Stand: 19.03.2019 12:44 Uhr

Leuchtender Klavierabend mit Grigory Sokolov

von Elisabeth Richter

Grigory Sokolov gehört zu den wenigen Künstlern, die kein Aufhebens um ihre Person machen. Ihm ist jedes Stargehabe fremd. Bei ihm steht wirklich die Musik im Zentrum. Er gibt keine Interviews. Er produziert keine Schallplattenaufnahmen. Dennoch oder vermutlich gerade deshalb sind seine Konzerte ausverkauft. So auch in der Hamburger Laeiszhalle.

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Grigory Sokolov ist Jahrgang 1950.

Beim Spielen zeigt Grigory Sokolov kaum Regungen. Er wirkt immer hochkonzentriert. Wer nah genug an der Bühne sitzt, kann aber sehen, dass er manche musikalischen Wendungen leise mit Mundbewegungen begleitet, dass sein Körper ganz in der Musik, im Rhythmus, in den Tönen ist. Und auch wenn Sokolov "keine Miene" verzieht - es muss ihm Spaß machen. Wie sonst kann es angehen, dass er auch diesmal in der Hamburger Laeiszhalle nicht weniger als sechs Zugaben spielte, und damit an die reguläre Konzertzeit eine geschlagene Dreiviertelstunde "dranhängte"? Strahlende Gesichter, heiß geklatschte Hände, stehende Ovationen für einen Ausnahmepianisten.

Bringt Klavierstücke zum Leuchten

Hätte da nicht Beethovens frühe Sonate C-Dur Op. 2 Nr. 3 zu Beginn auf dem Programm gestanden, man würde sagen: "Spätwerk" war das Motto dieses Konzerts. Denn auf die ziemlich wilde, aber auch ziemlich eigene frühe Sonate eines schon in jungen Jahren ziemlich eigenwilligen Komponisten folgten die späteren "Elf Bagatellen" Op. 119 des reifen Komponisten. Sie sind zwar Gelegenheitswerke, hier und da für die Klavierschule eines Kollegen komponiert, aber aus jeder Bagatelle wird bei einem Meister wie Beethoven ein Charakterstück mit Tiefgang. Und bei einem Meister wie Grigory Sokolov fangen die scheinbar simplen Stücke an zu leuchten.

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Gut durchdachte Balance

Ging Sokolov bei der C-Dur Sonate Op. 2 am Anfang zwar die Tempi diszipliniert an, ohne zu rasen, so hatte er aber dennoch die Wildheit und den Tatendrang des jungen Beethoven faszinierend herausgestellt. Er betonte die dynamischen Kontraste auf engstem Raum mit wunderbar weich und rund gefärbten Pianoklängen und ruppigen, dramatisch akzentuierten Forteakkorden. Sokolov wäre aber nicht Sokolov, wenn alles nicht in einer gut durchdachten Balance stünde.

Introvertierte Intermezzi mit pochender Unruhe

Die zweite Konzerthälfte war dann den späten Klavierstücken Op. 118 und 119 von Johannes Brahms gewidmet. Hier überraschte, dass Sokolov die Fortebereiche bis an die Grenzen ausreizte, und manches sehr tänzerisch anlegte, zum Beispiel die g-Moll Ballade Op. 118. Am stärksten wirkten jedoch die philosophierenden, introvertierten Intermezzi. Auch wenn es manchmal eine untergründige, pochende Unruhe gibt - Sokolov gab den Stücken eine Abgeklärtheit und sphärische Entrücktheit, die ungeheuer berührte.

Der Pianist Grigory Sokolov spielt auf einem Klavier. © AMC Verona

Leuchtender Klavierabend mit Grigory Sokolov

NDR Kultur - Klassisch in den Tag -

Bei einem Klavierabend in der Hamburger Laeiszhalle spielte Grigory Sokolov Werke von Beethoven und Brahms. Am Ende gab es strahlende Gesichter und stehenden Ovationen für den Ausnahmepianisten.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 19.03.2019 | 06:40 Uhr

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