Stand: 02.08.2019 14:39 Uhr

Frauen im Deutschrap: Das neue Selbstbewusstsein

von Leonie Andersen

Deutschrap verbinden viele Menschen noch immer mit Gewalt und Frauenverachtung. Dabei gibt es längst zahlreiche Künstlerinnen, die sich erfolgreich einen Platz in der männerdominierten Szene erkämpft haben. Wie inszenieren sich Rapperinnen in Deutschland? Und ist damit das Sexismus-Problem der Szene behoben?

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Die Rapperin Eunique wurde durch das Internet bekannt.

Lange suchte man die Gleichberechtigung im Deutschrap vergeblich. Jetzt liegen Frauen nicht mehr nur halbnackt im Hintergrund von Musikvideos herum, sondern stehen in Studios und auf Bühnen. Künstlerinnen wie Eunique und Ebrow, Haszcara oder Loredana rappen über Geld und Gefühle, Markenkleidung und den eigenen Erfolg.

Ich hab' zehn Mille in bar da
Ich glaub', das liegt an mei'm Karma
Ich hab' mir das alles aufgebaut (aha)
Wurde Zeit, irgendwas rauszuhau'n
Und was hier passiert, ist kaum zu glauben (woo, woo)
Und was hier passiert, ist kaum zu glauben (rrah) Song von Loredana: "MILLIONDOLLARSMILE"

Lange von der Szene ausgeschlossen

Dass ihre Lieder über Status und Selbstermächtigung von Millionen Menschen gehört werden, war nicht immer selbstverständlich. Denn obwohl Rapperinnen wie Roxanne Shanté viel zur Entstehung der Hip-Hop-Kultur beigetragen haben, wurden Frauen von der Szene lange Zeit weitestgehend ausgeschlossen, sagt die Soziologin Ayla Güler Saied. Sie hat über Rap in Deutschland promoviert: "Die Frage ist: Wer wird repräsentiert? Wer hat die Definitionsmacht? Und das ist im Rap, insbesondere im Gangsta-Rap, genauso wie in der Gesellschaft auch. Wir leben nach wie vor in einer männlich dominierten Gesellschaft."

Wichtige Vorbilder für junge Mädchen

Heute sind Rapperinnen mit ihrem selbstbewussten Auftreten wichtige Vorbilder für junge Mädchen. Ihre Botschaft lautet: Ich verdiene mein eigenes Geld, bin unabhängig und lasse mich von niemandem aufhalten. Ebow thematisiert dabei auch ihre Herkunft und Religion.

"Ihr hasst mich, ihr hasst mich so richtig
Denn diese Kanakin hier macht sich zu wichtig
Ist zu gebildet, sieht zu gut aus
Zersprengt eure Kästen, muslimischer Frauen
Autsch" Song von Ebow: "Punani Power"

Beschimpfungen auf Social Media

Dass Rapperinnen stolz ihre Erfolge präsentieren und sich laut selbst feiern, damit kommen nicht alle Menschen klar. In sozialen Netzwerken wird ihnen häufig Arroganz vorgeworfen, während Männer für übertriebene Selbstdarstellung gefeiert werden. Saied führt das auf die Geschlechterrollen in unserer Gesellschaft zurück: "Auf jeden Fall hat das mit Frauenverachtung zu tun. Und genau diese gewählte Inszenierung ist die Antwort darauf und in meinen Augen auch die richtige Antwort. Weil Frauen die vorgefestigten Rollen, die seit Jahrhunderten, Jahrtausenden bestehen, in Frage stellen."

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Die Sängerin Juju thematisiert die Anfeindungen gegen sie in ihren Texten.

Dieser Frauenverachtung begegnen die Künstlerinnen teilweise direkt in ihren Texten und reagieren auf Vorurteile und Beleidigungen. "Gerade indem sie mit denselben Mitteln antworten, mit denen Männern versuchen sie fertigzumachen. Sie setzen diese Mittel als Waffe ein", so Ayla Güler Saied.

Ein Beispiel ist Juju, die in ihrem Song "Bling Bling" folgendes rappt:

Komm, komm, ice me out, Bitch, ich bin eine Frau
So schlau, du verkaufst dich, du siehst nur mein Gesicht
Ja, du siehst nur meinen Ausschnitt und sagst, ich bin 'ne Bitch
Nein, find' ich überhaupt nicht, ich lebe meinen Traum Song von Juju: "Bling Bling"

Botschafterin für Frauenrechte

Zu freizügig zu sein, das wird auch der Newcomerin Shirin David vorgeworfen. Sie räkelt sich in knapper Kleidung zwischen Hundewelpen und wird wegen dieser sexualisierten Darstellung stark kritisiert. Dabei kann auch eine aufreizend tanzende Frau feministisch sein, sagt Saied: "Zum einen, weil sie damit die kapitalistische Marktlogik bedienen, nach dem Motto: Sex sells. Zum anderen sind sie in dieser Inszenierung, die sie wählen, die Protagonistinnen und nicht wie bei den männlichen Rapperinnen lediglich die Nebenrolle, die sogenannten Statistinnen."

Der Erfolg gibt Shirin David Recht. Ihre Single "Gib ihm" führte zwei Wochen lang die Deutschen Single Charts an, das Video dazu wurde auf YouTube bisher knapp 39 Millionen Mal angeklickt. Shirin David vermittelt ihren Fans: Es ist egal, was andere über dein Auftreten sagen. Damit ist sie eine Botschafterin für Frauenrechte - auch, wenn sie nur halb angezogen ist.

Kilometerlange Stilettos (Uh)
So gut wie wir aussehen, is schon respektlos
Sie kommen an, sagen: "Shirin, das is echt kurz"
Ich wollt in Unterwäsche komm', fick dein' Dresscode
Lasse heut mein Yamamoto in der Garderobe
Seine Augen wandern immer noch entlang der Kurven
Manche gucken komisch, meinen, dass mein Kleid zu kurz is
Ich bin nich halb nackt, bin nur halb angezogen Song von Shirin David: "Gib ihm"

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 03.08.2019 | 07:55 Uhr

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