphonisches Blasorchester bei der Bundeswehr neu aufgestellt wird. Das war seine Chance, denn die Aufgabe hier ist besonders: Ein neues Orchester gründet sich, es wächst zusammen. "Wir haben ganz junge Kollegen hier, die ganz frisch von der Hochschule kommen. Total motiviert", sagt er. "Ich bin der alte Mann hier mit meinen 45 Jahren im Ensemble, es sind zwar auch ältere dabei, aber sehr viele junge, das war für mich eine ganze wunderbare Situation, die ich natürlich ergriffen habe."

Sicherer Arbeitsplatz in Corona-Zeiten

Eine neue Herausforderung für ihn als Musiker und für den Familienvater - auch das nicht zu unterschätzen - ein sicherer Arbeitsplatz. Eine gute Kombination, gerade jetzt in Corona-Zeiten. Seit Dezember 2019 ist Thomas Becker nun fest als Stabsbootsmann beim Marinemusikkorps. Vorher musste er allerdings noch zur Grundausbildung inklusive einer Sanitätsausbildung, denn Militärmusiker sind gleichzeitig auch Sanitäter. In einem militärischen Ernstfall würden sie in dieser Funktion eingesetzt. Zur See fährt hier allerdings keiner, auch wenn die Dienstgrade wie Stabsbootsmann oder Fregattenkaptän das denken lassen.

Für Trompeter Becker macht es übrigens keinen Unterschied, ob er im Frack in einem Orchestergraben sitzt oder in der blauen Uniform der Marine an der Kaje auftritt. "Der Job ist ja, dass ich die Leute unterhalte. Und ob ich jetzt ein einlaufendes Schiff habe, wo die Leute sich unglaublich freuen, oder sie fahren ab und die Leute haben diese Gefühle und auch mal Pipi in den Augen, das ist schon etwas Besonderes. Diese Momente hat man im Musical, im Symphoniekonzert, das bleibt für mich gleich, das ist dasselbe."

Mal klassische Militärmusik, mal moderne Stücke

Ob klassische Militärmusik oder moderne Stücke, das Repertoire eines Marinemusikkorps ist riesig. Aber was zurzeit allen Musikerinnen und Musikern fehlt, das sind Konzerte und Auftritte. Flötistin Melina Decke hat noch kaum welche mit ihrem neuen Orchester erlebt, denn sie ist erst seit August beim Marine Musikkorps Wilhelmshaven. Und nun leben alle seit Monaten im Lockdown. Nur in kleinen Besetzungen kann intern bei Truppen-Zeremoniellen aufgetreten werden. Als Quartett oder Quintett. Maximal erlaubt sind zehn Musiker.

So zum Beispiel kürzlich bei einem Appell auf dem Fliegerhorst in Jever, bei welchem Soldatinnen und Soldaten in den Auslandseinsatz verabschiedet wurden. Aber öffentliche Auftritte - Fehlanzeige, sagt der Leiter des Marine Musikkorps Wilhelmshaven Matthias Prock. Und das hinterlasse Spuren. "Wir merken das alle", sagt er, "alle Orchester der Bundeswehr, jedes zivile, alle Musiker, Künstler. Der Auftritt ist das Brot des Künstlers, das fehlt."

Hoffen auf den Sommer

Hoffnung auf ein großes Konzert in Öffentlichkeit gibt es erst wieder im Sommer, zum Wochenende an der Jade, das in den August verschoben wurde. Für sein Orchester sei auch vieles anders, weil es kein festes Haus, für die Auftritte gibt, sagt Prock. Die Musikerinnen und Musiker seien angewiesen auf Veranstaltungen, für die dann jeweils ein eigenes Konzept erstellt werden müsse. "Das ist eine größere Herausforderung als für die festen Häuser, die jetzt schon ihr Konzept in der Schublade haben und nur noch darauf warten, bis das Haus wieder geöffnet werden darf."

Auch bei Schiffsankünften oder Abschieden darf noch nicht gespielt werden. Doch trotz aller Einschränkungen durch Corona - das Marinemusikkorps Wilhelmshaven wächst: "Wir sind derzeit noch 27, in wenigen Tagen 29." Klarinette und Saxophon seien aber unterbesetzt.

Es lohnt sich also für Berufsmusiker, einmal über die Laufbahn in einem symphonischen Blasorchester bei der Bundeswehr nachzudenken. Quereinsteigen geht auch. Auch Leiter Prock, der als Junge noch bei den Regensburger Domspatzen gesunden hat und später im Hauptfach Orgel studierte, fand erst durch den Wehrdienst von der Kirchenmusik zur Militärmusik.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Kulturspiegel | 16.03.2021 | 19:00 Uhr

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