CD-Cover des Albums "False" von Lambert © Mercury Classics (Universal Music)

Lamberts Album "False" als Spiel multipler Persönlichkeiten

Stand: 10.02.2021 10:22 Uhr

Der Hamburger Pianist Lambert, dessen Persönlichkeit dank sardischer Maske verborgen bleibt, treibt das Spiel mit Identität auf seinem neuen Album "False" noch weiter. Darauf sind 14 Stücke, produziert von 14 unterschiedlichen aber imaginären Musikerpersönlichkeiten.

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von Mischa Kreiskott

Angeblich - so behauptet Lambert - habe die Geschichte von "False" mit dem Auftrag eines niederländischen Musikbloggers angefangen: Stell ein Mixtape zusammen, eine hübsche Musikcollage, mit sentimentaler Klaviermusik. Musiker Lambert, mit viel Zeit in der Corona-Zwangspause, findet diese Idee recht uninteressant: "Ich hatte Interesse daran, das Mixtape selber zu produzieren und es dann zu übergeben, als wäre es ein Mixtape."

Neue Klassik aus Island und sanfter Elektropop

So entstehen in kurzer Zeit die 14 neuen Lambert Tracks, eingespielt mit den unterschiedlichsten imaginären Musikpartnern. Lambert trifft die herbeifantasierte Isländerin Hrafnhildur Melsteð zu einem flirrenden Duet ("Mind no ever xxx").

Er produziert mit dem ausgedachten Bob Drew einen akustischen Deephouse-Track oder ersinnt mit dem ersponnen "Room Trail" Musik wie "Spheres", die entfernt an den Elektropop des französischen Duos "Air" erinnert. Soviel Aufwand für ein Mixtape! Der besagte Musik-Blogger hätte eigentlich begeistert sein müssen. "Ich war eigentlich sehr zufrieden damit - der Auftraggeber allerdings überhaupt nicht. Der wollte eigentlich so ein neoklassisches Mixtape mit seichter Klaviermusik."

Playlistästhetik bringt Erfolg

Klaviermusik, wie sie derzeit tatsächlich in Massen produziert wird. Bei Streamingportalen kann man sich mit endlosen Listen relativ belangloser Instrumentalkompositionen stundenlang berieseln lassen. Musiker wie Chilly Gonzales, Nils Frahm oder Ólafur Arnalds haben diese Mode einst zwar mit angefacht, distanzieren sich heute aber. Keiner will Teil von "Neo Classical" sein, der schwammige Begriff, den man der Bewegung gab.

Der Pianist Lambert mit seiner sardischen Maske © Andreas Hornoff Foto: Andreas Hornoff
Verschiedenste Facetten unter einer Maske: Lambert.

Auch Lambert möchte nicht steckenbleiben in diesem modernen Klavier-Biedermeier. Ein Musiker könne schließlich so viele Facetten darstellen, wie es ihm gefiele. "Es wird einem Künstler immer so eine gewisse Inselbegabung unterstellt. Während bei Politikern vollkommen klar ist, dass die später in irgendwelchen Firmen arbeiten dürfen, müssen Künstler doch bitte immer wieder neu das gleiche Album in allen Variationen aufnehmen."

So wäre das Album "False" vor einigen Jahren vielleicht wirklich noch der Alptraum jedes Musikkarrierestrategen gewesen: zerrissen, eklektizistisch, unwiedererkennbar und vor allem sympathisch versponnen. Lambert genießt mit Hilfe seiner Fantasiepartner Ausflüge in die unterschiedlichsten Klangwelten, lässt mitten in einem verträumten Klaviertitel den Postboten klingeln oder zeigt bei "To the bone" mit Partner Grand Ox, wo er eigentlich herkommt: aus dem Jazz. "Wie ich Musik wahrnehme, wie ich Musik schreibe, wie ich Musik aufführe hat immer etwas mit Improvisation zu tun", sagt Lambert. "Ich sehe mich, so wie ich das Klavier gelernt habe, auch mehr als Jazzmusiker und weniger als klassischer Musiker. Das wird selten so gesehen, deshalb wollte ich das jetzt verraten."

Unverwechselbar durch viel Fantasie

Zusammen mit dem Album "False" erscheint ein ganzes Lambert-Kaleidoskop von begleitenden Videos, Social-Media-Auftritten der imaginären Musikpartner und Fantasieinterviews. Das mag man für groben Unfug halten. Andererseits schließt Lambert mit diesem Feuerwerk an Quatschgeschichten eine große Lücke, die die Digitalisierung in der Musik hinterlässt: Wer nur streamt und keine Platten kauft, verliert den Bezug zu den Musikerinnen und Musikern völlig. Ständig schwappt neues in die Timeline, alles fliegt vorbei und Konzerte, zumindest jenseits der Subventionskultur, gibt es nun seit einem Jahr fast gar nicht mehr. Die große Erzählung hinter einem Kunstprodukt, und sei sie so verschroben wie im Fall von False, schafft Bindung und emotionale Tiefe. Allein musikalisch gehört "False" zum Interessantesten, was Lambert in den letzten Jahren geschaffen hat.

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False

Genre:
Neo Classical
Label:
Mercury Classics (Universal Music)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue CDs | 11.02.2021 | 14:20 Uhr

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